Sym­pa­thie­trä­ger, Te­am­play­er, Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur

Leipziger Volkszeitung - - SPORT - An­ne Grimm

LEIP­ZIG. Als Ralph Ha­sen­hüttl vor zwei Jah­ren und 13 Ta­gen, am 4. Mai 2016, das ers­te Mal als Rb-trai­ner vor die Pres­se trat, ver­ein­te ihn mit sei­nem neu­en Ver­ein be­reits ei­nes: Für bei­de Sei­ten war es bis­her im­mer steil nach oben ge­gan­gen. Wie in ei­nem Fuß­ball­mär­chen setz­te sich die­se Ge­mein­sam­keit in der ers­ten Sai­son fort.

Vom ers­ten Sieg zu Hau­se ge­gen Dort­mund, dank der Ein­wechs­lung des Tor­schüt­zen Na­by Kei­ta, bis hin zum Er­folg im Ber­li­ner Olym­pia­sta­di­on, der die Teil­nah­me an der Kö­nigs­klas­se be­deu­te­te. Zu­sam­men fei­er­ten der Coach und sei­ne Mann­schaft nach ei­ner be­rau­schen­den Pre­mie­ren­spiel­zeit mit 67 Punk­ten die Vi­ze­meis­ter­schaft in der Bun­des­li­ga.

Mit Son­nen­bril­le und Hut in die Ci­ty

Die Fans lieb­ten den 1,91 Me­ter gro­ßen Ös­ter­rei­cher, der sich selbst nie so wich­tig, da­für viel Zeit für die Rb-an­hän­ger nahm. Auch wenn er sich bei pri­va­ten Aus­flü­gen in die Stadt gern mit Son­nen­bril­le und Hut ver­klei­de­te, um nicht von je­dem an­ge­spro­chen zu wer­den. Er war ei­ner, der die Men­schen in Leip­zig be­geis­ter­te, von sei­ner po­si­ti­ven Aus­strah­lung et­was ab­gab.

„Spaß und Er­folg darf man nicht in ei­nen Ge­gen­satz set­zen“, lau­tet ei­ner der Ha­sen­hüttl-leit­sät­ze. Das spür­ten sei­ne Spie­ler. Lands­mann Stefan Il­s­an­ker sag­te mal: „Er macht das ex­trem gut. Nicht nur auf dem Platz, son­dern auch ab­seits. Je­der weiß, dass er ein of­fe­nes Ohr für ihn hat.“

Als Stür­mer war Ha­sen­hüttl in sei­ner ak­ti­ven Zeit eher faul, wie er stets mit ei­nem Lä­cheln zu Pro­to­koll gab. Ein Te­am­play­er aber schon im­mer. Im Trai­ner­ge­schäft kam die nö­ti­ge Akri­bie hin­zu. Stets lob­te er die Ar­beit sei­nes Mit­ar­bei­ter­stabs bei RB. Die Mü­hen schlu­gen sich in 120 Bun­des­li­ga­punk­ten nie­der, ein Schnitt von fast 1,8 pro Spiel – kein Coach im Ober­haus er­reich­te in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren ei­ne bes­se­re Aus­beu­te als der Ös­ter­rei­cher.

Schnel­les Um­schal­ten, Pres­sing, Lö­sun­gen mit dem Ball – in al­len Nuan­cen war RB nach sei­nem ers­ten Bun­des­li­ga­jahr rei­fer ge­wor­den, wenn man das bei dem jüngs­ten Ka­der der Li­ga so sa­gen kann. Ha­sen­hüttl voll­brach­te kei­ne re­vo­lu­tio­nä­ren Ve­rän­de­run­gen, er führ­te die er­folg­rei­che Ar­beit im Ver­ein auf sei­ne Art fort – in ei­nem Tem­po, dem er als Spie­ler selbst nie hät­te fol­gen wol­len. Sei­ne Spe­zia­li­tät: Psy­cho­lo­gi­sche Knif­fe und Mo­ti­va­ti­ons­vi­de­os, um sei­ne Fuß­bal­ler zu Höchst­leis­tun­gen zu brin­gen.

