Herz­schlag­fi­na­le, Teil I

Vor dem Bun­des­li­ga-re­le­ga­ti­ons­spiel: Un­se­re Re­por­ter be­rich­ten aus zwei Städ­ten zwi­schen Ab­stiegs­angst und dem Traum, das Wun­der zu schaf­fen

Leipziger Volkszeitung - - SPORT - VON ANDRE­AS PAHL­MANN, SPORT­CHEF DER WOLFS­BUR­GER ALL­GE­MEI­NEN ZEI­TUNG VON ALEX­AN­DER HOLZ­AP­FEL, SPORT­CHEF DER KIE­LER NACH­RICH­TEN

Wenn man den Start­punkt für den Weg des VFL Wolfs­burg nach un­ten sucht, lan­det man zwangs­läu­fig am Abend des 2. Au­gust 2016, als ein In­ter­view mit Ju­li­an Drax­ler er­schien. In die­sem er­klär­te der heu­ti­ge Psg-pro­fi, dass er den VFL so­fort ver­las­sen möch­te. Die Glaub­wür­dig­keit von Wolfs­burgs Sport-ge­schäfts­füh­rer Klaus All­ofs, der über Wo­chen das Ge­gen­teil er­klärt hat­te, war weg – und kam bis zu sei­nem Raus­wurf vier Mo­na­te spä­ter nicht mehr zu­rück.

Es war der Be­ginn ei­ner ver­hee­ren­den Feh­ler­ket­te, die sich auch un­ter All­ofs-as­sis­tent Olaf Reb­be, der zum neu­en sport­lich Ver­ant­wort­li­chen ge­macht wur­de, fort­setz­te: Tren­nung von Trai­ner Die­ter He­cking zum fal­schen Zeit­punkt, das zu lan­ge Fest­hal­ten an He­cking-nach­fol­ger Valé­ri­en Is­maël, Reb­bes schlech­tes Händ­chen bei Trans­fers und so­mit auch bei der Ka­der­pla­nung für die ak­tu­el­le Sai­son. Nach vier Spiel­ta­gen die­ser Sai­son wur­de mit An­dries Jon­ker schon der nächs­te Trai­ner beim Vi­ze­meis­ter und Po­kal­sie­ger von 2015 we­gen in­ter­ner Dif­fe­ren­zen er­setzt. Und Nach­fol­ger Martin Schmidt woll­te dem Team schon wie­der ei­ne ganz an­de­re Art von Fuß­ball ein­imp­fen.

Die Füh­rung aus­ge­dünnt, die Mann­schaft sport­lich an­ge­schla­gen, der Sport­di­rek­tor über­for­dert: Aus dem VFL war schon in der Hin­run­de ein Chao­s­klub ge­wor­den. Die Fan-see­le, durch Vw-sor­gen und Re­le­ga­ti­ons­er­fah­rung 2017 oh­ne­hin schon ge­reizt, re­agier­te mit ei­ner Mi­schung aus Frust und Des­in­ter­es­se.

Auch Schmidt re­si­gnier­te und gab in der Rück­run­de auf, der VFL tor­kel­te durch die Sai­son. Die Rest-ge­schäfts­füh­rung, die aus Steu­er­fach­mann Wolfgang Hot­ze und Ju­rist Tim Schu­ma­cher be­steht, muss­te plötz­lich oh­ne Fuß­ball-fach­wis­sen Fuß­ball er­klä­ren. Und Bru­no Lab­ba­dia, als Ret­ter ge­holt, er­kann­te, dass es in die­sem Ver­ein „Din­ge gibt, die ich so auch noch nicht kann­te“.

Schließ­lich wur­de auch Reb­be frei­ge­stellt. Ei­nen Tag spä­ter ver­lor der VFL das für ei­ne di­rek­te Ret­tung ent­schei­den­de Heim­spiel ge­gen den HSV. Als es zwei Wo­chen spä­ter ge­gen Köln um al­les oder nichts ging, war das Sta­di­on nicht aus­ver­kauft, auch die letz­ten Ti­ckets für das Re­le­ga­ti­ons­hin­spiel ge­gen Hol­stein Kiel heu­te gin­gen erst kurz vor knapp weg – ob­wohl VW sei­nen Spät­schicht­lern zum Teil ei­gens ei­nen frü­he­ren Fei­er­abend er­mög­licht. Fan-ak­tio­nen wie ein ge­mein­sa­mer Marsch zum Spiel gibt es zwar, aber sie ha­ben längst nicht die Kraft von vor ei­nem Jahr, als es auch die An­hän­ger wa­ren, die mit ih­rer Lei­den­schaft den VFL durch die Re­le­ga­ti­ons­der­bys ge­gen Braun­schweig tru­gen.

Die Re­le­ga­ti­on wird nach der mit 33 Punk­ten schwächs­ten Bun­des­li­ga-sai­son des VFL nun we­ni­ger als Chan­ce zur Ret­tung ver­stan­den, son­dern als ge­rech­te Stra­fe für Miss­ma­nage­ment. Lab­ba­dia ver­sucht, das Durch­ein­an­der um ihn her­um von sei­nem Team fern­zu­hal­ten. „Kon­zen­triert aufs Spiel zu sein ist das Bes­te, was wir ak­tu­ell tun kön­nen“, sagt er.

