In die Pe­ri­phe­rie von Pa­ris

Espen Mel­bö und Claus Fi­scher be­glei­ten „Bach un­ter­wegs“zu den Or­geln in Ge­richs­hain und Naun­hof

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON RO­LAND H. DIPPEL

Der Zu­spruch für die Ex­kur­si­ons­rei­he „Bach un­ter­wegs“wird beim Bach­fest in den nächs­ten Jah­ren ge­wiss noch grö­ßer. Denn seit 5. De­zem­ber 2017 ste­hen der Or­gel­bau, die Or­gel­kul­tur und das Or­gel­re­per­toire Mit­tel­deutsch­lands auf der Lis­te des im­ma­te­ri­el­len Welt­kul­tur­er­bes der Unesco. Die ver­bind­li­che Nä­he, die lo­cke­re At­mo­sphä­re und punkt­ge­naue Or­ga­ni­sa­ti­on si­chern so­gar Aus­flü­gen des Bach­fes­tes an in­ter­na­tio­nal we­ni­ger be­kann­te Zie­le wie zur Tram­pe­li-or­gel in der Kir­che Ge­richs­hain und zur La­de­gast-or­gel in der Stadt­kir­che Naun­hof ei­ne ho­he Teil­neh­mer­zahl.

Dies­mal re­fe­riert Claus Fi­scher und bringt das Wis­sen des vom bri­tan­ni­schen bis ti­ro­li­schen Or­gel­bau kun­di­gen Rund­funk-ex­per­ten mit. Um ihn scha­ren sich die in­ter­na­tio­na­len Ex­kur­si­ons­teil­neh­mer in je­der frei­en Se­kun­de. Das glei­che lei­den­schaft­li­che In­ter­es­se flu­tet Pfar­rer Tho­mas En­ge bei sei­ner Be­grü­ßung in der Kir­che Ge­richs­hain ent­ge­gen. Sei­ne Ge­mein­de hat­te vor 2000 er­folg­reich für ih­ren Mu­sik­som­mer und Spen­den für die Or­gel­er­neue­rung ge­wor­ben. In­zwi­schen be­fin­den sich die Tram­pe­li-or­gel und da­mit auch de­ren au­then­ti­sches Klang­bild wie­der im Zu­stand des Bau­jah­res 1803.

Bei „Bach un­ter­wegs“hat man in den meist klei­nen Kir­chen freie Platz­wahl zwi­schen Haupt­schiff oder auf der Em­po­re, wo man den Or­ga­nis­ten in die No­ten, auf die Hän­de und auf die Ma­nua­le bli­cken kann. Dies­mal ist es der Nor­we­ger Espen Mel­bö, der für bei­de Or­te nach Vor­stel­lung der Re­gis­ter Wer­ke zu­sam­men­stell­te, die ver­deut­li­chen, wie der Or­gel­bau Kom­po­si­ti­ons­sti­le mit neu­er Fül­le und klang­li­chen Kon­trast­mög­lich­kei­ten be­ein­fluss­te. Jo­hann Gott­lieb und Chris­ti­an Wil­helm führ­ten auch in Ge­richs­hain die Er­run­gen­schaf­ten des Or­gel­bau­meis­ters Gott­fried Sil­ber­mann wei­ter. Mel­bö schwenkt von Carl Phil­ipp Ema­nu­el Bachs So­na­te a-moll zum „Klei­nen har­mo­ni­schen La­by­rinth“, BWV 591, des­sen Au­tor­schaft um­strit­ten ist.

Da­ge­gen re­prä­sen­tiert die La­de­gast-or­gel aus dem Jahr 1862 in der Stadt­kir­che Naun­hof den ho­hen tech­ni­schen Standard des spät­ro­man­ti­schen Or­gel­baus. Mel­bö, der dort bis letz­tes Jahr als Kan­tor im Amt war, holt mit zwei Re­gis­tran­ten das Flair des mon­dä­nen Pa­ri­ser Ka­tho­li­zis­mus ins schlich­te lu­the­ri­sche Got­tes­haus. Das wirkt nach der Be­wir­tung mit Ku­chen und Kaf­fee im Gar­ten durch die Kir­chen­ge­mein­de und dem Be­such des lie­be­voll ge­stal­te­ten Uh­ren­mu­se­ums wie der Durch­bruch in ei­ne par­al­le­le Welt. Cé­sar Francks ers­ter Cho­ral klingt be­rü­ckend mild, aber vor al­lem das In­ter­mez­zo der a-moll-or­gel­so­na­te Jo­seph Ga­b­ri­el Rhein­ber­gers ent­fal­tet an die­sem be­deck­ten Tag mit sei­nem kla­ren, doch nicht ste­chend in den schlich­ten Sa­kral­raum drin­gen­den Licht ei­ne be­tö­ren­de Stim­mung.

Seit 2008 ist nach der Re­no­vie­rung durch die Fir­ma Weg­schnei­der das Klang­ide­al von Neu­ro­man­tik und His­to­ris­mus wie­der er­leb­bar, wie von Chris­ti­an La­de­gast vor­ge­se­hen. Als Mit­tel­stück wählt Mel­bö ei­ne Be­ar­bei­tung Bachs von An­to­nio Vi­val­dis Kon­zert d-moll. Auf der La­de­gast-or­gel bil­det er eher den aus­la­den­den Glanz Vi­val­dis als Bachs for­ma­les Ge­stal­ten ab. Durch den Cha­rak­ter des In­stru­ments und des­sen noch wei­che­re Run­dun­gen rückt das pro­tes­tan­tisch ge­präg­te Naun­hof mu­si­ka­lisch tat­säch­lich in die Pe­ri­phe­rie von Pa­ris. Wie im­mer sind die Ge­sprä­che auf der halb­stün­di­gen Rück­fahrt sehr an­ge­regt.

Ge­wand­haus­or­ga­nist: Micha­el Schön­heit be­rei­tet für die 48. Mer­se­bur­ger Or­gel­ta­ge vom 8. bis 16. Sep­tem­ber das Ju­bi­lä­um „Fried­rich La­de­gast zum 200. Ge­burts­tag“vor

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