„Vom Fluch der gu­ten Ta­ten“sprach Ha­sen­hüttl in sei­nem zwei­ten Jahr bei RB Leip­zig oft, wenn es mal nicht nach Plan lief. Die vie­len Rück­schlä­ge der ers­ten Sai­son mit in­ter­na­tio­na­ler Dop­pel­be­las­tung wa­ren für al­le Neu­land. Auch der Trai­ner be­ging ei­ni­ge Feh­ler, wie er spä­ter ein­ge­stand.

An­span­nung und Stress stan­den ihm im­mer öf­ter ins Ge­sicht ge­schrie­ben – doch er blieb bei Nie­der­la­gen wie bei Sie­gen und in den rund 100 Pres­se­kon­fe­ren­zen in die­ser Sai­son vor al­lem eins – fair und im­mer be­reit für ei­nen lo­cke­ren Spruch.

Ei­ne Flut von Ge­gen­to­ren (vor al­lem nach Stan­dards), ei­ge­ne Stan­dard-schwä­che, Ro­ta­ti­on, kaum Zeit zum Trai­nie­ren und feh­len­de Men­ta­li­tät in der Rück­run­de wa­ren die Bau­stel­len 2017/2018. Doch aus den Tä­lern kämpft sich RB wie­der her­aus, bis ins Vier­tel­fi­na­le der Eu­ro­pa Le­ague in Mar­seil­le. Sein Team setz­te im Heim­spiel ge­gen die Bay­ern (2:1) und zum Sai­son­fi­na­le ge­gen Wolfs­burg (4:1) und in Ber­lin (6:2) noch mal al­le Kräf­te frei. Platz sechs – die Eu­ro­pa Le­ague-qua­li – war ge­schafft.

Vier Ta­ge spä­ter ist die Ära Ha­sen­hüttl bei RB trotz al­ler Er­fol­ge be­en­det. Auch wenn er sich im Win­ter, weil er sei­nen Ver- trag nicht ver­län­gern woll­te, ver­zockt hat, ist er sich am En­de treu ge­blie­ben. Dass sei- ne Leis­tun­gen vom Ver­ein nicht mit ei­ner Ver­län­ge­rung sei­nes Kon­trakts be­lohnt wur­den, konn­te er nur als Miss­trau­ens­vo­tum se­hen und die Reiß­lei­ne zie­hen.

Ga­ran­tie nur bei der Wasch­ma­schi­ne

„Si­cher­heit gibt es in dem Ge­schäft kei- ne. Wer Ga­ran­tie ha­ben möch­te, der soll sich ei­ne Wasch­ma­schi­ne kau­fen“, hat­te Ha­sen­hüttl im ers­ten Lvz-in­ter­view 2016 ge­sagt. Nun ver­lässt er den Ver­ein vor­zei- tig. Dies­mal nicht, weil ihm der Klub wie in den vor­an­ge­gan­ge­nen Sta­tio­nen zu klein, son­dern weil die Dis­kre­panz mit den Ent­schei­dungs­trä­gern zu groß ge­wor­den ist.

Dem Gra­zer, der in emo­tio­na­len Mo­men­ten nah am Was­ser ge­baut ist, blieb ein an­ge­mes­se­ner Ab­schied von der Mann­schaft ver­wehrt. Denn die be­fin­det sich seit An­fang der Wo­che im Ur­laub. Ka­pi­tän Wil­li Or­ban hat­te noch am Sonn­abend in Ber­lin die Qua­li­tä­ten des Trai­ners ge­lobt und be­tont, „dass sei­ne tak­ti­sche Va­ria­bi­li­tät und sei­ne Men­ta­li­tät sehr gut zu uns pas- sen“. Vie­le Rb-fans trau­er­ten ges­tern um den Ver­lust „ei­nes Sym­pa­thie­trä­gers und ei­ner Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur“, an­de­re nah­men es mit Gal­gen­hu­mor und twit­ter­ten: „Weiß schon je­mand, wann sein Ab­schieds­spiel ist?“

Fo­to: Im­a­go

Sep­tem­ber 2016: Der ers­te gro­ße Sieg ge­gen Dort­mund – mit Oli­ver Bur­ke (l.) und Ti­mo Wer­ner.

Fo­to: Chris­ti­an Mod­la

Mai 2018: Letz­ter Auf­tritt in der Red-bulla­re­na beim Kai­ser­ball – mit Ex-rb-coach Alex­an­der Zor­ni­ger.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.