Was nun, Herr Küh­ne?

Der Vor­stands­vor­sit­zen­de der BSG Che­mie über Ab­stieg, Wie­der­auf­stieg und sein Wun­sch­los im Po­kal

Leipziger Volkszeitung - - SPORT - In­ter­view: Uwe Kös­ter.

LEIP­ZIG. Frust und Hoff­nung bei der BSG Che­mie Leip­zig: Als Dritt­letz­ter der be­en­de­ten Sai­son wer­den die Leutz­scher aus der Re­gio­nal­li­ga Nord­ost ab­stei­gen, kön­nen aber den Lan­des­po­kal ge­win­nen. Wie geht es wei­ter im Al­f­red-kun­ze-sport­park in Leutzsch? Che­mies Vor­stands­vor­sit­zen­der Frank Küh­ne, 58, spricht über die Kon­se­quen­zen des mög­li­chen Ab­stiegs, das Ziel so­for­ti­ger Wie­der­auf­stieg und sein Wun­sch­los im Dfb-po­kal.

Herr Küh­ne, was über­wiegt bei Ih­nen ak­tu­ell: Die Ent­täu­schung über den wahr­schein­li­chen Ab­stieg oder die Vor­freu­de auf das Po­kal­fi­na­le mit der Hoff­nung auf ein ver­söhn­li­ches Sai­son­en­de?

Mei­ne Stim­mung ist zwei­ge­teilt. Klar ha­ben wir al­le ge­hofft, dass wir die Klas­se hal­ten. Durch das Po­kal­fi­na­le wird jetzt na­tür­lich al­les ein biss­chen ins Po­si­ti­ve ge­lenkt. Ich den­ke, die Mann­schaft wird sich da selbst noch ein­mal be­schen­ken wol­len. In der Li­ga hat es am En­de nicht ge­reicht, was scha­de ist. Aber vi­el­leicht gibt es ja noch das klei­ne Hap­py End, weil die Sa­che mit dem Ab­stieg noch nicht end­gül­tig ge­klärt ist.

Wenn es zum Ab­stieg kommt: Was hat sich der Ver­ein vor­zu­wer­fen?

Ich wüss­te nicht, was wir uns vor­zu­wer­fen ha­ben. Man muss ehr­lich sa­gen: So wie wir in den letz­ten drei, vier Jah­ren ge­wach­sen sind, ist es fast zu schnell ge­gan­gen. Un­ser Ziel war im­mer, den Ver­ein nach­hal­tig zu ent­wi­ckeln, struk­tu­rell, sport­lich und vor al­lem fi­nan­zi­ell sta­bil. Nach der Vor­ge­schich­te mit dem FC Sach­sen stan­den wir vor ei­nem rie­si­gen Scher­ben­hau­fen. Da muss­ten wir erst ein­mal das Ver­trau­en der Spon­so­ren und auch das der Fans wie­der­ge­win­nen. Da­zu muss­ten wir auch or­dent­li­che Leis­tun­gen ab­lie­fern. Ich den­ke, das ha­ben wir in den letz­ten Jah­ren ge­macht. Das wird von den Fans und den Spon­so­ren auch ho­no­riert. Aber al­le ha­ben auch ein biss­chen Angst, dass wir in ge­wis­se Mecha­nis­men hin­ein­kom­men.

Wel­che Mecha­nis­men?

Dass wir Sa­chen ent­schei­den, die vi­el­leicht aus sport­li­cher Sicht gut wä­ren, struk­tu­rell und fi­nan­zi­ell aber nicht gut.

Wie mei­nen Sie das?

Das sieht man kon­kret in der drit­ten Li­ga. Dort ha­ben zwölf Mann­schaf­ten die­se Sai­son mit ei­nem Mi­nus von ei­ner knap­pen Mil­li­on Eu­ro und mehr ab­ge­schlos­sen. Je­der ver­sucht dann mit ir­gend­wel­chen Maß­nah­men, den Schritt in die In­sol­venz zu ver­mei­den. Aber die­sen Ver­ei­nen gibt der Ver­band dann ei­ne Breit­sei­te, in­dem man sagt, ihr könnt euch auf Kos­ten der Viert- und Fünft­li­gis­ten sa­nie­ren. Al­so egal wie vie­le Schul­den ihr habt, es wer­den neun Punk­te ab­ge­zo­gen und da­nach seid ihr ge­wa­schen und ge­kämmt. Man kann auch sa­gen: Die Pro­fi-li­gen sa­nie­ren sich auf Kos­ten der un­te­ren Li­gen. Wenn das der Weg ist, dann se­he ich schwarz für die Li­gen un­ter­halb des Pro­fi­fuß­balls.

