Im Wes­ten nichts Noi­se

Vol­les Il­ses Eri­ka am spä­ten Di­ens­tag­abend mit In­ter­na­tio­nal Mu­sic

Leipziger Volkszeitung - - SZENE LEIPZIG - VON BEN­JA­MIN HEI­NE

„Knie ka­putt, Fri­sur ist schei­ße / Die bes­ten Jah­re sind vor­bei.“Hat in den letz­ten, sa­gen wir mal 10 000 Jah­ren Mensch­heits­ge­schich­te, je­mals ein Rock­kon­zert bes­ser be­gon­nen? Die Band mit dem sehr gu­ten Na­men In­ter­na­tio­nal Mu­sic zeigt in Leip­zig je­den­falls vom ers­ten Ton an, was ihr Prin­zip ist und war­um in Aus­ken­ner­krei­sen grad ver­hält­nis­mä­ßig viel über ei­ne klei­ne Band aus Es­sen ge­tu­schelt wird: Die­ses Trio macht ent­schie­den ei­nen auf dün­ne Ho­se. Und so ist das Il­ses Eri­ka ziem­lich voll, auch wenn es Di­ens­tag ist und auf Mit­ter­nacht zu­geht und man auf dem Hin­weg durch vom Him­mel fal­len­de Kat­zen und Hun­de muss, wie man in­ter­na­tio­nal so sagt. Schon vorm ers­ten Ton ver­gisst das Pu­bli­kum das Sze­ne-üb­li­che „Cool blei­ben“und tritt nah an die Büh­ne, statt sich erst von der Band bit­ten zu las­sen. Sehr gut!

Mit Bass, Gi­tar­re, Schlag­zeug und zwei­stim­mi­gem Ge­brumm hul­di­gen Pe­dro Cre­scen­ti, Pe­ter Ru­bel und Jo­el Ro­ters zu­nächst dem „Mont St. Mi­chel“. Cre­scen­ti hat ei­ni­ge Ro­cker-po­sen drauf, über den Bass ge­beugt stampft er zum Bei­spiel auch mal mit dem Fuß, die Haa­re hän­gen ihm ins Ge­sicht. Pe­ter Ru­bel hin­ge­gen steht schlak­sig in der Mit­te, sieht mit Schnurr­bart und Fri­sur ge­wor­de­nem Prag­ma­tis­mus aus wie ein Schaff­ner in der Leh­re. Er wa­ckelt lus­tig mit dem Kopf oder tanzt wie ei­ner, der in­ner­lich 1, 2, 3, 4, 1, 2, 3, 4 mit­zählt. Und Jo­el Ro­ters ist auch ir­gend­wie da­bei. Sel­ten hat man ei­nen so bei­läu­fi­gen Schlag­zeu­ger ge­se­hen. Die gan­ze Zeit imi­tiert er sei­nen lee­ren Blick vom Co­ver des kürz­lich er­schie­ne­nen De­büt­al­bums der Band (na­mens „Die bes­ten Jah­re“) und man weiß nicht so recht, ob er sich lang­weilt oder sehr kon­zen­triert oder nicht ver­steht, was hier pas­siert. Kurz­um: Die drei spie­len ih­re Rol­len sehr gut.

Vor al­lem aber spie­len sie ei­ne ziem­lich selt­sa­me Mu­sik. „Lo-fi-chan­son“und „Dis­kurs-coun­try“bie­tet der Mu­sik­ex­press für das an, was da ge­bremst um E-gi­tar­re und be­mer­kens­wer­te Tex­te schwur­belt. Die Songs hö­ren ein­fach ir­gend­wann auf – meist, wenn Ru­bel un­term Schnau­zer ein biss­chen grinst. Am bes­ten pas­sen sie an je­nen Ort, dem ein gan­zes Lied ge­wid­met ist: „Die­ser Ort ist ei­ne Kn­ei­pe / Die­ser Ort ist ei­ne Bar / Die­ser Ort ist oh­ne Zwei­fel / Ei­ne wun­der­schö­ne Ba-ba-ba­ba-bar.“Könn­te man zur Il­se-hym­ne er­he­ben, will man mit­grö­len. Spä­tes­tens als die Band dann in „Ma­ma, war­um?“das Rad von „Kn­ei­pe“auf „Re­stau­rant“dreht, zieht es den Tex­ten den Bo­den un­ter den Fü­ßen weg: „Das Re­stau­rant war wun­der­schön ge­le­gen / Aber wun­der­schön war mir nicht ge­nug“, heißt es da, „Me­tall­mäd­chen / Mit dei­nen Schu­hen bist du zu groß für mich“oder „Mei­ne El­tern küm­mern sich / Mei­ne El­tern küm­mern sich um mich“, an an­de­ren Stel­len.

„Tür“kün­digt Ru­bel an als „stim­mungs­vol­les Lied. Kann man das Licht vi­el­leicht lei­ser ma­chen?“Kann man. Und man kann hier auch ab­seits der Mi­kros auf der Büh­ne Ge­spro­che­nes gut hö­ren, vom schnau­fend ins Knie ge­stütz­ten „Puh, ’s ist noch nich mal die Hälf­te“bis zum die Set­list dis­ku­tie­ren­den „Al­so eins von bei­den würd ich weg­las­sen.“Zum Glück wird aber „Te­ne­rif­fa“nicht weg­ge­las­sen, der klei­ne Hit der Düs­sel­dorf Düs­ter­boys (der an­de­ren Band aus der Mu­sik­me­tro­po­le Es­sen), den In­ter­na­tio­nal Mu­sic schließ­lich zur Zu­ga­be co­vert. Nach ei­ner St­un­de ist dann auch schon al­les vor­bei, aber es ist ja auch Di­ens­tag und fast Mit­ter­nacht. Und da müs­sen ja al­le … wie­der an die Ba-ba-ba­ba-bar. Am bes­ten ei­ne mit „Mess­wein, Ba­by“.

Fo­to: Dirk Kn­ofe

„Ei­ne wun­der­schö­ne Ba-ba-ba­ba-bar“: In­ter­na­tio­nal Mu­sic rockt Il­ses Eri­ka.

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