MEN­DELS­SOHN BEI BACH

Ma­saa­ki Su­zu­ki di­ri­giert im Ge­wand­haus „Eli­as“

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON PE­TER KORF­MA­CHER

Die­ser Pro­phet ist kein kei­fen­der Ei­fe­rer. Chris­ti­an Imm­ler legt sei­nen Eli­as mit den Tö­nen Men­dels­sohns von der Men­sch­lich­keit her an, der Wär­me, der Gü­te, der zwei­feln­den Fehl­bar­keit. Aber so in­nig er im ers­ten Teil der Mut­ter Trost spen­det und Gott um die Wie­der­be­le­bung ih­res Soh­nes an­fleht, so ver­zagt er am En­de in der Wüs­te den ei­ge­nen Tod her­bei­sehnt – sei­ne Ent­schlos­sen­heit und Au­to­ri­tät soll­te nie­mand un­ter­schät­zen. Kö­nig Ahab nicht, dem er sei­ne Dro­hun­gen ent­ge­gen­zischt, schon gar nicht die Baals-pries­ter, die er in un­nach­gie­bi­ger Käl­te er­mor­den lässt. Ein gran­dio­ses Rol­len­por­trät, in kla­ren pas­tel­le­nen Tö­nen. Ei­nes, das ei­nen Men­schen zeigt und kei­ne Mar­mor­sta­tue. Ei­nes, das aus Ge­sang ge­zeugt ist, nicht, wie so oft, aus Ge­brüll. Ei­nes schließ­lich, dass sich per­fekt ein­fügt in die mu­si­ka­li­sche Dra­ma­tur­gie Ma­saa­ki Su­zu­kis.

Der prä­sen­tier­te am Di­ens­tag­abend sei­nen „Eli­as“als Bei­trag zum Men­dels­sohn-schwer­punkt des Ge­wand­hau­ses im Bach­fest. Und dass die­ser gran­dio­se Hö­he­punkt so er­bärm­lich schlecht be­sucht blieb, zeigt zwei­er­lei: Ers­tens müs­sen die Fes­ti­val-gäs­te noch ler­nen, dass es mitt­ler­wei­le auch un­ter der Wo­che Höchst­ran­gi­ges gibt; und zwei­tens geht Men­dels­sohn im Bach­fest nicht auf, wenn er nicht, wie im letz­ten Jahr, be­son­ders be­trom­melt, son­dern als Selbst­ver­ständ­lich­keit pro­gram­miert wird.

Letz­te­res ist nur ei­ne Über­gangs­lö­sung, und für bei­des kön­nen Ma­saa­ki Su­zu­ki und sei­ne Mit­strei­ter nichts. Und we­der er noch die transpa­zi­fi­sche Kom­bi­na­ti­on aus Bach Col­le­gi­um Ja­pan und Juil­li­ard 415 so­wie dem Ya­le Vox­tett ma­chen an­ge­sichts gäh­nend lee­rer Rän- ir­gend­wel­che Ab­stri­che bei Qua­li­tät, In­spi­riert­heit, Grö­ße ih­res Mu­si­zie­rens. Rund drei Dut­zend Sän­ge­rin­nen und Sän­ger ste­hen da auf der Büh­ne. Und sie pro­du­zie­ren ei­nen Chor­klang, der zum Bes­ten ge­hört was im Ge­wand­haus, wo weiß Gott vie­le erst­klas­si­ge Chö­re auf­tre­ten, in den letz­ten Jah­ren zu hö­ren war.