Es ist ei­ne ver­brei­te­te Mei­nung, dass Che­mie zu schnell auf­ge­stie­gen ist. Hat der Ver­ein trotz­dem pro­fi­tie­ren kön­nen?

Selbst­ver­ständ­lich. Wir ge­hen auch rich­tig ge­stärkt raus aus die­ser Sai­son. Wir ha­ben je­de Men­ge Er­fah­run­gen ge­sam­melt. Wir hat­ten doch gar nicht so rich­tig ge­wusst, was al­les auf uns zu­kommt. Des­we­gen war die Re­gio­nal­li­ga für uns ein klei­nes Aben­teu­er, bei dem wir nicht wuss­ten, wo­hin die Rei­se geht.

Das war aber schon nach we­ni­gen Spiel­ta­gen klar...

Stimmt, aber man muss auch ge­nau­so klar sa­gen, dass wir al­les be­kom­men ha­ben, was ei­ne Mann­schaft nicht braucht. Wir sind am al­ler­letz­ten Spiel­tag auf­ge­stie­gen, des­we­gen konn­ten wir kaum pla­nen. Wir hat­ten ei­ne ex­trem kur­ze Vor­be­rei­tungs­zeit. Und dann sind am An­fang gleich drei wich­ti­ge Stamm­spie­ler aus­ge­fal­len. Mit Fe­lix Paul hat ei­ner den Ver­ein ver­las­sen, Alex­an­der Bu­ry und Tim Bun­ge ha­ben sich schwer ver­letzt. Al­les Spie­ler, die ei­gent­lich ge­setzt wa­ren. Das kann man nicht kom­pen­sie­ren. Das Lehr­geld ha­ben wir be­zahlt.

Al­so hat in der Hin­run­de ein­fach ein Stück Qua­li­tät ge­fehlt?

Ja, und das ha­ben wir ge­se­hen. Des­we­gen ha­ben wir uns in der Win­ter­pau­se trotz der öko­no­mi­schen Zwän­ge ver­stärkt, weil wir das Un­mög­li­che noch mög­lich ma­chen woll­ten. Wenn man über­legt, dass in den letz­ten fünf Jah­ren nie­mand mit 34 Punk­ten ab­ge­stie­gen ist, dann ist das noch mal bit­te­rer.

Wie sind die Re­ak­tio­nen bei den Spon­so­ren zum The­ma Ab­stieg?

Uns ha­ben die meis­ten Mut zu­ge­spro­chen und schon lan­ge ge­sagt: Egal, was pas­siert, wir ma­chen trotz­dem wei­ter. Ver­folgt den Weg wei­ter so, wir un­ter­stüt­zen das, auch wenn es Rück­schlä­ge gibt. Ein Ab­stieg ist ja we­ni­ger für den Ver­ein ein Rück­schlag, es ist mehr für die Fuß­bal­ler ein Rück­schlag.

Trotz des Ab­stiegs ha­ben Sie mit dem Trai­ner­team ver­län­gert. War­um?

Wir ha­ben be­wusst ein Zei­chen set­zen wol­len. An den Trai­nern liegt es nicht, dass wir ab­stei­gen. Diet­mar De­muth ist ein er­fah­re­ner Trai­ner, dem wir mit dem Co-trai­ner Chris­ti­an So­bott­ka im Win­ter ei­nen jun­gen Mann an die Sei­te ge­stellt ha­ben. Da ha­ben wir uns qua­li­ta­tiv ver­bes­sert, das hat auch Früch­te ge­tra­gen.

Wor­auf be­ruht denn der Fun­ken Hoff­nung auf den Klas­sen­er­halt, den Sie noch ha­ben?

Es gibt noch ei­ne Men­ge Fra­ge­zei­chen. Man weiß nicht, wer noch aus der Re­gio­nal­li­ga zu­rück­zieht. Wer mel­det noch In­sol­venz an? Mel­det in der 3. Li­ga noch je­mand In­sol­venz an? Steigt Cott­bus auf? Dann die Fra­ge: Bleibt es in Er­furt und Chem­nitz bei ei­ner ge­plan­ten In­sol­venz oder nicht? So vie­le Kom­po­nen­ten spie­len da noch ei­ne Rol­le. Das kann sich noch ein paar Wo­chen hin­zie­hen.

Was die Pla­nun­gen für die neue Sai­son nicht leich­ter macht ...

