Krei­sen im Drei­eck

Per­for­mance­kol­lek­tiv Gob Squad zeigt am Schau­spiel Leip­zig „Crea­ti­on (Pic­tu­res for Do­ri­an)“

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON STEF­FEN GE­OR­GI

Al­le gu­ten Din­ge sind drei. Zwei­mal schon hat das deutsch-bri­ti­sche Per­for­mance­kol­lek­tiv Gob Squad in den letz­ten Jah­ren Ar­bei­ten am Leip­zi­ger Schau­spiel ge­zeigt. Jetzt wa­ren sie ein drit­tes Mal zu Gast – und das erst­mals auf der gro­ßen Büh­ne des Hau­ses, wo sie am Di­ens­tag und ges­tern mit „Crea­ti­on (Pic­tu­res for Do­ri­an)“ein zu Recht be­ju­bel­tes Wahr­neh­mungs­spiel um die Drei­fal­tig­keit aus Künst­ler, Kunst­werk und Be­trach­ter ent­wi­ckeln.

Er­neut ha­ben sich Gob Squad da­für ih­rer Thea­ter­kon­zep­ti­on der Pu­bli­kums­in­ter­ak­ti­on ver­schrie­ben. Al­so ei­ner per­for­ma­ti­ven Form, die bei den bis­he­ri­gen Leip­zi­ger Gob-squad-auf­füh­run­gen („Su­per Night Shot“, „War and Pe­ace“) bes­tens zeig­te, wie und war­um so ein Kon­zept aus­ge­spro­chen schnell zur in­tel­lek­tu­el­len und for­ma­len Leer­lauf-ma­sche wer­den kann.

Aber das soll jetzt nicht das The­ma sein, weil „Crea­ti­on (Pic­tu­res for Do­ri­an)“al­les an­de­re als Leer­lauf ist. Of­fen­bart sich die­se Pro­duk­ti­on doch viel­mehr als ein sug­ges­tiv kon­zen­tri­sches Krei­sen in ei­nem spitz­wink­li­gen Drei­eck. Und das auf ei­ner Guck­kas­ten­büh­ne!

Auf die ha­ben sich die Gob-squad-per- for­mer Be­rit Stumpf, Sa­rah Thom und Bas­ti­an Trost sechs Gäs­te ge­holt. Nicht spon­tan, nicht wie so häu­fig un­mit­tel­bar vor oder wäh­rend der Auf­füh­rung, son­dern schon vor­her per Cas­ting. Aus­ge­wählt wur­den drei jun­ge und drei al­te Men­schen, al­le­samt mit ver­schie­dens­ten Büh­nen­er­fah­run­gen, al­le­samt aus Leip­zig. Drei jun­ge, die vor­nehm­lich in die Zu­kunft bli­cken, weil sie das Le­ben vor sich lie­gen ha­ben. Und drei al­te, die vor­nehm­lich zu­rück­schau­en auf das Le­ben und de­ren Zu­kunft ähn­lich über­schau­bar be­mes­sen ist wie die Ver­gan­gen­heit der jun­gen.

Zwi­schen die­sen bei­den Po­len (oder dra­ma­tur­gi­schen Eck­punk­ten) plat­zie­ren sich Stumpf/thom/trost nicht nur als Spiel­ma­cher, son­dern auch als die, die al­ters­mä­ßig in der Mit­te des Le­bens ste­hen. Und so­mit den Schei­tel­punkt dar­stel­len in­ner­halb die­ser thea­tra­len Tri­go­no­me­trie, die so ge­se­hen erst ein­mal nur ei­ne der so­zio­lo­gi­schen Ver­suchs­an­ord­nung wä­re. Al­so lang­wei­lig.

