Weib­li­che Kunst im di­gi­ta­len Zeit­al­ter

„Vir­tu­al Nor­ma­li­ty“im Bil­der­mu­se­um war ein gro­ßer Er­folg, jetzt ist der Ka­ta­log er­schie­nen

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON SO­PHIE ASCHENBRENNER

Vi­de­os, in de­nen Früch­te auf ein­deu­tig­zwei­deu­ti­ge Art und Wei­se ge­strei­chelt wer­den, Sel­fies, der vir­tu­el­le Ein­tritt in ein Ju­gend­zim­mer – die Aus­stel­lung „Vir­tu­al Nor­ma­li­ty“setzt sich mit der Fra­ge aus­ein­an­der, wie Künst­le­rin­nen in ei­ner Zeit ar­bei­ten, in der die di­gi­ta­le Selbst­in­sze­nie­rung ganz nor­mal ist. Wie se­hen sie sich selbst – und wie wer­den sie und ih­re Ar­beit von an­de­ren wahr­ge­nom­men? Der hu­mor­vol­le Um­gang mit der weib­li­chen Se­xua­li­tät spielt da­bei eben­so ei­ne Rol­le wie der Druck be­stimm­ter Schön­heits­idea­le. Nur noch bis Sonn­tag ist die Schau, die seit dem 12. Ja­nu­ar läuft, im Mu­se­um der Bil­den­den Küns­te in Leip­zig zu se­hen.

Das Mdbk setz­te sich als ers­tes Mu­se­um im deutsch­spra­chi­gen Raum mit dem The­ma aus­ein­an­der. „Das hat uns gro­ße in­ter­na­tio­na­le Auf­merk­sam­keit be­schert“, sagt Di­rek­tor Al­f­red Wei­din­ger. Zwei Mal wur­de die Aus­stel­lung we­gen der gro­ßen Nach­fra­ge ver­län­gert. Jetzt ist der Aus­stel­lungs­ka­ta­log er­schie­nen – mit er­gän­zen­den Es­says, In­ter­views und Ana­ly­sen. „Man kann in ei­ner Aus­stel­lung nicht al­les zei­gen. Die aus­ge­klam­mer­ten Fra­gen sind im Ka­ta­log The­ma“, sagt Anika Mei­er, die die Schau mit Sa­b­ri­na St­ei­nek ku­ra­tiert hat.

Mei­er sei im­mer wie­der ge­fragt wor­den, wie­so kei­ne männ­li­chen Künst­ler ver­tre­ten sei­en, er­zählt sie. Die­ses The­ma er­ör­tern An­dy Kas­sier und Leah Schra­ger im Ka­ta­log. Bei­de Künst­ler in­sze­nie­ren auf Ins­ta­gram ein Al­ter Ego: Er schlüpft in die Rol­le ei­nes er­folg­rei­chen Self­made-man, sie in die ei­nes hüb­schen Ins­ta­gram-mo­dels, das sich vor al­lem für den männ­li­chen Blick prä­sen­tiert – 94 Pro­zent von Schra­gers Fol­lo­wern sind Män­ner. Bei­de ver­wi­schen be­wusst die Gren­ze zwi­schen Rea­li­tät und Kunst, bei­de po­la­ri­sie­ren und ern­ten den­noch un­ter­schied­li­che Re­ak­tio­nen.

„Ei­ni­ge glau­ben, dass das Pro­jekt für Frau­en ei­nen Schritt zu­rück be­deu­tet“, er­klärt Schra­ger. „Se­xy kann kei­ne Kunst sein“, hö­re sie oft, und: „Sel­fies sind pein­lich.“Dass Künst­ler und Künst­le­rin­nen von Al­brecht Dü­rer über Fri­da Kahlo bis An­dy War­hol Selbst­por­träts pro­du­zier­ten und de­ren Kunst-sta­tus nie in Fra­ge ge­stellt wur­de, dass die Selbst­dar­stel­lung vie­len Künst­lern im­mer schon ein An­lie­gen war, blen­den vie­le Kri­ti­ker aus. Auch Kas­sier in­sze­niert sich, spielt mit dem „Kli­schee des männ­li­chen Blicks“, wie er es be­schreibt. Doch er sagt ab­schlie­ßend: „Die trau­ri­ge Wahr­heit ist: Als Mann kann ich im Kunst­be­trieb al­lem An­schein nach tun und las­sen was ich will.“Frau­en könn­ten das nicht.

„Durch die so­zia­len Me­di­en sind be­stimm­te The­men wie­der wich­ti­ger und prä­sen­ter ge­wor­den, zum Bei­spiel Schön­heits­idea­le und das da­mit ver­bun­de­ne Leid oder der Blick auf den weib­li­chen Kör­per“, sagt Mei­er. Seit den 70ern set­zen sich Künst­le­rin­nen mit die­sen The­men aus­ein­an­der. Dass sie heu­te vi­el­leicht re­le­van­ter sind denn je, zeigt auch das bun­des­wei­te me­dia­le In­ter­es­se an „Vir­tu­al Nor­ma­li­ty“: Spie­gel On­li­ne, Deutsch­land­funk, Stern.de, der Ber­li­ner Ta­ges­spie­gel, die Deut­sche Wel­le und an­de­re be­rich­te­ten, schrie­ben vom „En­de der Scham“(Ta­ges­spie­gel) und frag­ten: „Sind Netz­künst­le­rin­nen die neu­en Fe­mi­nis­tin­nen?“(Deut­sche Wel­le). Über­rascht war Mei­er nicht von der gro­ßen Nach­fra­ge der Me­di­en: „Es war schön, dass die Re­so­nanz so groß war.“