Es ist ein oft be­müh­tes Kli­schee – aber bei Lich­te be­se­hen ja zu­sam­men­ge­wür­fel­te Ge­s­angs­kom­bi­nat singt tat­säch­lich so ho­mo­gen, trenn­scharf, be­weg­lich, glanz­voll und kom­pakt, als sei­en die Stim­men so­lis­tisch be­setzt. Glei­ches gilt für die Ar­ti­ku­la­ti­on, von der sich Imm­lers Kol­le­gen Ra­chel Ni­cholls (oben zu oft zu scharf), Ro­xa­na Con­stan­ti­nescu (mit Hang zur Or­trud) und Ja­mes Gil­ge christ (dies­mal im un­ge­wohn­ten Dau­er­kampf mit Hö­he und Vo­kaltre­mor) die­se oder je­ne Schei­be ab­schnei­den könn­ten. Die­sen höchs­ten Kam­mer­chor-tu­gen­den ste­hen in­des im For­tis­si­mo Kraft und Wucht ge­gen­über, da­zu phil­har­mo­ni­sche Run­dung im Pia­nis­si­mo und ei­ne über­bor­den­de Fül­le an Far­ben, wie sie auch die Bes­ten un­ter den gro­ßen Kon­zert­chö­di­e­ses ren nur in Aus­nah­me­fäl­len zu rea­li­sie­ren ver­mö­gen.

Die In­stru­men­ta­lis­ten müs­sen sich da­hin­ter kaum ver­ste­cken. Die Ja­pa­ner und Us-ame­ri­ka­ner ent­wi­ckeln ge­mein­sam ei­nen fein ge­wirk­ten Zau­ber, der selbst im mo­nu­men­ta­len Tu­mult das kon­tra­punk­ti­sche Fi­li­gran hör­bar wer­den lässt. Die Holz­blä­ser: vom an­de­ren Stern. Das Blech: di­to. Und die zar­te Ober­ton­glo­rio­le in den Ari­en, Ario­si oder gar in der tran­szen­den­ta­len Er­schei­nung des Höchs­ten im Säu­seln greift mit größ­ter Dring­lich­keit ans Herz.

Am Pult macht Ma­saa­ki Su­zu­ki nicht viel mehr, als Men­dels­sohns Par­ti­tur – oh­ne Ge­het­ze – im Fluss zu hal­ten und noch die feins­te Ve­räs­te­lung im Stimm­ge­flecht, den sub­tils­ten Ak­zent, das zu­rück­hal­tends­te Cre­scen­do auf Hän­den zum Ohr zu tra­gen. Tie­fer kann man in die­se Mu­sik nicht ein­drin­gen. Dra­ma­ti­scher kann ora­to­ri­sche Ro­man­tik nicht sein. Auch oder ge­ra­de dann nicht, wenn, was oft ge­nug ge­schieht, Men­dels­sohns Meis­ter­werk auf den Spu­ren Hän­dels, Bachs na­tür­lich, auch Haydns als Vor­aus­echo Richard Wa­g­ners ver­stan­den wird. Ge­wiss: Der hat viel ge­lernt beim größ­ten al­ler Ge­wand­haus­ka­pell­meis­ter, oft ge­nug auch dreist sich be­dient, ist mit sei­ner Beu­te aber in ein mu­sik­äs­the­ti­sches Par­al­lel­uni­ver­sum ab­ge­bo­gen und hat al­le Brü­cken hin­ter sich ab­ge­bro­chen.

Su­zu­kis von den We­ni­gen um so rück­halt­lo­ser be­ju­bel­tes geist­li­ches Mu­sik­dra­ma be­darf kei­ner Ober­fläch­lich­kei­ten, kei­ner Ef­fek­te, kei­ner rhe­to­ri­schen Win­kel­zü­ge, um sich weit über al­le bie­der­mei­er­li­che Harm­lo­sig­keit zu er­he­ben, die Men­dels­sohn noch im­mer gern an­ge­dich­tet wird. Viel­leicht soll­te das Ge­wand­haus­or­ches­ter ihn mal ans Pult bit­ten.

Fo­to: An­dré Kempner

Ma­saa­ki Su­zu­ki di­ri­giert im Ge­wand­haus Men­dels­sohns „Eli­as“.

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