Das sind wir ja ge­wöhnt. Und trotz­dem ge­hen wir aus sol­chen Ge­schich­ten im­mer wie­der ge­stärkt her­aus.

Wie das?

Ja, das ist ei­gen­ar­tig. Als wir aus der Lan­des­li­ga in die Be­zirks­li­ga ab­ge­stie­gen wa­ren, hat­ten wir zu Sai­son­be­ginn ei­nen im­men­sen Zu­lauf an Mit­glie­dern und Spon­so­ren. Das konn­te mir kei­ner er­klä­ren. In der Re­gio­nal­li­ga und der drit­ten Li­ga sind die Zu­schau­er­zah­len ins­ge­samt rück­läu­fig. Aber bei uns geht’s berg­auf. An­ders­wo sind die Sta­di­en nicht mal zu 50 Pro­zent aus­ge­las­tet. Und trotz­dem wer­den übe­r­all neue Sta­di­en ge­baut. Das ist doch ein Mi­nus­ge­schäft. Auch die Un­ter­hal­tung der Sta­di­en ist ein Mi­nus­ge­schäft.

Wie ist die Si­tua­ti­on im Al­f­red-kun­ze­sport­park?

Die Erb­bau­pacht mit der Stadt ist un­ter­schrie­ben. Wir sind für das Sta­di­on ver­ant­wort­lich.

Wer­den die ge­plan­ten Pro­jek­te im Sport­park trotz des Ab­stiegs fort­ge­führt?

Na­tür­lich. Wir wol­len ja nicht nur sport­lich vor­an­kom­men, son­dern auch in­fra­struk­tu­rell. Das ist die Vor­aus­set­zung für das Ers­te­re. Die Tri­bü­ne wird jetzt ge­ra­de sa­niert. Der Kun­st­ra­sen­platz wird das nächs­te Pro­jekt sein. Und da­nach kommt das Flut­licht dran.

Flut­licht wird ab der Re­gio­nal­li­ga ge­for­dert. Al­so pei­len Sie den so­for­ti­gen Wie­der­auf­stieg an?

Klar wol­len wir so­fort wie­der auf­stei­gen.

Im Ide­al­fall soll­te da­für ein Groß­teil der Mann­schaft ge­hal­ten wer­den. Geht das?

Ei­ni­ge Ver­trä­ge sind ja schon ver­län­gert. Und jetzt lau­fen halt vie­le Ge­sprä­che, mit Spie­ler­be­ra­tern und mit Spie­lern selbst.

Bleibt Pier­re Mer­kel?

Das will ich nicht aus­schlie­ßen, wir re­den mit ihm.

Er fühlt sich schein­bar ganz wohl in Leutzsch.

Bei uns fühlt sich je­der Spie­ler wohl. In den letz­ten Jah­ren woll­te nie ein Spie­ler ge­hen. Wir hat­ten manch­mal rich­tig Pro­ble­me, Spie­lern bei­zu­brin­gen, dass es für sie für die nächs­te Li­ga nicht reicht.

Die Fans ha­ben zu­letzt dis­ku­tiert, was bes­ser ist: Klas­sen­er­halt oder Po­kal­sieg. Ih­re Mei­nung?

Sport­lich ge­se­hen wä­re der Klas­sen­er­halt bes­ser, fi­nan­zi­ell ist es der Po­kal­sieg. Das ist schon lu­kra­tiv.

Ein gu­tes Los im Dfb-po­kal wä­re noch lu­kra­ti­ver. Was wä­re Ihr Lieb­lings­los?

RB bei uns in Leutzsch, das hät­te was. Aber erst­mal müs­sen wir das Po­kal­fi­na­le ge­win­nen. Das wird schwer ge­nug.

Ihr Sai­son­fa­zit?

Vom Po­kal­fi­na­le hat kei­ner zu träu­men ge­wagt, das ist gran­di­os. Der Ab­stieg ist be­dau­er­lich, aber kei­ne Ka­ta­stro­phe. Er wirft uns nicht um.

Fo­to: Pic­tu­re Po­int

Sei­ne Stim­mung ist zwei­ge­teilt – Che­mie-vor­stand Frank Küh­ne är­gert sich noch im­mer über den Ab­stieg, freut sich aber zu­gleich aufs Po­kal­fi­na­le.

Fo­to: pri­vat

Hof­fen auf Em-bron­ze: Ana­st­a­sia Blay­vas und Lan­des­trai­ner Flo­ri­an Rau.

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