KON­ZERT

In­die-rock-band Deer­hun­ter be­geis­tert im UT Con­ne­witz

Leipziger Volkszeitung - - LEIPZIG - VON SOPHIE ASCHENBRENNER

Ha­ger ist er, fast aus­ge­mer­gelt, wirkt wie in Tran­ce – und vor al­lem wie je­mand, der mu­si­ka­lisch kei­ne Kom­pro­mis­se macht. Brad­ford Cox, Front­mann der In­die-rock-band Deer­hun­ter, steht im UT Con­ne­witz hin­ter dem Mi­kro­fon, die Haa­re in die Stirn fal­lend, die Au­gen ge­schlos­sen. Wenn er sie ab und zu öff­net, mit ei­nem lang­sa­men, schlaf­zim­mer­bli­ck­ähn­li­chen Au­gen­auf­schlag, dann ist sein Blick sehr in­ten­siv – wie sei­ne gan­ze Per­son. Cox lei­det am Mar­fan-syn­drom, ei­ner ge­ne­tisch be­ding­ten Bin­de­ge­web­s­er­kran­kung. Ihr hat er sein ein­ge­fal­le­nes Ge­sicht, die zer­brech­lich wir­ken­de Sta­tur zu ver­dan­ken, doch sie nimmt ihm nicht die Po­wer, die er auf der Büh­ne braucht.

Seit 2001 gibt es Deer­hun­ter, Cox grün­de­te die Band ge­mein­sam mit Mo­ses Archul­e­ta (Drums) in At­lan­ta. Seit­dem ha­ben sie mit wech­seln­den Band­kol­le­gen sie­ben Al­ben ver­öf­fent­licht, das ach­te, „Dou­ble Dream of Spring“, soll im Herbst die­ses Jah­res er­schei­nen. Der Sound der Stü­cke chan­giert zwi­schen In­die-rock, Dream-pop und Post-punk, ist ge­prägt von har­ten Gi­tar­ren und vor al­lem von Cox’ in­ten­si­ver, un­ver­wech­sel­ba­rer Stim­me. Der Ope­ner ist ein neu­es Stück, „De­tour­ne­ment“. Mu­tig, bei so viel al­tem Ma­te­ri­al mit ei­nem un­be­kann­ten Song zu be­gin­nen. Doch es funk­tio­niert. Cox’ Aus­strah­lung nimmt das Pu­bli­kum ge­fan­gen, Ju­bel. Beim zwei­ten Lied, „Re­vi­val“, dem Lead­song des 2010 er­schie­ne­nen Al­bums „Hal­cyon Di­gest“, be­gin­nen die vor­de­ren Rei­hen zu tan­zen. Da­zu ist zum Glück auch Platz, das Kon­zert ist nicht aus­ver­kauft, der Saal an­ge­nehm ge­füllt. Es wird warm. Auch Cox zieht sei­nen lan­gen schwar­zen Man­tel aus, dar­un­ter trägt er ein wei­ßes Ripp-shirt und wei­te un­för­mi­ge Stoff­ho­sen.

Die Show lebt von lan­gen und un­glaub­lich in­ten­si­ven In­stru­men­tals, die man­che Stü­cke ex­trem in die Län­ge zie­hen – die letz­te Zu­ga­be dau­ert fast ei­ne Vier­tel­stun­de. Ins­ge­samt spie­len Deer­hun­ter sechs neue Ti­tel. „Fu­tu­rism“zum Bei­spiel, ein eher ru­hi­ger Track, ge­tra- gen von Wie­der­ho­lun­gen, der über­geht in „What Hap­pens To Peop­le“, eben­falls Teil der noch un­ver­öf­fent­lich­ten Plat­te. Nach ei­ner knap­pen St­un­de dann ein Song des 2015 er­schie­ne­nen Al­bums „Fa­ding Fron­tier“. „Ta­ke Ca­re“ist ru­hig und me­lo­disch – lei­se Gi­tar­ren, Drums, ei­ne Me­lo­die zum Sich-trei­ben­las­sen.

Wenn Cox und sei­ne Kol­le­gen auf der Büh­ne per­for­men, ist die In­ter­ak­ti­on mit dem Pu­bli­kum gleich null. Wie in ei­ner ei­ge­nen Welt ste­hen sie da, den Blick oft ab­ge­wandt, mit erns­ten Mie­nen. Cox spricht und lä­chelt zum ers­ten Mal, da hat er schon vier Songs hin­ter sich. Ein sehr schö­nes, herz­li­ches und of­fe­nes Lä­cheln ist das, es zeigt: Er liebt, was er tut. „Thanks“, sagt er, und dann, mit char­man­tem ame­ri­ka­ni­schen Ak­zent: „Dan­ke­schön“. Nach ei­ner St­un­de wol­len Deer­hun­ter Schluss ma­chen, doch das Pu­bli­kum hat noch lan­ge nicht ge­nug. Zwei Mal pfei­fen, klat­schen, schrei­en die Fans ih­re Hel­den zu­rück auf die Büh­ne. Um kurz vor Mit­ter­nacht, nach drei lan­gen Zu­ga­ben, ge­hen die Mu­si­ker dann wirk­lich. Zu­rück bleibt das Ge­fühl ei­nes an­ge­neh­men Tran­ce­zu­stands, der sich von der Büh­ne auf den Zu­schau­er­raum über­tra­gen hat. Vor elf Jah­ren wa­ren Deer­hun­ter das letz­te Mal im UT, er­zählt Cox. Er plant, in elf Jah­ren wie­der­zu­kom­men. Wir freu­en uns schon.

Fo­to: An­dré Kempner

Wie in ei­ner ei­ge­nen, an­de­ren Welt: Front­man Brad­ford Cox (links) beim Kon­zert im UT Con­ne­witz.

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