Doch kommt ge­nau an die­ser Stel­le Os­car Wil­des „Das Bild­nis des Do­ri­an Gray“ins Spiel. Und „Spiel“ist sehr wört­lich zu neh­men, ge­ra­de weil der Plot der Ge­schich­te hier eben kei­ne wei­te­re Rol­le spielt. Es al­so nicht um die Hy­bris ei­nes He­do­nis­ten geht, der dank dunk­ler Kräf­te ein Por­trät von sich al­tern lässt, um selber jung zu blei­ben

Aber um die­se Sehn­sucht da­hin­ter, um die geht es schon. Um die Mög­lich­kei­ten ei­nes Über­dau­erns, die die Kunst uns in­mit­ten un­un­ter­bro­che­ner Ver­gäng­lich­keit sug­ge­riert. Um die Ver­zer­run­gen der Wahr­neh­mung des­sen, was wir se­hen beim Blick in den Spie­gel, um die „Crea­ti­on“die wir auch in un­se­ren ei­ge­nen Au­gen sind. Um die Schön­heit, die da­hin­welkt wie die Träu­me von der Zu­kunft und die Jah­re ge­leb­ten Le­bens. Ganz ähn­lich je­nen Blu­men im Ike­ba­na-ge­bin­de, die hier gleich zu Be­ginn per Rot­licht­lam­pe und von ei­ner Vi­deo­ka­me­ra be­ob­ach­tet dem Ver­wel­ken an­heim ge­ge­ben wer­den.

Zur so sim­plen wie star­ke Al­le­go­rie fü­gen die drei Gob-squad-spiel­ma­cher mal lau­nig plau­dernd, mal in­sis­tie­rend ih­re sechs Mit­spie­ler zu ei­nem Ta­bleau vi­vant nach dem an­de­ren. Und als fol­ge man da­bei ei­ner ganz ei­ge­nen, ge­hei­men dra­ma­tur­gi­schen „Li­ne of Be­au­ty and Gra­ce“, ent­wi­ckelt das ge­ra­de aus dem Ges­tus des Skiz­zier­ten und auch Im­pro­vi­sier­ten ei­ne über­ra­schend äs­the­ti­sche Wir­kung, die über Skizze und Im­pro­vi­sa­ti­on weit hin­aus­reicht.

Das funk­tio­niert ähn­lich der Mu­sik, die in ih­rer oft pul­sie­rend mi­ni­ma­lis­tisch re­pe­low-bud­get-fil­men ti­ti­ven Struk­tur ge­nau­so auf den Ba­rock als das „al­te Schö­ne“ver­weist, wie die Out­fits der sechs Leip­zi­ger Darstel­ler wir­ken, als hät­te sie, samt üp­pi­ger Blu­men­ge­bin­de oder Fle­der­maus auf den Häup­tern, ein trun­ke­ner Ca­ra­vag­gio ge­träumt (Ko­s­tü­me: Ing­ken Be­nesch).

Im Kon­trast da­zu sind Stumpf/thom/ Trost ge­klei­det wie für den Stra­ßen­kampf ge­gen die Ver­gäng­lich­keit des Le­bens. Sturm­hau­ben in­klu­si­ve. Mar­tia­lisch tre­ten sie des­halb noch lan­ge nicht auf. Im Ge­gen­teil agie­ren sie mit ei­ner an­ge­nehm iro­nisch-non­cha­lan­ten Leich­te, die auch in den emo­tio­na­len Au­gen­bli­cken des Abends wun­der­bar des­sen schwe­ben­de Ba­lan­ce zu be­wah­ren ver­steht.

Denn es gibt sie, die Au­gen­bli­cke, in dem die­ses Büh­nen­spiel vom Spiel des Le­bens er­zählt. Ge­lingt es Gob Squad hier doch, ei­nen Raum zu schaf­fen, ei­nen Schutz­raum der Kunst, in dem man ge­ra­de we­gen der lust­vol­len Mas­ke­ra­de und ar­ti­fi­zi­el­len Selbst-ins­ze­nie­rung ganz oh­ne Mas­ke von Ver­lus­ten, Dis­kri­mi­nie­rung, bö­sen Kind­heits­er­in­ne­run­gen, Ängs­ten spre­chen kann. Zur Na­bel­schau wird das nie – eben weil es im­mer Kunst bleibt. Und da­bei ist es oft von je­ner Schön­heit, die man viel­leicht selbst in wel­ken­den Blu­men noch er­ken­nen mag.

Fo­to: Da­vid Balt­zer/bild­bue­h­ne.de

Drei­fal­tig­keit aus Künst­ler, Kunst­werk und Be­trach­ter im Gast­spiel „Crea­ti­on (Pic­tu­res for Dorain)“am Schau­spiel Leip­zig.

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