Ver­dräng­te Schuld

Wenn die Er­in­ne­rung trügt: Das bri­ti­sche Dra­ma „Vom En­de ei­ner Ge­schich­te“taucht tief in schmerz­haf­te Ver­gan­gen­heit ein

Leipziger Volkszeitung - - FILM - VON MAR­TIN SCHWICKERT

J e äl­ter wir wer­den, des­to wich­ti­ger wer­den un­se­re Er­in­ne­run­gen. Wenn die Ge­gen­wart ih­ren Er­eig­nis­cha­rak­ter ver­liert, ge­win­nen die Ge­scheh­nis­se der Ver­gan­gen­heit an Be­deu­tung. Aber Er­in­ne­run­gen sind trü­ge­risch. Nicht nur, weil das Ge­dächt­nis sei­nen Di­enst ver­sagt, son­dern auch, weil wir im Er­in­nern un­se­re ei­ge­ne Ge­schich­te for­men. Un­an­ge­neh­mes wird ver­drängt, ver­ges­sen, zu­recht­ge­bo­gen.

In sei­nem Ro­man „Vom En­de ei­ner Ge­schich­te“hat Ju­li­an Bar­nes die­ses Phä­no­men in eben­so kom­pak­ter wie pa­cken­der Form be­schrie­ben. Nun hat sich der in­di­sche Re­gis­seur Ri­tesh Ba­tra, der mit sei­ner me­lan­cho­li­schen Roman­ze „The Lunch­box“(2013) in­ter­na­tio­nal re­üs­sier­te, des Stof­fes an­ge­nom­men. Kein leich­tes Un­ter­fan­gen an­ge­sichts der in­tro­spek­ti­ven Er­zähl­hal­tung der Vor­la­ge.

Jim Broad­bent („Another Ye­ar“) spielt den ge­schie­de­nen Pen­sio­när To­ny, der ei­nen La­den für ge­brauch­te Lei­ca-ka­me­ras be­treibt und ein ge­nau­so zu­frie­de­nes wie er­eig­nis­ar­mes Le­ben führt. Ei­nes Tages flat­tert ihm ein An­walts­schrei­ben ins Haus, wel­ches ihn in Kennt­nis setzt, dass die Mut­ter sei­ner Ju­gend­lie­be Ve­ro­ni­ca ihm ein Ta­ge­buch ver­erbt hat. Die Auf­zeich­nun­gen stam­men von To­nys ver­stor­be­nem Schul­freund Adam, in den sich Ve­ro­ni­ca da­mals ver­lieb­te – was zu ih­rer Tren­nung von To­ny führ­te.

Das al­les ist ein hal­bes Jahr­hun­dert her, ver­setzt den al­ten Mann je­doch in Un­ru­he, zu­mal Ve­ro­ni­ca – wie To­ny von der An­wäl­tin er­fährt – die Her­aus­ga­be des Ta­ge­buchs ver­wei­gert. To­ny er­zählt sei­ner Ex-frau Mar­ga­ret (Har­riet Walt­her), mit der ihn im­mer noch ein ver­trau­tes Ver­hält­nis ver­bin­det, von Ve­ro­ni­ca – zum ers­ten Mal. Zu­nächst neh­men die ver­klär­ten Er­in­ne­run­gen an ei­ne Ju­gend­lie­be und die en­ge Freund­schaft zu Adam in Rück­blen­den Gestalt an. Aber je län­ger das ju­ris­ti­sche Rin­gen um das Ta­ge­buch dau­ert, des­to deut­li­cher wird, dass To­nys Ge­dächt­nis die Er­eig­nis­se in ge­schön­ter Form ge­spei­chert hat. Doch erst die Kon­fron­ta­ti­on mit Ve­ro­ni­ca (Char­lot­te Ram­pling) bringt die schmerz­haf­te Wahr­heit und die dra­ma­ti­schen Fol­gen zum Vor­schein.

Re­gis­seur Ba­tra er­zählt die­se Ge­schich­te über die schwin­den­de Kraft der Ver­drän­gung in ei­nem sanf­ten Ton, ver­schränkt Ge­gen­wart und Rück­blen­den ele­gant mit­ein­an­der und hat ei­nen Haupt­dar­stel­ler, der als äl­te­rer Herr al­le Sym­pa­thi­en auf sich zieht. Aber der ge­müt­li­che Flow ist trü­ge­risch, denn mit dem Fort­schrei­ten der Ge­schich­te wird klar, dass es um un­ge­müt­li­che The­men geht. Es geht um Er­eig­nis­se, die nicht wie­der­gut­zu­ma­chen sind. Um Schuldge- füh­le, die mit al­ler Kraft ver­drängt wer­den. Um männ­li­chen Nar­ziss­mus, kurz: um blin­de Fle­cken der ei­ge­nen Ver­gan­gen­heit, die auch blind fürs mög­li­che Glück der Ge­gen­wart ma­chen.

Ba­tra ver­zich­tet auf gro­ße dra­ma­ti­sche Ges­ten. Er setzt auf Ge­nau­ig­keit in der Cha­rak­te­ri­sie­rung der Fi­gu­ren. Er kann auf ein her­aus­ra­gen­des En­sem­ble zu­rück­grei­fen. Broad­bent und die fa­bel­haf­te Har­riet Walt­her spie­len die Ver­traut­heit und die Dis­tanz ei­nes ehe­ma­li­gen Ehe­paa­res nu­an­cen­reich. Char­lot­te Ram­pling kann in nur ei­nem scha­fott­ar­ti­gen Blick das Leid und die Ver­ach­tung ei­nes gan­zen Le­bens bün­deln.

Wie­der ein­mal be­weist das bri­ti­sche Ki­no, dass es für sei­ne her­vor­ra­gen­den Schau­spie­ler im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter Rol­len mit der not­wen­di­gen Tie­fe fin­det. Dar­an könn­ten sich Hol­ly­wood, aber auch das deut­sche Ki­no ein Bei­spiel neh­men.

„Vom En­de ei­ner Ge­schich­te“,

Re­gie: Ri­tesh Ba­tra, mit Jim Broad­bent, Char­lot­te Ram­pling, 108 Mi­nu­ten, FSK 0

Fo­to: Wild Bunch

Wie­der­be­geg­nung nach lan­ger Zeit: To­ny Webs­ter (Jim Broad­bent) und Ve­ro­ni­ca (Char­lot­te Ram­pling).

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