Lie­der in Le­der

Re­gis­seur Sam Bun­t­rock bringt ei­ne fan­ta­sie­vol­le „Ro­cky Hor­ror Show“auf die Büh­ne der Are­na Leip­zig

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON AN­JA JASKOWSKI

Wenn trans­se­xu­el­le Ali­ens auf der Büh­ne Or­gi­en fei­ern, kann es sich nur um das Kult-spek­ta­kel der „Ro­cky Hor­ror Show“han­deln. Für zwei Ta­ge hat die gro­ße Pro­duk­ti­on auf ih­rer Tour in der Are­na Leip­zig halt­ge­macht. Sich be­rie­seln zu las­sen, ist dem Pu­bli­kum bei die­sem Trash-mu­si­cal tra­di­tio­nell nicht ge­nug: Ei­ni­ge kom­men in den se­xy Ko­s­tü­men der Haupt­fi­gu­ren, an­de­ren be­waff­nen sich mit dem Fan-pa­ket.

Es macht ja auch Spaß, an den ein­schlä­gi­gen Stel­len mit Un­schulds­mie­ne ei­ne Hand­voll Kon­fet­ti in die Rei­hen hin­ter sich zu wer­fen. Von dort re­van­chiert man sich mit ei­ner La­dung aus der Was­ser­pis­to­le. Da­ge­gen wie­der­um schützt am bes­ten ei­ne Zei­tung auf dem Kopf ...

Bei den gan­zen Spie­le­rei­en soll­te man aber nichts von der Büh­nen­ac­tion ver­pas­sen, denn Sound, Licht, Ko­s­tü­me und Darstel­ler sind groß­ar­tig. Stimm­lich aus­drucks­stark er­öff­net Ma­gen­ta (An­na Lid­man) im Pro­log den Abend, be­vor der Vor­hang sich erst­mals hebt und den Blick frei­gibt auf das ner­vö­se, frisch ver­lob­te Paar Brad (ge­schmei­di­ger Ge­sang: Da­vid Ri­bi) und Ja­net (wan­del­ba­re Stim­me: Jen­ny Per­ry), die nicht ah­nen, dass sie nach ei­ner Au­to­pan­ne gleich in ei­nem Schloss mit se­xu­ell auf­ge­la­de­nen Au­ßer­ir­di­schen lan­den. Ob­wohl sie doch nur ein Te­le­fon su­chen.

Die Sto­ry selbst ist ei­gent­lich un­glaub­lich schlecht. In­spi­riert von B-mo­vies und aus den Be­rei­chen Sci­ence-fic­tion und Hor­ror hat Richard O’bri­en 1973 ein Pa­n­op­ti­kum von Cha­rak­te­ren in ei­nem Hor­ror­schloss zu­sam­men­ge­bracht: Da wä­ren der kau­zi­ge Die­ner Riff Raff (Stuart Ma­thew Pri­ce mit stimm­lich tol­ler Hö­he), der durch­ge­knall­te Wis­sen­schaft­ler Dr. Scott (Da­ni­el Flet­cher) und wei­te­re il­lus­tre Ge­stal­ten. Die Hand­lung ist nur die Scha­blo­ne für gla­mou­rö­se Rock-num­mern und Bur­les­que­shows um die Haupt­fi­gur Frank N. Fur­ter.

Ju­bel bran­det auf, als be­droh­lich klin­gen­de Ak­kor­de sein Er­schei­nen an­kün­di­gen, denn der Haus­herr des Schlos­ses emp­fängt Brad und Ja­net per­sön­lich: grell ge­schminkt, in High Heels, Strap­sen und Kor­sett stellt er sich als „Sweet Trans­ves­ti­te“vor – zum Schre­cken des jun­gen Paa­res. Ga­ry Tus­haw könn­te stimm­lich noch we­sent­lich mehr vom ir­ren Sex­ap­peal zei­gen, ze­le­briert da­für aber die Dia­lo­ge.

In der La­bor-sze­ne er­weckt er sein Re­tor­ten­we­sen Ro­cky als blon­des Mus­kel­pa­ket zum Le­ben, nun stol­pert Ryan Go­scin­ski mit lin­ki­schen Be­we­gun­gen na­iv und gut ge­launt durch die Mons­ter­welt – eben­so auch Brad und Ja­net in ih­rer Lie­bes­tö­ter-un­ter­wä­sche. Schließ­lich ver­führt Frank N. Fur­ter bei­de nach­ein­an­der, fan­ta­sie­voll dar­ge­stellt als hübsch ge­rahm­tes Schat­ten­bild.

Für die Mu­sik sorgt die bes­tens auf­ge­leg­te sechs­köp­fi­ge Band, de­ren Mit­g­lie- der sich in Rock­star-po­sen sicht­lich wohl­füh­len. Auch der Tanz darf bei die­sem Rock- und Rock ’n’ Roll-mu­si­cal nicht feh­len. So man­che Zu­schau­er hält es beim kul­ti­gen Ti­me Warp nicht auf den Sit­zen. Der­weil zap­peln und tau­meln die mons­ter­haf­ten Cha­rak­te­re in wit­zig-skur­ri­len Cho­reo­gra­fi­en über die Büh­ne.

Be­son­ders frea­kig wirkt all das durch die Ko­s­tü­me zwi­schen Ba­rock und Got­hic, Sex­shop und Ve­ne­zia­ni­schen Mas­ken­ball: se­xy Pumps, glit­zern­de Mas­ken, aus­ge­fal­le­ne Klei­der. Bei der Floor­show las­sen es die Haupt­cha­rak­te­re in Lack, Le­der und Netz­strümp­fen vor ei­nem Me­tal­li­cvor­hang noch ein­mal so rich­tig kra­chen – op­tisch und stimm­lich. Bis sich ein zwei­ter Vor­hang öff­net. Und ein drit­ter, der schließ­lich Frank N. Fur­ter frei­gibt, der blond­ge­lockt im wei­ßen Un­schulds­kleid ei­ne Kla­vier­bal­la­de zum Bes­ten gibt, um­kränzt vom En­sem­ble mit wei­ßen Fe­dern. Bis er für sei­nen Le­bens­wan­del den Büh­nen­tod ster­ben muss – er­schos­sen vom Die­ner Riff Raff.

Re­gis­seur Sam Bun­t­rock hat das ein­falls­reich in­sze­niert, er in­te­griert die Äs­t­he­tik der frü­hen, bil­lig pro­du­zier­ten Fil­me und den über­zo­ge­nen Slap­stick in die Per­so­nen­füh­rung. Ver­zicht­bar ist bei die­ser Show ein­zig Mar­tin Sem­mel­rog­ge, der zwar sei­ne Er­zäh­ler­rol­le sprach­lich bes­tens aus­füllt, sei­ne spon­ta­nen Er­wi­de­run­gen auf die ri­tu­el­len „Bo­ring!“-ru­fe aus dem Par­kett aber mög­lichst tief un­ter der Gür­tel­li­nie an­setzt. Ob nun als ge­wollt bil­li­ger Trash oder nicht: Das ist Bo­ring!

Fo­to: An­dré Kempner

Zwei Aben­de in Leip­zig zu Gast: „Ro­cky Hor­ror Show“in der Are­na.

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