Un­ge­rech­tig­kei­ten beim Nacht­lauf

Leipziger Volkszeitung - - LEIPZIG - VON JENS ROMETSCH

D ie gro­ßen Un­ge­rech­tig­kei­ten er­trägt man er­staun­lich lan­ge, oh­ne zu mur­ren. War­um bin ich nicht Mil­lio­när oder se­he we­nigs­tens aus wie Kris­t­jan Jär­vi, der in we­ni­gen Ta­gen aus Leip­zig schei­den­de Chef­di­ri­gent des Mdr-sin­fo­nie­or­ches­ters?

Sol­che Fra­gen stellt sich Mann ir­gend­wann ein­fach nicht mehr. Doch wenn sich dann auch noch ei­ne Se­nio­rin wie aus Ver­se­hen in der Schlan­ge beim Bä­cker vor­drän­gelt oder acht von neun Am­peln auf ei­ner ei­li­gen Fahrt Rot zei­gen, platzt so­gar T-shirt-trä­gern der Kra­gen. Mir ging es so am vo­ri­gen Sonn­abend beim „Nacht­lauf“in der Ci­ty. Schon ge­gen 18.30 Uhr gab es dort für Rad­fah­rer kein Durch­kom­men, weil al­les ab­ge­sperrt war.

War­um müs­sen ver­nünf­ti­ge Men­schen aus­ge­rech­net in Häu­ser­schluch­ten ih­re Lauf-run­den dre­hen, die oh­ne­hin je­den Sams­tag to­tal über­füllt sind? War­um bie­tet die Stadt dem Ver­an­stal­ter – ei­nem Fach­ge­schäft für Lauf­schu­he – da­für nicht den Cla­ra-zet­kin-park oder ei­nen be­leuch­te­ten Sport­platz an, fluch­te ich vor mich hin. Weil es gar nicht so sehr um Sport geht, son­dern ums Se­hen und Ge­se­hen­wer­den?

In der Kurt-eis­ner-stra­ße steht neu­er­dings ei­ne Ge­schwin­dig­keitsmess­an­la­ge mit Smi­ley-ge­sicht. An­geb­lich soll das dem Lärm­schutz die­nen, doch auf der Stra­ße herrscht so­wie­so nur stop and go. Mei­ne Höchst­ge­schwin­dig­keit lag dort bis­her bei zwölf St­un­den­ki­lo­me­tern, was of­fen­bar gut für den Lärm­schutz ist. Je­den­falls lacht das Ge­sicht mich je­des Mal an oder aus. Zwölf St­un­den­ki­lo­me­ter – so schnell bin ich auch bei mei­nen ei­ge­nen Nacht­läu­fen auf dem idyl­li­schen Sport­cam­pus in der Jahn­al­lee. Aber dort schau­en mir nur ei­ni­ge Ka­nin­chen zu.

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