Von die­ser Welt

Haus­be­such beim Papst: Wim Wen­ders hat ei­nen Film über und mit Fran­zis­kus ge­dreht

Leipziger Volkszeitung - - FILM - VON STE­FAN STOSCH

Wenn sein wei­ßes Schul­ter­ge­wand im Fahrt­wind flat­tert, könn­te man glatt mei­nen, Su­per­man vor sich zu ha­ben. Gleich hebt er ge­wiss ab von sei­nem Pa­pa­mo­bil, um ein oder zwei Wun­der zum Woh­le der Mensch­heit zu voll­brin­gen. Papst Fran­zis­kus kann aber gar nicht flie­gen. Und Wun­der voll­brin­gen kann er auch nicht.

Aber er kann re­den – über Gott und die Welt, nein, eher noch über die Welt und Gott, in die­ser Rei­hen­fol­ge. Di­rekt in die Ka­me­ra schaut er in Wim Wen­ders’ Do­ku­men­tar­film „Papst Fran­zis­kus – Ein Mann sei­nes Wor­tes“dank ei­ner be­son­de­ren Tech­nik, ei­ner Art um­ge­kehr­ten Te­le­promp­ters, des von Do­ku­men­tar­fil­mer Er­rol Mor­ris er­fun­de­nen In­ter­ro­trons. Je­der soll sich di­rekt an­ge­spro­chen füh­len. Dies sei ein Film „mit“dem Papst, nicht „über“ihn, be­tont Wen­ders.

Der Papst spricht freund­lich, sei­ne Wor­te sind klar, ein­fach, ein­neh­mend. Er kri­ti­siert un­se­ren zer­stö­re­ri­schen Um­gang mit der Er­de, den mör­de­ri­schen Ka­pi­ta­lis­mus, ver­weist auf den Zu­sam­men­hang von Wür­de und Ar­beit, be­klagt die wach­sen­de Kluft zwi­schen Arm und Reich. Er be­ob­ach­te ei­ne „glo­ba­le Gleich­gül­tig­keit“, die Ge­fahr, sich an das Elend an­de­rer zu ge­wöh­nen. „Wir sind al­le ver­ant­wort­lich“, sagt er. Solch ei­ne Ent­schie­den­heit wür­de man sich auch von an­de­ren Amts­trä­gern wün­schen.

Vier lan­ge In­ter­views hat Wen­ders mit Fran­zis­kus ge­führt, auf Spa­nisch, der Mut­ter­spra­che des ar­gen­ti­ni­schen Paps­tes. Er­gänzt hat der Fil­me­ma­cher die Ge­sprä­che durch Ma­te­ri­al aus dem über­rei­chen Bildarchiv des Va­ti­kans, zu dem er frei­en Zu­gang hat­te. Tau­sen­de St­un­den Ma­te­ri­al hat Wen­ders nach ei­ge­nen Wor­ten ge­sich­tet.

Doch ist kaum zu un­ter­schei­den, ob wir ori­gi­na­le Wen­ders-bil­der oder sol­che aus dem Va­ti­kan vor uns ha­ben. Man­ches kommt ei­nem al­ler­dings sehr be­kannt vor: Ein­mal sitzt der Papst der ver­sam­mel- ten Ku­rie ge­gen­über und pran­gert „geist­li­chen Alz­hei­mer“, Ge­winn­stre­ben, Ge­schwät­zig­keit, feh­len­de De­mut und man­che an­de­re „Krank­heit“an. Wir schau­en in die be­dröp­pel­ten Ge­sich­ter ei­ner Rie­ge stein­al­ter Män­ner um ihn her­um.

Zu­dem streut Wen­ders ein paar ge­spiel­te Sze­nen mit ei­nem Franz-vonas­si­si-darstel­ler ein, ge­dreht mit ei­ner ur­al­ten Kur­bel­ka­me­ra. Die Schwar­zweiß-ein­spreng­sel sind der Ver­such, die Men­ge an ge­spro­che­nem Text ein we­nig auf­zu­lo­ckern. Die As­si­si-sze­nen hel­fen zu­min­dest, dem Selbst­ver­ständ­nis des Paps­tes auf die Spur zu kom­men: Fran­zis­kus hat sich nach dem Mann be­nannt, der sich vor 800 Jah­ren dar­an mach­te, die Kir­che von in­nen her­aus zu er­neu­ern. Kei­ner der 255 Vor­gän­ger des Paps­tes hat das ge­tan. Man ver­steht so­fort, dass Wim Wen­ders die­sem Kir­chen­füh­rer ver­fal­len ist, der so we­nig Auf­he­bens von sich macht und doch über­all wie ein Pop­star emp­fan­gen wird. Die­ser Papst for­dert für Pä­do­phi­le in der Kir­che „null To­le­ranz“(und ist auch be­reit, um Ent­schul­di­gung zu bit­ten, wenn er sich nicht ge­nü­gend dis­tan­ziert hat von schwer Be­las­te­ten), sieht Frau­en als die bes­se­ren Be­ra­ter und möch­te sich nicht an­ma­ßen, schwu­le Se­xua­li­tät zu be­wer­ten. Und, ach ja, er wünscht sich, dass je­der sich Zeit für Ge­nuss und Zärt­lich­keit neh­men mö­ge.

