NEU­ER POLAN­SKI-FILM IM KI­NO

In „Nach ei­ner wah­ren Ge­schich­te“fühlt sich Schrift­stel­le­rin Del­phi­ne (l.) von El­le ver­stan­den

Leipziger Volkszeitung - - ERSTE SEITE - VON STEFAN STOSCH

Be­droh­lich na­he rü­cken die Fans in der Buch­hand­lung an die Schrift­stel­le­rin her­an. Die Ka­me­ra zeigt ih­re Ge­sich­ter aus der Per­spek­ti­ve der Au­to­rin. Wäh­rend sie flei­ßig ih­ren Er­folgs­ro­man si­gniert, tröp­feln freund­li­che Wor­te aus über­gro­ßen Mün­dern auf Del­phi­ne (Em­ma­nu­el­le Seig­ner) her­ab: Mut ha­be ihr Buch ge­macht, in­ner­lich be­wegt, zum Nach­den­ken über die ei­ge­ne Exis­tenz ge­bracht.

Kaum zu glau­ben, wel­chen Ein­fluss Li­te­ra­tur ha­ben kann – be­son­ders dann, wenn die­se mit ei­nem Echt­heits­zer­ti­fi­kat be­legt ist und da­mit als glaub­wür­dig gilt. Del­phi­ne hat den Tod ih­rer Mut­ter in dem Buch öf­fent­lich ge­macht. Und nun glau­ben al­le, ganz ge­nau zu wis­sen, was sich da für ei­ne Tra­gö­die in ih­rer Fa­mi­lie ab­ge­spielt hat.

Del­phi­ne möch­te sich weg­du­cken, ein­fach auf­ste­hen und flie­hen vor so viel Zu­wen­dung. Aber die Schlan­ge vor ihr wird ein­fach nicht kür­zer. Sie kann nicht mehr, der Er­folg ist ihr über den Kopf ge­wach­sen. So wird sie ih­re aku­te Schreib­blo­cka­de nie los, die sie bei ih­rem Nach­fol­ge­buch be­fal­len hat.

Und dann steht da die­se jun­ge, strah­len­de Frau mit dem leuch­tend ro­ten Lip­pen­stift vor ihr, die so selbst­si­cher vom ers­ten Mo­ment an das Kom­man­do über­nimmt. El­le – so wie das fran­zö­si­sche weib­li­che Per­so­nal­pro­no­men – nennt sie sich. Der Na­me kom­me von Eli­sa­beth, sagt El­le (Eva Gre­en).

El­le kann zu­hö­ren. Sie scheint zu wis­sen, was rich­tig und was falsch für die er­schöpf­te Del­phi­ne ist. Die Au­to­rin ist nur all­zu gern be­reit, sich die­ser Frau zu er­ge­ben. Vor al­lem beim Schrei­ben: Denn El­le ist vom Fach. Sie ar­bei­tet als Ghost­wri­te­rin.

Das ist schon mal ein hüb­scher Be­zug zu Ro­man Polans­kis Fil­mo­gra­fie. Der pol­nisch-fran­zö­si­sche Re­gis­seur hat 2010 ei­nen Thril­ler über ei­nen Ghost­wri­ter ver­filmt, der auch „Ghost­wri­ter“hieß. Schon da war schwer zu er­mit­teln, wo die Gren­ze zwi­schen Fak­ten und Fik­ti­on im Le­ben ei­nes ehe­ma­li­gen bri­ti­schen Pre­mier­mi­nis­ters ver­lief, der al­ler­hand Dreck am Ste­cken hat­te.

Und geht es nicht auch in Polans­kis frü­hem Film „Ekel“(1965, mit Ca­the­ri­ne De­neuve) um un­ter­schied­li­che Wahr­neh­mun­gen der Welt, um Hal­lu­zi­na­tio­nen und schi­zo­phre­nes Ver­hal­ten?

Auch in Polans­kis ak­tu­el­lem Film „Nach ei­ner wah­ren Ge­schich­te“lö­sen sich die Si­cher­hei­ten auf, je län­ger der Film dau­ert. Polan­ski hat Del­phi­ne de Vi­gans gleich­na­mi­gen Ro­man ver­filmt. Der Buch­ti­tel führt be­wusst in die Ir­re: Was ist wahr und was ist er­fun­den an ei­ner Ge­schich­te, in der ei­ne ech­te Pa­ri­ser Best­sel­ler­au­to­rin ei­nen Ro­man über ei­ne fik­ti­ve Pa­ri­ser Best­sel­ler­au­to­rin schreibt und bei­de den­sel­ben Na­men tra­gen?

