Die wol­len nur flie­gen

Hol­ly­wood zu Gast in Can­nes: „Star Wars“, Spi­ke Lee und nicht viel mehr

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON STEFAN STOSCH

Es ist noch gar nicht so lan­ge her, da bil­de­ten Can­nes und Hol­ly­wood ei­ne Sym­bio­se. Stars ge­gen den Zu­gang zum Ki­noOlymp: Ei­ne ech­te Win-win-si­tua­ti­on war das. Die Zei­ten sind vor­bei. Ers­tens braucht Hol­ly­wood das Fes­ti­val an der Cô­te d’azur nicht mehr als glo­ba­le Start­ram­pe. Zwei­tens kann Can­nes nichts mit dem so­und­so­viel­ten Su­per­hel­den-ab­klatsch an­fan­gen. Drit­tens lau­fen die hei­ßen Os­car-kan­di­da­ten erst spä­ter im Jahr in Ve­ne­dig. Und vier­tens – auch das ge­hört zur Wahr­heit – fehlt Har­vey Wein­stein als ver­bin­den­de Kraft über den At­lan­tik hin­weg, der nach dem Auf­flie­gen sei­ner se­xu­el­len Übergriffe ab­ge­taucht ist.

So­gar die ob­li­ga­to­ri­sche Aids-ga­la schien oh­ne den um­trie­bi­gen Hol­ly­woo­dMo­gul ge­fähr­det. Jetzt dür­fen De­si­gner und Kos­me­tik­kon­zer­ne auf­at­men und ih­re Mo­dels doch noch ins An­klei­de­zim­mer schi­cken: Gra­ce Jo­nes singt im Show­pro­gramm heu­te Abend bei der Ga­la, bei der in der Ver­gan­gen­heit Leo­nar­do Di­ca­prio, Da­vid Beck­ham, Hei­di Klum oder Sha­ron

Do­nald Gl­over, Al­den Eh­ren­reich, Emi­lia Clar­ke, Woo­dy Har­rel­son, Than­die New­ton und Joo­nas Suota­mo (v.l.) so­wie ein wei­te­rer Chew­bac­ca in Can­nes.

Sto­ne zu den Gäs­ten zähl­ten. 210 Mil­lio­nen Dol­lar für die Aids-for­schung sind bei der Be­ne­fiz­ver­an­stal­tung über die Jah­re zu­sam­men­ge­kom­men.

Auch auf der Lein­wand ha­ben Hol­ly­wood und Can­nes in die­sem Jahr ei­nen Mi­ni­mal­kon­sens ge­fun­den: „Star Wars“geht im­mer, so­gar dann, wenn kei­ne Fort­set­zung der ge­ra­de ak­tu­el­len Tri­lo­gie im An­ge­bot ist, son­dern nur ei­ne Ne­ben­ge- schich­te. Und doch: Als die „Star Wars“-fan­fa­ren über der Croi­set­te weh­ten, da war es bei­na­he wie in den gu­ten, al­ten Zei­ten.

„So­lo“ist ein Bud­dy-mo­vie und kennt vor al­lem ein Ziel: Der läs­si­ge Welt­raum­cow­boy Han So­lo und sein haa­ri­ger Freund Chew­bac­ca sol­len zum Team zu­sam­men­wach­sen. Ein­ein­halb St­un­den dau­ert es, bis die bei­den ge­mein­sam Platz neh­men im Cock­pit ih­res ge­lieb­ten Mill­en­ni­um Fal­con – dann erst nimmt das zäh star­ten­de Aben­teu­er ein we­nig Fahrt auf. Das Flug­ge­rät ist für So­lo min­des­tens so wich­tig wie die Lie­bes­ge­schich­te mit der schwer durch­schau­ba­ren Qi’ra (Emi­lia Clar­ke), aber so ist das wohl mit gro­ßen Jungs: Sie wol­len nur flie­gen.

Chew­bac­ca wird erst­mals ver­kör­pert vom fin­ni­schen Bas­ket­ball­spie­ler Joo­nas Sua­ta­mo, Grö­ße: 2,08 Me­ter. Das Zot­tel­we­sen sieht denn auch so ver­traut wie im­mer aus. Aber Har­ri­son Ford ist nach ins­ge­samt vier Fil­men in Ren­te ge­gan­gen. Der 28jäh­ri­ge Al­den Eh­ren­reich („Blue Jas­mi­ne“) tritt die Nach­fol­ge an und macht die Sa­che mit sei­nem groß­spu­ri­gen Ge­ha­be gut, oh­ne zu über­zie­hen. Das Bes­te an „So­lo“aber ist: End­lich droht mal kein To­des­stern mit der to­ta­len Zer­stö­rung.

Das Us-ge­gen­pro­gramm zum Block­bus­ter „So­lo“ließ sich we­nig spä­ter be­gut­ach­ten: der Mys­te­ry-thril­ler „Un­der the Sil­ver La­ke“von Da­vid Ro­bert Mit­chell. Noch in „It Fol­lows“spiel­te Mit­chell cle­ver mit Te­enage­rängs­ten, nun lässt er ei­nen ge­lang­weil­ten jun­gen Mann (Ex-spi­der-man And­rew Gar­field) durch ein Hips­ter-los Angeles va­ga­bun­die­ren und bei Pool­par­ties nach ei­ner ver­schwun­de­nen Frau su­chen. Ver­schwö­rungs­theo­ri­en, sur­rea­le Ein­spreng­sel, Alb­traum­wel­ten: Das al­les er­in­nert an Da­vid Lynch. Aber mehr auch nicht.

So hat das Us-ki­no in Can­nes 2018 we­nig zu bie­ten. Spi­ke Lee zu­min­dest bleibt in Er­in­ne­rung mit der in den 70ern spie­len­den Ko­mö­die „Blackkklans­man“und sei­ner dar­in ein­ge­wo­be­nen wü­ten­den Atta­cke ge­gen Prä­si­dent Do­nald Trump und des­sen un­dif­fe­ren­zier­ten Hal­tung zur ex­tre­men Rech­ten. Wie sag­te ein gut ge­laun­ter Lee ges­tern im Ge­spräch auf dem Dach des Fes­ti­val­pa­lais: „Wir kön­nen nichts da­für. Trump hat sich selbst in das Dreh­buch ge­schrie­ben.“

Fo­to: dpa

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