Fran­zis­kus sagt, man dür­fe kei­ne Angst vor Re­vo­lu­tio­nä­ren ha­ben. Ob er da­bei sich selbst meint? Kaum vor­stell­bar je­den­falls, dass ein sol­cher Film mit Vor­gän­ger Be­ne­dikt XVI. mög­lich ge­we­sen wä­re. Die Be­wun­de­rung des Re­gis­seurs für den Papst hat ei­nen ent­schei­den­den Nach­teil: Sie ver­hin­dert je­den kri­ti­schen Zwi­schen­ton, je­de Spur Skep­sis, je­de Dis­tanz. Das hat sei­nen Grund mög­li­cher­wei­se auch dar­in, dass dies hier ei­ne Auf­trags­ar­beit ist. So et­was hat Wen­ders noch nie zu­vor ge­macht. Ei­nes Tages fand er ei­nen Brief mit Va­ti­k­an­sie­gel in sei­ner Post. Ob er ei­nen Film über Fran­zis­kus dre­hen wol­le? Er woll­te.

Was ge­ra­de Wen­ders für die­sen Job qua­li­fi­ziert hat? Im­mer­hin hat er schon mal ei­nen Film über ei­nen Engel auf Er­den ge­dreht, der Mensch wer­den woll­te („Der Him­mel über Ber­lin“). Zu­dem hat er man­chen her­aus­ra­gen­den Do­ku­men­tar­film vor­ge­legt: „Bue­na Vis­ta So­ci­al Club“(1999) über ku­ba­ni­sche Mu­si­ker, „Pi­na“(2011) über die Tän­ze­rin Pi­na Bausch, zu­letzt „Das Salz der Er­de“(2014) über den bra­si­lia­ni­schen Fo­to­gra­fen Se­bas­tião Sal­ga­do.

Wer Ein­sich­ten in die In­sti­tu­ti­on Va­ti­kan er­war­tet, wird al­ler­dings ent­täuscht. Und wer ge­hofft hat, der Papst wür­de per­sön­li­che Ein­bli­cke ge­ben, wird eben­so we­nig fün­dig. Ein­mal zi­tiert der Papst zwin­kernd ei­nen Aus­spruch von Tho­mas Mo­rus: „Schen­ke mir ei­ne gu­te Ver­dau­ung, Herr, und auch et­was zum Ver­dau­en.“Das war es dann schon.

Un­will­kür­lich stellt man sich die Fra­ge, wie es wohl tief im In­nern die­ses Paps­tes aus­sieht: Egal wie vie­len Kran­ken er den Kopf strei­chelt, wie vie­le Fü­ße von Häft­lin­gen er wäscht, wie vie­le Flücht­lin­ge er be­grüßt, wie vie­le Re­den er vor den Ver­ein­ten Na­tio­nen oder im Us-kon­gress hält: Wird nicht al­les im­mer schlim­mer auf die­sem Pla­ne­ten? Muss der Papst sich nicht schreck­lich ein­sam füh­len?

Trotz al­ler Ein­wän­de ge­gen die­sen viel­leicht zu re­spekt­vol­len Film lohnt es sich, ei­nem au­ßer­ge­wöhn­li­chen Men­schen zu­zu­hö­ren. Man muss da­für auch nicht Ka­tho­lik sein.

„Papst Fran­zis­kus – Ein Mann sei­nes Wor­tes“, Re­gie: Wim Wen­ders, 96 Mi­nu­ten, FSK 0

Fo­to: Uni­ver­sal

Der Papst schaut dich an: Fran­zis­kus nimmt Stel­lung zum zer­stö­re­ri­schen Ka­pi­ta­lis­mus.

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