Ver­lo­ren im Be­ton­dschun­gel

„Stadt­luft“: Die Leip­zi­ger Ga­le­rie ARTAE the­ma­ti­siert die Pro­ble­me heu­ti­ger Ur­ba­ni­tät

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON JENS KASSNERS

Ir­gend­was ist ja im­mer. Wur­de ges­tern noch über die schrump­fen­den Städ­te la­men­tiert, so ist heu­te de­ren un­er­war­te­tes Wachs­tum ein Pro­blem. Gen­tri­fi­zie­rung wird zum Schimpf­wort der St­un­de, und ei­ne skan­dal­um­wit­ter­te Best­sel­ler­Au­to­rin rät zur Flucht aus den krank­ma­chen­den Me­tro­po­len in ir­gend­wel­che Feucht­ge­bie­te.

Die ak­tu­el­le Aus­stel­lung bei ARTAE könn­te ein ver­früh­tes Som­mer­loch-pot­pour­ri sein. Doch es gibt ein über­ge­ord­ne­tes The­ma, für wel­ches das Ga­le­ris­ten­paar nicht al­lein auf die Stamm­künst­ler der Ga­le­rie zu­rück­greift, son­dern ge­zielt Gäs­te ein­ge­la­den hat. Das gar nicht so neue Un­be­ha­gen im Ur­ba­nen steht im Mit­tel­punkt des In­ter­es­ses, die durch­aus auch vor­han­de­nen Vor­tei­le des Stadt­le­bens sind eher schwer zu fin­den in die­ser Aus­wahl.

Schon im Vor­raum wird es hef­tig. Jir­ka Pfahls Ab­druck ei­ner Tep­pich-rück­sei­te mag noch de­ko­ra­tiv wir­ken. Doch das ne­ben­ste­hen­de Fo­to ver­deut­licht, dass die Tex­ti­lie zu den Hab­se­lig­kei­ten ei­nes ge­hört. Des­sen „Un­ter­kunft” auf ei­nem Fuß­weg hat er auf dem Fo­to in ei­ner her­ben Art von Iro­nie in Be­rei­che für Schla­fen, Essen etc. un­ter­teilt.

Die Ab­ge­häng­ten der pro­spe­rie­ren­den Städ­te rückt auch Clau­dia Haupt­mann in den Mit­tel­punkt ih­res Ge­mäl­des „Die Fuß­gän­ger”. Die alt­meis­ter­li­che Mal­wei­se passt zur As­so­zia­ti­on zu ei­nem Breu­ob­dach­lo­sen ghel-bild. Auch bei ihr führt ein Blin­der die Pro­zes­si­on an, es fol­gen ei­ne über­ge­wich­ti­ge Ma­don­na, ei­ne Fied­le­rin und ein Ka­pu­zen­mann. Doch sie schlep­pen sich nicht durch die Stra­ße, son­dern ba­lan­cie­ren hoch über der Häu­ser­schlucht, das „Free­dom” ver­hei­ßen­de Wer­be­pla­kat für ein teu­res Au­to auf ih­re spe­zi­fi­sche Wei­se in­ter­pre­tie­rend.

Die Ge­sichts­lo­sig­keit neue­rer Ar­chi­tek­tur wird in Holz­schnit­ten von Ha­rald Alff sicht­bar – Che­ong­ju kann man mit Tel Aviv ver­wech­seln, eben­so in den Ge­mäl­den Pe­tra Ott­kow­skis. Noch dras­ti­scher ist Hen­drik Vo­er­kels Darstel­lung ei­ner zeit­ge­mä­ßen “Ver­kehrs­lö­sung” in Form ei­nes mons­trö­sen High­ways auf Stel­zen.

Viel spie­le­ri­scher ist die Her­an­ge­hens­wei­se des sich Son­der­mül­ler nen­nen­den Künst­lers. Aus di­ver­sen Ver­pa­ckungs­ma­te­ria­li­en hat er für sei­nen Vi­deo­clip ei­ne Ci­ty ge­bas­telt, die zwar nicht ein­la­dend wirkt, in der sich aber ein zoo­lo­gisch nicht nä­her be­stimm­ba­res Flat­ter­we­sen un­be­küm­mert zu sanf­ten elek­tro­ni­schen Klän­gen be­wegt. Gar nicht harm­los, doch ähn­lich ver­spielt sind die Wim­mel­bil­der von Robert Deutsch, die von der FSK un­ter P18 ein­ge­stuft wer­den müss­ten. Er scheint die An­ony­mi­tät der Groß­städ­ter eher zu be­grü­ßen als zu gei­ßeln. Auf sei­nem Bal­kon hat je­mand die Sex­pup­pe ne­ben ei­ner eben­so auf­blas­ba­ren Pal­men­in­sel ge­parkt. Dar­über wur­de weih­nacht­lich-kit­schig il­lu­mi­niert. Noch ei­ne Eta­ge hö­her ste­hen selt­sa­me schwar­ze Stä­be rum, ganz oben kotzt ein Mann Grü­nes über die Brüs­tung. Kei­nen stört es.

Ins­ge­samt sech­zehn Künst­le­rin­nen und Künst­ler wur­den auf be­grenz­tem Raum mit 46 Ar­bei­ten ver­sam­melt. Ne­ben Flach­wa­re gibt es auch Haus-plas­ti­ken von Frie­de­mann Gries­ha­ber und ei­ne tex­ti­le Knüpfar­beit von Ka­ta Un­ger zu se­hen. So ent­steht ein eben­so dich­ter wie viel­fäl­ti­ger Ein­druck künst­le­ri­scher Re­flek­ti­on der Vor- und Nach­tei­le städ­ti­schen Le­bens in der Ge­gen­wart.tritt der Be­su­cher dann auf die früh­som­mer­li­che Stra­ße im gut­bür­ger­li­chen Gohli­ser Am­bi­en­te, muss er sich aber den­ken: So schlimm ist es doch gar nicht.

Stadt­luft, Ga­le­rie ARTAE, Gohli­ser Str. 3; bis 16. Ju­ni, Do–sa 15–19 Uhr

Fo­to: Dirk Kn­ofe

Blick in die Aus­stel­lung „Stadt­luft“in der Ga­le­rie ARTAE, im Vor­der­grund ei­ne Plas­tik von Frie­de­mann Gries­ha­ber.

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