Ist die Kanz­le­rin ver­rückt ge­wor­den?

Leipziger Volkszeitung - - ERSTE SEITE - VON MAT­THI­AS KOCH LEIT­AR­TI­KEL ➦ po­li­tik@lvz.de

V ie­le schüt­teln der­zeit mit Blick auf die Kanz­le­rin den Kopf. Wie kommt sie da­zu, ih­ren In­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer zu brem­sen? Wo der doch ei­nen wun­der­ba­ren Plan zu ha­ben scheint für ei­ne neue deut­sche Flücht­lings­po­li­tik: Zu­rück­wei­sung an der Gren­ze.

An­ge­la Mer­kels Ma­nö­ver ist mu­tig, man kann auch sa­gen: wag­hal­sig. See­ho­fer ist ihr im Mo­ment über­le­gen, nicht im Macht­po­li­ti­schen, aber im Kom­mu­ni­ka­ti­ven. Was er sagt, trifft die Stim­mung die­ser Ta­ge, auch in der Uni­ons­frak­ti­on, und es klingt so herr­lich ein­deu­tig. Mer­kel da­ge­gen hat nur die wol­ki­ge Aus­sicht auf ei­ne eu­ro­päi­sche Lö­sung zu bie­ten – von der kei­ner weiß, wie sie ir­gend­wann aus­se­hen könn­te.

Eu­ro­päi­sche Lö­sung: Vie­le Deut­sche zie­hen schon, wenn sie nur die­se Wor­te hö­ren, die Stirn kraus. Mer­kel tickt da grund­sätz­lich an­ders. Aus ih­rer Sicht kann es im Um­gang mit Flücht­lin­gen tat­säch­lich nur ei­ne eu­ro­päi­sche Lö­sung ge­ben – oder ge­fähr­li­ches Cha­os pur.

In Brüs­sel zeich­nen Pla­ner, un­be­merkt von der brei­ten Öf­fent­lich­keit in den Na­tio­nal­staa­ten, be­reits er­staun­lich de­tail­rei­che Skiz­zen ei­ner neu­en Euflücht­lings­po­li­tik. Die Kom­mis­si­on in Brüs­sel ist so­gar schon fer­tig mit Ent­wür­fen für künf­ti­ge Bud­gets. So soll die Mit­ar­bei­ter­zahl der Eu-grenz- und Küs­ten­schutz­be­hör­de Fron­tex stark auf­ge­stockt wer­den, von bis­her 1000 auf 10 000. Fonds für In­te­gra­ti­on und Bil­dung sol­len wach­sen. Für Staa­ten, die sehr vie­len Flücht­lin­gen hel­fen, sind Mil­li­ar­den­zah­lun­gen der EU ein­ge­plant, am meis­ten pro­fi­tie­ren wür­den Rom und Ber­lin. Mit Pre­mier Gi­u­sep­pe Con­te hat Mer­kel die­se Ku­rio­si­tät be­reits am Ran­de des G-7tref­fens in Ka­na­da be­spro­chen: Die An­ti­po­pu­lis­ten in Ber­lin und die Po­pu­lis­ten in Rom sit­zen in ei­nem Boot.

Zu­rück­wei­sung an der Gren­ze – auch Se­bas­ti­an Kurz und Mat­teo Sal­vi­ni fin­den das im Prin­zip toll: Ös­ter­reich zu­erst! Ita­li­en zu­erst! Doch bei­de kom­men ins Schleu­dern, so­bald man Va­ri­an­ten zur Fra­ge durch­spielt, wer ge­nau wen an wel­cher Gren­ze zu­rück­weist. Weist Deutsch­land Men­schen nach Ös­ter­reich zu­rück, be­kommt Kurz ein Pro­blem. Macht Kurz dicht, wird es für Sal­vi­ni schwie­rig. Be­vor na­tio­na­lis­ti­sche Ket­ten­re­ak­tio­nen Un­heil für al­le brin­gen, soll­te nach neu­en eu­ro­päi­schen Ver­ab­re­dun­gen ge­sucht wer­den. Im Er­geb­nis könn­te dann viel­leicht der ei­ne oder an­de­re Flücht­ling, ob­wohl er schon in Ita­li­en re­gis­triert ist, in ein an­de­res Eu-land rei­sen. Die­se Va­ri­an­te blen­det See­ho­fer aus.

Mer­kel da­ge­gen will sich nichts durch na­tio­na­le Vor­fest­le­gun­gen ver­bau­en. Sie will eu­ro­pa­weit ver­han­deln in den kom­men­den Mo­na­ten, neue Re­geln ent­wer­fen. Den 500 Mil­lio­nen Eu-eu­ro­pä­ern traut sie zu, trotz al­ler kom­ple­xen Pro­ble­me lang­fris­tig ei­nen ge­mein­sa­men Raum der Frei­heit, der Si­cher­heit und des Rechts zu schaf­fen. Ist die­se Vi­si­on ver­rückt? Viel­leicht. Aber dann war auch Hel­mut Kohl ver­rückt.

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