Bu­shi­dos Recht auf Kunst

Rap­per siegt in zwei­ter In­stanz vor dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt – Um­strit­te­nes Al­bum ist run­ter vom In­dex

Leipziger Volkszeitung - - AUS ALLER WELT - VON FLO­REN­TI­NE DA­ME

MÜNS­TER. In der Ver­hand­lung fal­len üb­le frau­en­feind­li­che Schimpf­wor­te, die wohl sonst eher sel­ten im Saal des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Müns­ter zu hö­ren sind. Der An­walt der Bun­des­prüf­stel­le für ju­gend­ge­fähr­den­de Me­di­en, Marc Lie­sching, zi­tiert aus ei­nem um­strit­te­nen Al­bum des Gangs­t­er­rap­pers Bu­shi­do. Er will deut­lich ma­chen, war­um die Be­hör­de den Ver­kauf der Plat­te an Ju­gend­li­che 2015 un­ter­sagt hat­te.

Doch bei den Rich­tern stößt er da­mit auf tau­be Oh­ren: Bei der In­di­zie­rung des Al­bums als ju­gend­ge­fähr­dend ha­be die Be­hör­de nicht sorg­fäl­tig ge­nug ab­ge­wo­gen zwi­schen Kunst­frei­heit und Ju­gend­schutz, so ihr Ur­teil am Mitt­woch. Vor al­lem wer­fen die Rich­ter der Bun­des­prüf­stel­le vor, nicht al­le an der Plat­te be­tei­lig­ten Künst­ler an­ge­hört zu ha­ben und so­mit kei­ne aus­rei­chen­de Ent­schei­dungs­grund­la­ge ge­habt zu ha­ben.

Da­mit hat Bu­shi­do im lang­wie­ri­gen Rechts­streit ge­gen die Bun­des­be­hör­de nun in zwei­ter In­stanz ei­nen Sieg er­run­gen. Wird das Ur­teil rechts­kräf­tig, könn­te sein Al­bum wie­der an Min­der­jäh­ri­ge ver­kauft wer­den. Doch die Rich­ter ha­ben Re­vi­si­on vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt zu­ge­las­sen. Ob die Bun­des­prüf­stel­le das Ur­teil nach ih­rer Schlap­pe in Müns­ter höchst­rich­ter­lich über­prü­fen las­sen will, muss sie noch ent­schei­den.

Die Prüf­stel­le hält die Tex­te für ge­walt- ver­herr­li­chend, frau­en­feind­lich und ho­mo­phob. Sie glaubt, dass da­durch die Ju­gend ver­roht. Des­halb wur­de „Son­ny Black“auf die Lis­te der ju­gend­ge­fähr­den­den Me­di­en ge­nom­men. Seit 2015 darf das Al­bum nicht an Kin­der und Ju­gend­li­che ver­kauft wer­den.

Die bru­ta­le und dis­kri­mi­nie­ren­de Spra­che kön­ne auf Ju­gend­li­che ab­fär­ben und zu ei­nem Em­pa­thie­ver­lust füh­ren. Ein ge­stei­ger­ter Kunst­ge­halt, der die­se pro­ble­ma­ti­schen Wir­kun­gen über­wie­ge, sei da­ge­gen nicht zu er­ken­nen, so die Ar­gu­men­te der Prüf­stel­le. In ers­ter In­stanz hat­ten die Rich­ter die Bon­ner Be­hör­de noch im Recht ge­se­hen.

Doch Bu­shi­do, der in Müns­ter am Mitt­woch nicht an­we­send ist und sei­ne An­wäl­te spre­chen lässt, leg­te Be­ru­fung ein. Sein Man­dant se­he sich in sei­nem Recht auf Kunst­frei­heit ver­letzt, trägt An­walt Hei­ner Bind­hardt vor. Da­bei sei der Sinn ei­ner In­di­zie­rung in der heu­ti­gen Zeit nur noch schwer nach­voll­zieh­bar. Schließ­lich sei­en die Songs für Ju­gend­li­che je­der­zeit im In­ter­net ver­füg­bar, „vie­le da­von mil­lio­nen­fach ge­klickt“.

Er ver­tre­te seit vie­len Jah­ren Man­dan­ten in In­di­zie­rungs­ver­fah­ren und ihm feh­le es seit je­her an Nach­wei­sen, dass das Gen­re des Gangs­ter-raps tat­säch­lich die ver­ro­hen­de Wir­kung ha­be, die ihm zu­ge­schrie­ben wird. Es ge­be so­gar Gut­ach­ter, die die Kunst­form für iden­ti­täts­stif­tend hiel­ten. Es sei doch bes­ser, Ge­walt in Tex­ten aus­zu­drü­cken, als mit der Faust. Und über­haupt: Im­mer ge­he es nur um die bö­sen Tex­te, gar nicht um den künst­le­ri­schen Wert der Mu­sik.

Dass das Ge­richt am En­de we­ni­ger über die Ge­fähr­lich­keit bra­chia­ler Text­zei­len für Ju­gend­li­che ei­ner­seits und den Kunst­ge­halt des oft bru­tal über­zeich­ne­ten Gangs­ta-rap-gen­res an­de­rer­seits ent­schei­det, liegt da­bei aus­ge­rech­net auch an durch­aus um­strit­te­nen Rap-kol­le­gen. Die Echo-ge­win­ner Fa­rid Bang und Kol­le­gah, die we­gen An­ti­se­mi­tis­mus­vor­wür­fen in die Kri­tik ge­rie­ten, sind eben­falls auf „Son­ny Black“zu hö­ren.

Doch statt sie um Stel­lung­nah­me zu bit­ten, hat­te die Bun­des­prüf­stel­le Bu­shi­do als Hauptur­he­ber le­dig­lich la­pi­dar „an­heim­ge­stellt“, Na­men und An­schrif­ten der Mit­wir­ken­den zu nen­nen. Da­durch, dass die Bun­des­prüf­stel­le sich an die­ser Stel­le nicht mehr Mü­he ge­macht hat, ist nun aus Sicht der Müns­te­ra­ner Rich­ter die ge­sam­te In­di­zie­rung der Plat­te rechts­wid­rig. „Ei­ne schlich­te Ab­fra­ge bei der Ge­ma hät­te ge­reicht, um al­le bür­ger­li­chen Na­men in kür­zes­ter Zeit zu er­mit­teln“, so der Rich­ter in der Ver­hand­lung.

Bu­shi­do, ja­pa­nisch für „Der Weg des Krie­gers“, heißt mit bür­ger­li­chem Na­men Anis Mo­ha­med Yous­sef Ferchi­chi.

Fo­to: dpa

Brü­der im Geis­te: Die Rap­per Kol­le­gah (l.) und Fa­rid Bang fei­ern auf der Par­ty nach der 27. Ver­lei­hung des deut­schen Mu­sik­prei­ses Echo. Die Ver­lei­hung lös­te ei­nen Skan­dal aus.

„Son­ny Black“war ei­nes der er­folg­reichs­ten Al­ben von Bu­shi­do.

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