„Mehr Markt und we­ni­ger Staat“

Mer­kels wich­tigs­ter Mann will ei­ne Ge­ne­ral­re­form der 70 Jah­re al­ten So­zia­len Markt­wirt­schaft

Leipziger Volkszeitung - - POLITIK - In­ter­view: Andre­as Nies­mann und Die­ter Won­ka

BER­LIN. Wer Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter Pe­ter Alt­mai­er (CDU) in sei­ner Le­bens­freu­de sieht, der ahnt, dass er der Rich­ti­ge sein könn­te, um das Bild vom Wohl­stand durch So­zia­le Markt­wirt­schaft neu zu po­lie­ren. Ich glau­be, dass die So­zia­le Markt­wirt­schaft in je­der Ge­ne­ra­ti­on min­des­tens ein­mal neu ver­tei­digt wer­den muss.

Was ha­ben Sie vor?

Wir brau­chen in Deutsch­land mehr Markt und we­ni­ger Staat. Da­zu ge­hört für mich der Ab­bau von Bü­ro­kra­tie und Re­gu­lie­rung. Fast 20 Jah­re, nach­dem Est­land be­gon­nen hat, al­le Ver­wal­tungs­leis­tun­gen elek­tro­nisch zur Ver­fü­gung zu stel­len, kämp­fen wir im­mer noch mit ei­nem Wust von For­mu­la­ren auf Pa­pier rum und zwin- gen Leu­te, Zeit auf ei­nem Amt zu ver­brin­gen. Das will ich än­dern. Ein an­de­res The­ma ist der Um­fang der Re­geln und Vor­schrif­ten. Der Min­dest­lohn war rich­tig, ist in sei­ner Um­set­zung aber zu bü­ro­kra­tisch. Ich wer­de ei­ne Re­form vor­schla­gen, die die Un­ter­neh­men von bü­ro­kra­ti­schen Pflich­ten ent­las­tet. Die Vor­schlä­ge, die Sie ge­nannt ha­ben, zie­len auf den markt­wirt­schaft­li­chen Teil un­se­rer Wirt­schafts­ord­nung. Se­hen Sie auch Re­form­be­darf im so­zia­len Teil? Aber ja. Trotz der gu­ten Kon­junk­tur sind im­mer noch mehr als ei­ne Mil­li­on Men­schen vom Ar­beits­le­ben aus­ge­schlos­sen. Ge­ra­de in den neu­en Län­dern ist die Ar­beits­lo­sig­keit noch zu hoch. Das ist nicht ak­zep­ta­bel. Qua­li­fi­zie­rung heißt für mich die Lö­sung. Als Wirt­schafts­mi­nis­ter ver­ant­wor­te ich auch die be­ruf­li­che Bil­dung. Wir müs­sen Wei­ter­bil­dungs­an­ge­bo­te schaf­fen, zum Bei­spiel für sol­che Men­schen, die ih­ren er­lern­ten Aus­bil­dungs­be­ruf we­gen der Di­gi­ta­li­sie­rung be­droht se­hen. Und: Wir brau­chen wie­der mehr Ta­rif­bin­dung.

Das aus dem Mund des Wirt­schafts­mi­nis­ters?

Na­tür­lich! Ich ha­be mich im­mer für die Ta­rif­bin­dung stark­ge­macht. Lei­der nimmt sie seit Jah­ren ab, auch we­gen der Di­gi­ta­li­sie­rung. Mein Vor­schlag: An­rei­ze set­zen. Wer als Ar­beit­ge­ber ta­rif­ge­bun­den ist, auf den ist eher Ver­lass, al­so kann er bei­spiels­wei­se eher von ei­nem Teil der bü­ro­kra­ti­schen Auf­la­gen be­freit wer­den.

Sie wol­len die So­zia­le Markt­wirt­schaft zu ei­nem Ex­port­schla­ger ma­chen.

Fakt ist, dass in vie­len Län­dern wie Chi­na, In­di­en, Bra­si­li­en oder Pa­kis­tan die markt­wirt­schaft­li­chen Ele­men­te gut funk­tio­nie­ren, aber gro­ße Tei­le der Be­völ­ke­run­gen von der Teil­ha­be aus­ge­schlos­sen blei­ben, auch von der Teil­ha­be an den Er­fol­gen ih­rer Ar­beit. Das ist nicht ge­recht und scha­det der Wirt­schaft, weil kei­ne Bin­nen­nach­fra­ge ent­steht. Ein eu­ro­päi­sches So­zi­al­mo­dell ken­nen die Men­schen dort nicht. Das will ich än­dern.

Fo­to: pho­to­thek

Herr Alt­mai­er, zum 70. Ge­burts­tag der So­zia­len Markt­wirt­schaft wol­len Sie die­se re­for­mie­ren. War­um? Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter Pe­ter Alt­mai­er im Rnd-in­ter­view.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.