Die ge­heim­nis­vol­le El­le nis­tet sich im Le­ben von Del­phi­ne ein. Sie zieht bei ihr ein, weil sie an­geb­lich ih­re ei­ge­ne Woh­nung auf­ge­ben muss. Sie be­ant­wor­tet in Del­phi­nes Na­men de­ren E-mails. Sie er­klärt sich so­gar be­reit, zu Le­sun­gen zu fah­ren und sich als die Schrift­stel­le­rin aus­zu­ge­ben, um die­se zu ent­las­ten. Auch bei der Klei­dungs­aus­wahl wer­den sich die bei­den im­mer ähn­li­cher.

El­le ist bald schon Del­phi­nes bes­te Freun­din – was nicht heißt, dass sie nur nett ist. El­le kann schreck­lich ei­fer­süch­tig sein. Sie er­trägt es kaum, wenn Del­phi­ne auch nur ein In­ter­view gibt, oh­ne die­ses mit ihr ab­zu­spre­chen. Als Del­phi­ne sich ein Bein bricht und El­le mit ihr ins Land­haus auf­bricht, ist die Ro­man­au­to­rin ih­rer be­sitz­er­grei­fen­den Freun­din aus­ge­lie­fert. Könn­te es sein, dass El­le Schlim­me­res im Schil­de führt?

Un­will­kür­lich stel­len sich As­so­zia­tio­nen zu Rob Rei­ners „Mi­se­ry“(1990) ein, in dem eben­falls ein Er­folgs­au­tor in die Hän­de sei­nes größ­ten Fans ge­rät. Aber das Thril­ler­po­ten­zi­al spie­len Polan­ski und sein Dreh­buch-co-au­tor Oli­vier As­sa­yas nur be­dingt aus. Die­ser Film setzt (lei­der) we­ni­ger auf Span­nung, bie­tet da­für aber ein ver­wir­ren­des Ve­xier­spiel. Was pas­siert denn nun wirk­lich in Del­phi­nes Le­ben, die plötz­lich in der Be­zie­hung zu El­le den Stoff für ih­ren nächs­ten Ro­man ent­deckt?

Der mitt­ler­wei­le 84-jäh­ri­ge Ro­man Polan­ski hat selbst ein film­rei­fes Le­ben ge­führt, an dem die Öf­fent­lich­keit bis heu­te re­gen An­teil nimmt. Der aus ei­ner jü­di­schen Fa­mi­lie stam­men­de Jun­ge über­leb­te bei ei­ner pol­ni­schen ka­tho­li­schen Bau­ern­fa­mi­lie die deut­sche Be­set­zung im Zwei­ten Welt­krieg. Sei­ne Frau Sha­ron Ta­te wur­de 1969 von der Man­son Fa­mi­ly er­mor­det (die­se Tra­gö­die will Polans­kis Re­gie­kol­le­ge Qu­en­tin Ta­ran­ti­no jetzt ver­fil­men).

Bis heu­te ver­sucht die Us-jus­tiz, Polans­kis hab­haft zu wer­den, weil der 1977 ei­ne Min­der­jäh­ri­ge in Hol­ly­wood se­xu­ell miss­braucht ha­ben soll – des­we­gen hat die Hol­ly­wood Aca­de­my den Os­car-preis­trä­ger (mit „Der Pia­nist“, 2002) vor ein paar Ta­gen aus ih­ren Rei­hen aus­ge­schlos­sen.

Vi­el­leicht hat den Re­gis­seur „Nach ei­ner wah­ren Ge­schich­te“auch des­halb fas­zi­niert, weil sich ei­ne Fi­gur hier dem Zu­griff des Pu­bli­kums ge­schickt ent­zieht. Hin­ter de­ren Zwei­feln und Un­si­cher­hei­ten kann sich der Re­gis­seur wun­der­bar ver­ber­gen.

„Nach ei­ner wah­ren Ge­schich­te“, Re­gie: Ro­man Polan­ski, mit Em­ma­nu­el­le Seig­ner, Eva Gre­en, 100 Mi­nu­ten, FSK 12

Fo­to: Stu­dio­ca­nal

Schick­sal­haf­te Be­geg­nung: Die er­folg­rei­che Schrift­stel­le­rin Del­phi­ne (Em­ma­nu­el­le Seig­ner) fühlt sich von El­le (Eva Gre­en) ver­stan­den.

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