Im Hin­ter­grund wird der­weil an der Be­wäl­ti­gung der Struk­tur­kri­se ge­bas­telt. Im schlimms­ten Fall wird VW sei­ne

Fuß­ball spie­len­de Toch­ter-gm­bh zum wahr­schein­lich fi­nan­zi­ell am bes­ten aus­ge­stat­te­ten Zweit­li­gis­ten al­ler Zei­ten ma­chen. Lang­sam steigt die Fie­ber­kur­ve in Kiel. Ein Klub, ei­ne gan­ze Stadt will in die Bun­des­li­ga. Die rich­ti­ge Fuß­ball-be­geis­te­rung er­wach­te in Kiel und ganz Schles­wig-hol­stein da­bei aber erst nach und nach. Bis­her wa­ren stets die Hand­bal­ler von Re­kord­meis­ter THW Kiel das sport­li­che Aus­hän­ge­schild der Lan­des­haupt­stadt. Doch ge­nau das ver­schaff­te den „Stör­chen“ab­seits jeg­li­cher Fuß­ball-hys­te­rie Ru­he beim Auf­bau und Wachs­tum.

56 Punk­te, die meis­ten To­re (71), das bes­te Tor­ver­hält­nis (+27), die we­nigs­ten Nie­der­la­gen (6): Für Kiel ver­lief die ers­te Zweit­li­ga­sai­son nach 36 Jah­ren Ab­sti­nenz wie im Traum. Für vie­le kaum zu glau­ben: Ein Jahr nach dem Auf­stieg aus der 3. Li­ga ste­hen die „Stör­che“in den Re­le­ga­ti­ons­spie­len ge­gen Wolfs­burg so­gar vor dem Ab­flug ins Ober­haus. „Je­der von uns bei Hol­stein ist sport­lich vom Glück ge­küsst wor­den“, hat­te Kiels Ka­pi­tän Ra­fa­el Czi­chos die Si­tua­ti­on be­schrie­ben. „Jetzt kön­nen wir dem Gan­zen die Kro­ne auf­set­zen.“

Mit ei­nem Ge­halt­setat von nur 6,7 Mil­lio­nen Eu­ro liegt das Team von Trai­ner Mar­kus An­fang da­bei am un­te­ren En­de der Li­ga. Auch, weil die meis­ten Pro­fis schon zu Dritt­li­ga­zei­ten das Mann­schafts­bild präg­ten. Rechts­ver­tei­di­ger Patrick Herr­mann, auch in die­ser Sai­son Stamm­spie­ler, spielt schon seit 2011 in Kiel, ist Di­enst­äl­tes­ter. Die Kon­ti­nui­tät des Ver­eins zahlt sich aus: Hol­stein bril­liert mit schnel­lem Um­schalt­spiel, mit den in meh­re­ren Jah­ren ein­stu­dier­ten Pass­fol­gen und der be­son­de­ren Ga­be, auch wäh­rend ei­nes Spiels auf das Sys­tem des Geg­ners re­agie­ren zu kön­nen. So wur­de das Team Herbst­meis­ter in der 2. Li­ga. Be­ein­dru­ckend: Die Mann­schaft ließ sich we­der von der zwi­schen­zeit­lich auf­kei­men­den Un­si­cher­heit über die Zu­kunft ih­res Trai­ners Mar­kus An­fang, der zum 1. FC Köln wech­selt, ver­un­si­chern noch durch die elf Par­ti­en an­dau­ern­de Sieg­los­se­rie im Win­ter. An­sprü­che auf den Durch­marsch wa­ren oh­ne­hin nie ein The­ma. Der Tor­jä­ger und Star des Teams Mar­vin Ducksch – er er­ziel­te mit 18 Tref­fern li­ga­weit die meis­ten To­re – sagt: „Wir müs­sen nie­man­dem mehr et­was be­wei­sen.“Das Be­son­de­re an die­sem Team ist die Lo­cker­heit, der Mut, das Selbst­be­wusst­sein und die Fä­hig­keit, sich auch bei Rück­stand nicht ver­un­si­chern zu las­sen.

Auch in Wolfs­burg ah­nen sie, wer da heu­te (20.30 Uhr) aus dem ho­hen Nor­den an­reist. „Man merkt, dass die Mann­schaft schon län­ger zu­sam­men spielt. Die Au­to­ma­tis­men stim­men. Hol­stein Kiel hat Qua­li­tät. Das ist ei­ne ein­ge­spiel­te Trup­pe“, sagt Vfl-trai­ner Bru­no Lab­ba­dia. „Für die ist es das größ­te High­light der Sai­son“, sag­te auch Vfl-ka­pi­tän Paul Ver­ha­egh. Und das merkt man an der Eu­pho­rie in der Stadt. Am Mon­tag bil­de­ten sich lan­ge Schlan­gen vor den Ti­cket­schal­tern am Sta­di­on. Als ges­tern die letz­ten 2000 Kar­ten in den frei­en Ver­kauf gin­gen, wa­ren sie in Win­des­ei­le weg – und kurz dar­auf für mehr als das 20-Fa­che bei On­lin­e­por­ta­len zu er­gat­tern. Ein gro­ßes Pu­b­lic Viewing wird es zwar nicht ge­ben, aber je­de Kn­ei­pe, die die Mög­lich­keit da­zu hat, wird das Spiel heu­te zei­gen.

„Al­les kann pas­sie­ren“, sag­te Er­folgs­coach An­fang. An der För­de hof­fen sie na­tür­lich, dass al­les am En­de den Auf­stieg be­deu­tet.

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