Op­po­si­tio­nel­ler Er­kennt­nis­ge­winn

Stef­fen Schlei­er­ma­chers Mu­si­ca No­va mit „Zy­klus!“beim Bach­fest zu Gast

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON RO­LAND H. DIPPEL

Stef­fen Schlei­er­ma­cher ver­ehrt Bach. Doch beim Bach­fest be­gibt er sich lie­ber in die Op­po­si­ti­on: An den bei­den Aben­den der vom Men­dels­sohn-saal in den Pfei­ler­saal des Gras­si-mu­se­ums ver­leg­ten Mu­si­ca No­va ruft er dem Bach­fest-mot­to „Zy­klen“ein trot­zi­ges „Zy­klus!“ent­ge­gen und bie­tet dann doch drei mehr­sät­zi­ge Wer­ke auf. Schlei­er­ma­chers ei­ge­nem So­lo­abend mit den „So­na­tas and In­ter­lu­des for Pre­pa­red Pia­no“fol­gen Stü­cke, die, wenn nicht ei­ne schar­fe Wen­de in der Re­zep­ti­on ein­tritt, auf dem si­che­ren Weg in den Klas­si­k­er­olymp des 20. Jahr­hun­derts sind.

Na­tür­lich steckt ne­ben der Pro­vo­ka­ti­on auch dia­lek­ti­sches Den­ken in Schlei­er­ma­chers Ent­schei­dung für Oli­vier Mes­sia­en. Des­sen dich­te­ri­sches Ta­lent stellt er in dem von Mes­sia­en sei­ner ers­ten Frau Clai­re Del­bos (und dem ge­mein­sa­men Sohn Pas­cal) zu­ge­dach­ten Lie­der­zy­klus „Ge­sän­ge von der Er­de und vom Him­mel“(1938) deut­lich in Fra­ge. Da­bei nimmt sich Mes­sia­en in sei­nen Lie­dern weit­aus mehr Frei­hei- ten als Bach, der in der Text­aus­wahl für sei­ne geist­li­chen Kan­ta­ten im­mer von den Stoff­zwän­gen des Kir­chen­jah­res und Ri­tua­len der Li­t­ur­gie ab­hän­gig war.

Da­bei sind Mes­sia­ens Tex­te ei­gent­lich gar nicht so un­in­ter­es­sant mit ih­ren Sprach­bil­dern, die von Marc Cha­gall, Yvan Goll und Guil­lau­me Apol­li­nai­re zu­sam­men­ge­klaubt er­schei­nen. Ju­lia Sophie Wa­gner fin­det über Schlei­er­ma­chers aus­la­dend of­fe­nem Kla­vier­spiel den viel di­rek­te­ren Be­zug. Sie steigt von den kör­per- und sinn­lich­keits­fer­nen Hö­hen ih­res hoch­ge­rühm­ten Bach­so­prans ei­ni­ge La­gen tie­fer. Dort klingt sie in Mes­sia­ens sechs Ge­sän­gen, die der Frau, dem Sohn, dem Tag der Schutz­en­gel, dem Tod und dem Os­ter­fest hul­di­gen, ge­er­de­ter und frau­li­cher. Da singt kein Engel, aber es spie­gelt sich im­mer­hin das Pa­ra­dies.

Mes­sia­ens wäh­rend sei­ner deut­schen Kriegs­ge­fan­gen­schaft in Gör­litz ent­stan­de­nes und ur­auf­ge­führ­tes „Qua­tu­or pour la fin du temps“mach­te aus der (Be­set­zungs-)not ei­ne Tu­gend und wur­de so ein lan­ge gül­ti­ges Vor­bild für jün­ge­re Kom­po­nis­ten. Wahr­schein­lich dem Man­gel an ei­ner re­gu­lä­ren Streich­quar­tett­be­set­zung ver­dankt ei­nes der be­kann­tes­ten mu­si­ka­li­schen Wer­ke des 20. Jahr­hun­derts die ein­präg­sa­me Be­set­zung mit Kla­ri­net­te, Vio­li- ne, Vio­lon­cel­lo und Kla­vier. Erst scheint es, das En­sem­ble Avant­gar­de be­gin­ne et­was zu nüch­tern. Doch ab dem In­ter­lu­de, vor dem schon Mes­sia­ens un­ver­wech­sel­ba­re Vo­gel­stim­men-imi­ta­tio­nen durch den Satz lich­tern, be­ginnt die über­leg­te Stei­ge­rung zu wär­men­der Fül­le.

Über wei­te Stre­cken ist das 50-Mi­nu­ten­stück auf nur zwei In­stru­men­te aus­ge­rich­tet. Ve­ro­ni­ka Wil­helm er­höht den Druck ih­rer lan­gen und macht­voll lang­sam ge­wei­te­ten Cel­lo-kan­ti­le­ne bis knapp vor der Über­steue­rung, und Stef­fen Schlei­er­ma­cher er­laubt sich am Kla­vier die fast bis zur Mo­no­to­nie über­züch­te­te Ge­rad­li­nig­keit, die sonst al­len­falls bei Eric Sa­tie le­gi­tim scheint. Andre­as Sei­dels Vio­li­ne hält die­se Hö­he des Af­fekts nur, weil er nicht mit Kraft, son­dern mit mä­ßi­gen­der Zu­rück­hal­tung kon­tert. Und die von Pe­ter Schur­rocks Kla­ri­net­te dick auf­ge­tra­ge­nen Dis­so­nan­zen stei­gern sich ge­gen En­de zu ei­ner Ku­li­na­rik, die sonst für die jün­ge­re Mu­sik eben­so ver­pönt ist wie für Bach. Klu­ge Kon­trast­pro­gram­me be­schleu­ni­gen den Er­kennt­nis­ge­winn. Hef­ti­ger Ap­plaus.

Fo­to: And­re Kempner

Stef­fen Schlei­er­ma­cher

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