Per Hei­rats­schwin­del zur Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung

Groß­raz­zia ge­gen Schleu­ser­ban­de / Mi­gran­ten zah­len bis zu 22 000 Eu­ro für Ehe auf dem Pa­pier

Leipziger Volkszeitung - - SACHSEN UND MITTELDEUTSCHLAND - VON KATH­RIN KABELITZ UND ANDRE­AS DUNTE

LEIP­ZIG/EI­LEN­BURG. Für Sil­ke Kin­ne ist der gest­ri­ge ein Tag wie je­der an­de­re. Seit den frü­hen Mor­gen­stun­den ist die Mit­ar­bei­te­rin der Bä­cke­rei St­ein­ecke in der Ei­len­bur­ger Fi­lia­le, be­stückt die The­ke, schmiert Bröt­chen, be­füllt den Back­ofen. Was sich drau­ßen auf der Leip­zi­ger Stra­ße ab­spielt, be­kommt sie ge­gen 7 Uhr erst durch Kun­den mit. Plötz­lich, so er­zählt sie, ist al­les vol­ler Po­li­zis­ten, ste­hen meh­re­re Mann­schafts­wa­gen am Stra­ßen­rand, be­waff­ne­te Be­am­te – zum Teil mit Sturm­hau­ben über dem Kopf – bau­en sich auf. Dann lässt die Po­li­zei ei­ne Droh­ne die Stra­ße auf und ab flie­gen. Im Vi­sier of­fen­bar meh­re­re, pri­vat ver­mie­te­te Häu­ser, Dö­ner-im­biss und Be­klei­dungs­ge­schäft. Als sich spä­ter her­um­spricht, dass es um Schein­ehen und Schleu­ser geht, bricht sich ei­ne ge­wis­se Er­leich­te­rung Bahn.

An­woh­ner: Zu un­durch­sich­tig ist, was sich in der Nach­bar­schaft ab­spielt

An­woh­ner und Ge­schäfts­in­ha­ber re­gis­trie­ren wohl­wol­lend, dass „die Po­li­zei Prä­senz zeigt“. Zu un­durch­sich­tig sei, was sich in der Nach­bar­schaft ab­spie­le. Im­mer wie­der gä­be es neue Be­woh­ner, wech­seln die Be­trei­ber oder Mit­ar­bei­ter. Au­gen­schein­lich sei­en es In­der oder Pa­kis­ta­ni, die hier vor Ort sind, vor al­lem jun­ge Män­ner. Der Kon­takt zu ih­nen sei spo­ra­disch, mal ein „Hal­lo“, mal ein „Gu­ten Tag“. Doch die ein­hei­mi­schen Händ­ler ma­chen sich auch so ih­re Ge­dan­ken. Der Kun­den­an­drang in den be­nach­bar­ten Ge­schäf­ten sei kei­nes­falls so, dass er die „di­cken Au­tos vor der Tür oder die Geld­bün­del in der Ho­sen­ta­sche“lo­gisch er­klä­ren könn­te. Das sorgt auch für Frust: „Wir müs­sen für un­ser Geld hart ar­bei­ten.“

Ne­ben Ei­len­burg ist die Po­li­zei an die­sem Mitt­woch in wei­te­ren Städ­ten Mit­tel- deutsch­lands und im Wes­ten des Lan­des im Ein­satz – dar­un­ter Leip­zig, Zwen­kau, Wur­zen, Chem­nitz (al­le Sach­sen) und Hett­stedt in Sach­sen-an­halt so­wie Stutt­gart, Frank­furt/main und Wup­per­tal. Ins­ge­samt durch­sucht sie 27 Woh­nund Ge­schäfts­räu­me. Hun­der­te Be­am­te ge­hen im Auf­trag der Staats­an­walt­schaft Leip­zig ge­gen ei­ne Ban­de vor, die im Ver­dacht steht, ge­werbs­mä­ßig Schein­ehen ver­mit­telt zu ha­ben. Auf die­se Wei­se sei­en zahl­rei­che In­der und Pa­kis­ta­ni nach Deutsch­land ein­ge­schleust wor­den.

Das Ver­fah­ren rich­tet sich ge­gen 34 Be­schul­dig­te, sagt Po­li­zei­ober­rat Mar­kus Pfau, der den Groß­ein­satz lei­tet. Er ist Chef der für Sach­sen, Sach­sen-an­halt und Thü­rin­gen zu­stän­di­gen In­spek­ti­on Kri­mi­na­li­täts­be­kämp­fung der Bun­des­po­li­zei.

