„Not, Hun­ger und Elend ver­rin­gern“

Ent­wick­lungs­mi­nis­ter Gerd Mül­ler über den Streit um die Etat­pla­nung, welt­wei­te Flücht­lings­strö­me und ei­ne Steu­er ge­gen Plas­tik­müll

Leipziger Volkszeitung - - BLICKPUNKT - In­ter­view: Ras­mus Buch­stei­ner, Gor­don Re­pin­ski

Herr Mül­ler, Sie ha­ben der Haus­halts­pla­nung von Fi­nanz­mi­nis­ter Olaf Scholz (SPD) nur un­ter Vor­be­halt zu­ge­stimmt. Sind Sie in­zwi­schen wie­der ver­söhnt?

Ich bin sehr zu­frie­den mit der Ent­wick­lung mei­nes Etats in den ver­gan­ge­nen Jah­ren. Auch für den Haus­halt 2018 ha­ben wir ein gu­tes Er­geb­nis er­zielt. Das ist wich­tig, um die An­for­de­run­gen in der Sy­ri­en-kri­sen­re­gi­on und in Afri­ka zu de­cken. Aber 2019 sol­len die Mit­tel nach den Pla­nun­gen des Fi­nanz­mi­nis­ters ab­sin­ken. Das wä­re fa­tal. Wir ha­ben in der Ko­ali­ti­on ver­ein­bart, dass die so­ge­nann­te Oda-quo­te (der An­teil der Ent­wick­lungs­aus­ga­ben an der Wirt­schafts­kraft) nicht ab­sin­ken darf. Und die welt­wei­ten Kri­sen er­for­dern auch ei­nen hö­he­ren Haus­halts­an­satz.

Was wä­re die Fol­ge, wenn Sie den nicht be­kä­men?

Ich könn­te sonst das bis­he­ri­ge En­ga­ge­ment für sechs Mil­lio­nen Flücht­lin­ge in der Kri­sen­re­gi­on rund um Sy­ri­en nicht fort­füh­ren. Auch beim „Mar­shall­plan mit Afri­ka“, der Son­der­initia­ti­ve „Aus­bil­dung und Be­schäf­ti­gung“und beim Rück­keh­rer­pro­gramm „Per­spek­ti­ve Hei­mat“wür­de Geld feh­len. Ich hof­fe, den Fi­nanz­mi­nis­ter mit mei­nen Ar­gu­men­ten über­zeu­gen zu kön­nen und ver­traue auf die Fest­le­gun­gen im Ko­ali­ti­ons­ver­trag. Es ist un­strit­tig, dass fi­nan­zi­el­le Spiel­räu­me, wie wir sie jetzt ha­ben, vor­ran­gig für Ent­wick­lung und Ver­tei­di­gung ge­nutzt wer­den sol­len.

Deutsch­land hat sich in­ter­na­tio­nal ver­pflich­tet, 0,7 Pro­zent sei­ner Wirt­schafts­leis­tung in Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit zu in­ves­tie­ren. Wie wich­tig sind sol­che Zu­sa­gen?

Die­se in­ter­na­tio­na­len Zu­sa­gen dür­fen wir nicht in­fra­ge stel­len. Aber wir müs­sen vor al­lem auf ei­nen wirk­sa­men Ein­satz des Gel­des ach­ten. Neh­men Sie die Stadt Mos­sul im Nord­irak. Die Stadt sieht aus wie Ber­lin nach dem Zwei­ten Welt­krieg. Die Gr­und­ver­sor­gung ei­nes Men­schen in den Camps kos­tet uns 50 Cent am Tag. Mil­lio­nen von Men­schen mit ih­ren Kin­dern sind dar­auf an­ge­wie­sen. Jetzt geht es um die Rück­kehr der Bin­nen­flücht­lin­ge in ih­re Hei­mat­städ­te. Und dies ge­lingt uns. Die Men­schen wol­len vor Ort blei­ben, be­nö­ti­gen aber un­se­re Un­ter­stüt­zung. Wir sind das Frie­dens­mi­nis­te­ri­um. Un­se­re Haupt­auf­ga­be ist, Not, Hun­ger und Elend in der Welt zu ver­rin­gern durch vor­aus­schau­en­de Po­li­tik. Ent­wick­lungs­po­li­tik setzt lang­fris­tig an. Es geht nicht nur um Flucht. Es geht vor al­lem um die Er­näh­rungs­si­che­rung ei­ner wach­sen­den Welt­be­völ­ke­rung, Kli­ma­schutz, Auf­bau von Ge­sund­heits­sys­te­men, Bil­dung und Fa­mi­li­en­po­li­tik.

