Ei­ne der ge­wal­tigs­ten Na­tur­stim­men al­ler Zei­ten

Heu­te vor 100 Jah­ren ge­bo­ren: Die schwe­di­sche So­pra­nis­tin Bir­git Nils­son

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON GE­RALD FELBER

„Ich bin als Stier ge­bo­ren und ste­he mit bei­den Fü­ßen fest auf dem Bo­den. Stie­re he­ben nicht so leicht ab!“Mit die­sen Wor­ten kon­ter­te Bir­git Nils­son in ei­nem In­ter­view die Fra­ge, ob man, jahr­zehn­te­lang ho­fiert von den gro­ßen Büh­nen der Welt, nicht auch im Pri­vat­le­ben pri­ma­don­nen­haf­te Zü­ge an­neh­men müs­se. Das Bild, das die So­pra­nis­tin hier von sich selbst gab, traf auch in an­de­rer Hin­sicht zu, nicht zu­letzt hin­sicht­lich ih­rer tat­säch­li­chen Ver­wur­ze­lung im Land­le­ben: In Scho­nen an Schwe­dens Süd­spit­ze wur­de sie heu­te vor 100 Jah­ren (nur we­ni­ge Wo­chen nach ih­rer lang­jäh­ri­gen Bay­reu­ther „Co-sän­ge­rin“As­trid Var­nay) im dörf­li­chen Mi­lieu ge­bo­ren, molk spä­ter die Kü­he und träum­te, oh­ne schon recht zu wis­sen, was ei­ne Oper über­haupt ist, von ei­nem Le­ben als Sän­ge­rin.

Dort, auf dem Land, blieb sie ver­wur­zelt bis zu ih­rem Tod Weih­nach­ten 2005, tief im neun­ten Le­bens­jahr­zehnt. Be­kannt­ge­ge­ben wur­de er erst, als die Künst­le­rin ih­re letz­te Ru­he­stät­te auf dem hei­mat­li­chen Dorf­fried­hof ge­fun­den hat­te. Mit fei­er­li­chen Ab­schie­den hat­te sie es schon am En­de ih­rer Kar­rie­re nicht so ge­habt, und dar­in blieb sie sich treu.

Man könn­te auch sa­gen: bis zum Schluss zu­ver­läs­sig – was dann gleich­zei­tig ei­ne we­sent­li­che Qua­li­tät ih­rer Büh­nen­lauf­bahn be­zeich­net. Nun ist es ja noch kei­ne be­son­ders gro­ße Auszeichnung, mit ei­ner durch­schnitt­lich ge­seg­ne­ten Stim­me „zu­ver­läs­sig“zu sein. Aber dass die­ses enor­me Or­gan, in dem man Stimm­bän­der wie Taue ver­mu­ten möch­te, das si­cher ei­ne der ge­wal­tigs­ten weib­li­chen Na­tur­stim­men al­ler Zei­ten war und, nach Aus­sa­ge vie­ler Oh­ren­zeu­gen, mit ei­ner Art schau­dern­dem Gän­se­h­aut­fee­ling über ei­nen kam, zu­sätz­lich in kon­stan­ter Gü­te ab­ge­ru- fen und ge­nos­sen wer­den konn­te, war noch ein­mal ei­ne Ex­traqua­li­tät der Nils­son. Als Brünn­hil­de, Elek­tra oder Tu­ran­dot hat sie Maß­stä­be ge­setzt, die vi­el­leicht in glück­li­chen Mo­men­ten ein­ge­holt, aber wohl kaum mehr über­trof­fen wer­den kön­nen. Auch, weil sich in­zwi­schen die Ge­s­angs­äs­the­tik, ge­ra­de für Richard Wa­g­ners gro­ße Frau­en­rol­len, ge­wan­delt hat.

Al­ler­dings sind Stern­bild und Le­ben­s­tier der Sän­ge­rin an die­ser Stel­le nur mit Vor­sicht ein­zu­set­zen, weil es im Zu­sam­men­hang mit weib­li­chem Sin­gen mas­siv un­ga­lant klingt, von ei­ner „Stier­stim­me“zu spre­chen. Die Vo­kal­deu­ter des letz­ten Jahr­hun­derts spra­chen dann lie­ber von ei­ner „Trom­pe­ten­stim­me“, wenn sie Bir­git Nils­sons enor­mes Ton­vo­lu­men, ih­re glei­ßen­de Durch­schlags­kraft und Hö­hen­si­cher­heit mein­ten. Wie au­ßer­ge­wöhn­lich das in ih­rer größ­ten Zeit wäh­rend der 60er und 70er war, zeigt sich auch dar­in, dass an die­ser norm­spren­gen­den Stim­me so­gar die da­ma­li­ge Ton­tech­nik (und das in den Jah­ren der gro­ßen Opern-ge­samt­auf­nah­men!) par­ti­ell an ih­re Gren­zen kam. So sind ih­re CDS für das re­kon­stru­ie­ren­de Ohr ge­wiss im­mer ein auf­re­gen­des und wei­ter wir­ken­des Ver­gnü­gen, aber nach Mei­nung je­ner glück­li­chen Zeit­ge­nos­sen, die noch den di­rek­ten Ver­gleich hat­ten, oft zu ein­sei­tig aus­ge­steu­ert: Ne­ben dem Büh­nen­er­leb­nis wir­ke, was da von den Kon­ser­ven klin­ge, oft zu schrill und hart.

Mö­gen die Mi­kro­fo­ne hier wirk­lich ge­schwä­chelt ha­ben oder doch nur ver­klä­ren­de Er­in­ne­run­gen nach­leuch­ten: Ei­ne warm um­fan­gen­de Her­zens­ton-sän­ge­rin war Bir­git Nils­son in der Tat nicht, son­dern, pas­send zu ih­rer wal­kü­ren­haf­ten Sta­tur, im­mer die Frau für he­roi­nen­haf­te Wucht, bei Be­darf auch mit ge­walt­tä­ti­gen Zü­gen. So wa­ren es vi­el­leicht die zer­ris­se­nen, zwie­lich­ti­gen Cha­rak­te­re, die ih­ren vo­ka­len wie (an­er­kann­ter­ma­ßen re­du­zier­ten) dar­stel­le­ri­schen Mit­teln am bes­ten ent­spra­chen. Im zi­vi­len Le­ben da­ge­gen zeich­ne­te sich Bir­git Nils­son durch Ge­rad­li­nig­keit, Klar­heit und ei­ne ge­wis­se Nüch­tern­heit aus. „Stie­risch“ge­er­det eben, in schöns­ter Wei­se re­so­lu­tes Selbst­be­wusst­sein mit Kol­le­gia­li­tät und tro­cke­nem Hu­mor ver­bin­dend. Auch dar­in, ab­seits des gro­ßen Thea­ters, bleibt sie ei­ne bei­spiel­ge­ben­de Künst­le­rin.

Fo­tos (2): dpa

Bir­git Nils­son in ei­ner ih­rer Pa­ra­de­rol­len: Tu­ran­dot 1964 in Mos­kau.

Bir­git Nils­son pri­vat.

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