Er­mit­telt wer­de be­reits seit Früh­jahr 2017, so Pfau wei­ter. Von den vier Haupt­be­schul­dig­ten konn­te die Po­li­zei zwei fest­neh­men – ei­ner bei der Raz­zia in Leip­zig und ei­ner in Zwen­kau im Land­kreis Leip­zig. Die vier In­der sol­len der Kopf der Schleu­ser­ban­de sein. Schein-

Mar­kus Pfau, Lei­ter der In­spek­ti­on Kri­mi­na­li­täts­be­kämp­fung der Bun­des­po­li­zei in Mit­tel­deutsch­land

ehen gel­ten als ei­ner der We­ge, un­be­grenzt in der EU le­ben zu kön­nen. Ge­schlos­sen wur­den die Ehen mit Ru­mä­nin­nen, die sich auf Zy­pern oder in Dä­ne­mark ha­ben trau­en las­sen. In wei­te­ren Fäl­len ver­schaff­te die Ban­de den In­dern und Pa­kis­ta­nis ge­fälsch­te Ur­kun­den, die die Ehe­schlie­ßung mit Eu-bür­gern be­stä­tig­ten. Auch das ha­be die Ein­rei­se in die und den Auf­ent­halt in der EU er­mög­licht. Die Ban­de hat of­fen­bar gut ver­dient: Die Prei­se pro ge­schleus­ter Per­son lie­gen zwi­schen 15 000 und 22 000 Eu­ro. Im Rah­men ei­ner „Rund­um­ver­sor­gung“wur­den die Ge­schleus­ten nach der Ein­rei­se auch bei Be­hör­den­gän­gen be­glei­tet. War al­les in tro­cke­nen Tü­chern, reis­ten die ge­kauf­ten Ehe­frau­en wie­der in ihr Hei­mat­land.

Er­mit­telt wird be­reits seit Früh­jahr 2017.

Bei den Durch­su­chun­gen auch ge­fälsch­te Ar­beits- und Miet­ver­trä­ge im Vi­sier

Das gro­ße Po­li­zei­auf­ge­bot vor ei­nem in­di­schen Re­stau­rant im Leip­zi­ger Stadt­teil Plag­witz sorgt an die­sem Tag eben­falls für Neu­gier. Ei­ne An­ge­stell­te in der Tex­til­rei­ni­gung gleich ne­ben dem Lo­kal hat die Ak­ti­on in den Mor­gen­stun­den ver­folgt und spä­ter auf LVZ.DE er­fah­ren, wor­um es da­bei ge­hen soll. „Ich kann nicht glau­ben, dass der Ge­schäfts­füh­rer ir­gend­et­was mit Schein­ehen am Hut hat“, sagt sie und schüt­telt den Kopf. Der Mann ha­be ei­ne Frau und drei Kin­der. Al­les net­te Leu­te. Hof­fent­lich ma­che das Ge­schäft bald wie­der auf. Die Thun­fisch-piz­za ha­be es ihr be­son­ders an­ge­tan. Ei­nen Mann ha­be man in der Woh­nung über dem Re­stau­rant fest­ge­nom­men, sagt Po­li­zei­ober­rat Pfau. Er hal­te sich il­le­gal in Deutsch­land auf. „Bei den Durch­su­chun­gen hat­ten wir auch ge­fälsch­te Ar­beits- und Miet­ver­trä­ge im Vi­sier“, sagt er wei­ter. Ob dies auch auf den Ge­schäfts­mann aus Plag­witz zu­tref­fe, da­zu wol­le er vor­läu­fig noch nichts sa­gen. Gut mög­lich al­so, dass es bald wie­der Thun­fisch-piz­za nach in­di­scher Art gibt.

Die von Leip­zig aus ge­lei­te­te Groß­raz­zia – hier ein Ein­satz in Ei­len­burg – rich­te­te sich ge­gen ei­ne Ban­de, die im Ver­dacht steht, Schein­ehen ver­mit­telt zu ha­ben.

Fo­tos (2): Bun­des­po­li­zei Leip­zig

Die Bun­des­po­li­zei war ges­tern auch in Leip­zig im Ein­satz.

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