Deut­lich mehr Geld für Ent­wick­lungs­hil­fe nicht nur aus Deutsch­land – ist das nicht Wunsch­den­ken?

Wir soll­ten stär­ker pri­va­tes Ka­pi­tal für un­se­re Zie­le mo­bi­li­sie­ren. Da­zu ha­be ich mit dem „Mar­shall­plan mit Afri­ka“ein Kon­zept vor­ge­legt. Gleich­zei­tig muss sich Eu­ro­pa stär­ker en­ga­gie­ren. Die Vor­schlä­ge für den neu­neu­en en Fi­nanz­rah­men der EU hal­te ich für voll­kom­men un­zu­rei­chend. Die Mit­tel sind ja da. Mir kann kei­ner er­zäh­len, dass die Ban- ken­tür­me in Frank­furt ins Wan­ken ge­ra­ten, wenn wir ei­ne Steu­er von 0,01 Pro­zent auf hoch­spe­ku­la­ti­ve An­la­gen ver­lan­gen. Das be­trifft kei­nen nor­ma­len Bür­ger und wür­de 60 Mil­li­ar­den Eu­ro er­brin­gen, die wir für Zu­kunfts­auf­ga­ben in Afri­ka ver­wen­den könn­ten. Es ist Zeit, jetzt end­lich die­se Fi­nanz­trans­ak­ti­ons­steu­er um­zu­set­zen. Ich wä­re auch für ei­ne Di­gi­tal­steu­er. Es kann nicht sein, dass Welt­kon­zer­ne wie Ama­zon, App­le und Face­book bei uns na­he­zu steu­er­frei Mil­li­ar­den­ge­win­ne ma­chen kön­nen. Die Vor­stands­chefs la­chen uns doch aus. Wenn sich zeigt, dass auf Grund­la­ge frei­wil­li­ger Ver­ein­ba­run­gen kei­ne Lö­sung mög­lich ist, muss der Ge­setz­ge­ber re­agie­ren. Dann müs­sen wir über ei­ne Plas­tik­steu­er als Al­ter­na­ti­ve nach­den­ken. Oder wir sen­ken die Mehr­wert­steu­er für Pro­duk­te aus Recycling-plas­tik. Klar ist: Wir kön­nen nicht ein­fach hin­neh­men, dass im­mer mehr Mi­kro­plas­tik un­se­re Welt­mee­re ver­schmutzt.

Im­mer wie­der wird der Ruf da­nach laut, deut­sche Ent­wick­lungs­gel­der ab­hän­gig zu ma­chen von Ko­ope­ra­ti­on bei der Rück­nah­me ab­ge­lehn­ter Flücht­lin­ge. Bleibt es da bei Ih­rem Nein?

Der Mi­gra­ti­ons­druck nach Deutsch­land wird nicht da­durch ab­neh­men, dass wir un­se­re Un­ter­stüt­zung für Schu­len, Trink­was­ser oder Be­schäf­ti­gungs­pro­gram­me ein­stel­len. Im Ge­gen­teil. Wer hier kürzt, muss sich über die Kon­se­quen­zen im Kla­ren sein. Ich ste­he je­den­falls be­reit, rück­keh­ren­de Flücht­lin­ge in Aus­bil­dungs- und Be­schäf­ti­gungs­pro­gram­me in ih­rer Hei­mat zu in­te­grie­ren. Vie­le Hei­mat­län­der der Aus­rei­se­pflich­ti­gen sind zu­dem si­che­re Her­kunfts­staa­ten, bei de­nen es gar nicht um deut­sche Mit­tel der Ent­wick­lungs­zu­sam­men­ar­beit geht. Ich spre­che da zum Bei­spiel von Ser­bi­en, dem Ko­so­vo oder Al­ba­ni­en. Die­se Län­der füh­ren die Lis­te der aus­rei­se­pflich­ti­gen Per­so­nen in Deutsch­land an.

Fo­to: Grabowsky

Ist das Ent­wick­lungs­mi­nis­te­ri­um heu­te eher ein Flucht­ver­hin­de­rungs­mi­nis­te­ri­um? Gerd Mül­ler (62) ist seit 2013 Bun­des­ent­wick­lungs­mi­nis­ter. Der Csu-po­li­ti­ker ge­hör­te von 1989 bis 1994 dem Eu-par­la­ment an. An­schlie­ßend wech­sel­te er als Ab­ge­ord­ne­ter der...

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