Er­staunt ha­be sie da­ge­gen, wie vie­le Men­schen da­mit frem­deln, dass die in der Aus­stel­lung prä­sen­tier­te Kunst auch auf Ins­ta­gram ge­zeigt wird. „Vie­le dach­ten, die Ins­ta­gram-ac­counts sei­en die Kunst. Doch Ins­ta­gram ist nur die Platt­form“, sagt Mei­er. Auch be­kann­te Fo­to­gra­fen wie Wolfgang Till­mans hät­ten ein Ins­ta­gram-pro­fil und da­von un­ab­hän­gig ein fo­to­gra­fi­sches Werk. „Das ha­ben die Künst­le­rin­nen auch“, be­tont Mei­er. Und so zeigt die Aus­stel­lung kei­ne Screen­shots der Fo­to­platt­form, son­dern ei­gen­stän­di­ge Fo­tos, Vi­de­os, In­stal­la­tio­nen.

Ei­nes der Wer­ke ist der Kurz­film „Ame­ri­can Re­flexxx“der Per­for­mance-künst­le­rin Si­g­ne Pier­ce. Pier­ce – ei­ne gro­ße Frau mit lan­gen, blon­den Haa­ren – läuft dar­in in Mi­ni­kleid, High-heels und ei­ner spie­geln­den Mas­ke vor dem Ge­sicht durch das Stadt­zen­trum von Myrt­le Beach, South Ca­ro­li­na. Schnell wird deut­lich, dass die Men­schen ag­gres­siv auf sie re­agie­ren: Pier­ce wird ver­folgt, be­schimpft, ge­schubst und schließ­lich zu Bo­den ge­sto­ßen. Nie­mand hilft ihr auf. „Es ist scho­ckie­rend, wenn man sich das Vi­deo an­sieht, man kann gar nicht glau­ben, dass das wirk­lich pas­siert“, sagt Mei­er. Auch Pier­ce hat für den Ka­ta­log ge­schrie­ben. In ih­rem Es­say är­gert sie sich dar­über, als Künst­le­rin oft da­für be­lä­chelt zu wer­den, dass sie die so­zia­len Me­di­en in­ten­siv nutzt. „Die­se her­ab­las­sen­de Ein­stel­lung ge­gen­über so­zia­len Me­di­en, ih­re feh­len­de An­er­ken­nung als Aus­drucks­me­di­um, hat et­was Iro­ni­sches, be­denkt man, dass Men­schen un­ter 40 ihr Ins­ta­gram fast stünd­lich che­cken“, schreibt Pier­ce.

Der Kunst­kri­ti­ker Ka­rim Crip­pa ist eben­falls wü­tend über die Über­heb­lich­keit ge­gen­über der Netz­künst­le­rin­nen, vor al­lem von vie­len sei­ner männ­li­chen Kol­le­gen. Er schreibt ih­nen im Ka­ta­log ei­ne „Nach­hil­fe zur Neu­be­wer­tung des männ­li­chen Blicks auf zeit­ge­nös­si­sche Frau­en“. Wei­te­re Au­to­ren des Ka­ta­logs sind un­ter an­de­rem Mdbk-di­rek­tor Al­f­red Wei­din­ger und die Au­to­rin­nen und Jour­na­lis­tin­nen Ron­ja von Rön­ne und Kath­rin Wess­ling.

Auch künf­tig will sich das Mdbk mit der Gren­ze zwi­schen Vir­tua­li­tät und Rea­li­tät be­schäf­ti­gen: „In der Fol­ge­aus­stel­lung Rea­li­ty Vir­tu­al Rea­li­ty zei­gen wir in ei­ner Ge­gen­über­stel­lung von drei­di­men­sio­na­len Skulp­tu­ren und vir­tu­ell er­leb­ba­ren, be­geh­ba­ren Skulp­tu­ren, dass der Grat zwi­schen den un­ter­schied­li­chen Me­di­en ein sehr ge­rin­ger ist“, sagt Wei­din­ger. Die Schau wird ab dem 30. Mai zu se­hen sein.

Al­f­red Wei­din­ger, Anika Mei­er: Vir­tu­al Nor­ma­li­ty. Der weib­li­che Blick im Zeit­al­ter des In­ter­nets. Ver­lag für mo­der­ne Kunst;

208 Sei­ten,

28 Eu­ro

Fo­to: An­dy Kas­sier

Männ­li­che Künst­ler wie An­dy Kas­sier sind in „Vir­tu­al Nor­ma­li­ty“nicht ver­tre­ten – war­um das so ist, er­ör­tern Kas­sier und die Künst­le­rin Leah Schra­ger im Ka­ta­log.

Fo­to: A. Mei­er

Ist selbst nach ei­ge­ner Aus­sa­ge „im­mer on­li­ne“: Ku­ra­to­rin Anika Mei­er.

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