Pol­ler her, Park­flä­chen weg – Rad­ler for­dern mehr Platz auf Jahn­al­lee

Neue Auf­tei­lung der Fahr­bah­nen im Ge­spräch / Gus­tav-adolf-stra­ße könn­te Fahr­rad­stra­ße wer­den

Leipziger Volkszeitung - - LEIPZIG - VON ANDRE­AS TAPPERT

In Leip­zig wird der Ruf nach ei­ner neu­en Ver­kehrs­lö­sung für die in­ne­re Jahn­al­lee lau­ter. Denn zwi­schen Leib­nitz­stra­ße und Wald­platz reißt die Zahl von Ver­kehrs­un­fäl­len nicht ab, be­son­ders häu­fig sind Rad­fah­rer be­trof­fen. Die Rad­fah­rer-lob­by bläst in­zwi­schen zum Sturm: Mit ei­ner On­line­pe­ti­ti­on will sie in die­sem Ab­schnitt Leip­zigs ers­te „pro­tec­ted bi­kela­ne“(ge­schüt­ze Rad­spur) er­zwin­gen, al­so auf Kos­ten des üb­ri­gen Ver­kehrs an je­der Stra­ßen­sei­te se­pa­ra­te Rad­we­ge mar­kie­ren und die­se mit Blu­men­kü­beln oder Pol­lern schüt­zen.

Dass ge­han­delt wer­den muss, steht au­ßer Fra­ge. Denn al­len ist klar, dass die in­ne­re Jahn­al­lee nicht mehr in der La­ge ist, die An­for­de­run­gen al­ler Ver­kehrs­teil­neh­mer zu er­fül­len. Auch die Ver­kehrs­un­fall­kom­mis­si­on hat dies schon fest­ge­stellt. Ne­ben der Stra­ßen­bahn fah­ren in dem Na­del­öhr auch Au­tos in dich­ter Fol­ge durch die zwei­spu­ri­ge Stra­ße, die auch noch durch Kurz­zeit­par­ker ein­ge­engt wird. In­zwi­schen lie­gen meh­re­re Lö­sun­gen auf dem Tisch.

■ Tem­po 30: Dass ein so­ge­nann­tes stre­cken­be­zo­ge­nes Tem­po 30 kommt – bei dem die Jahn­al­lee Haupt­ver­kehrs­stra­ße bleibt – hat das Ver­kehrs- und Tief­bau­amt der Stadt in­zwi­schen zu­ge­sagt. Wi­der­spruch ge­gen die­sen Plan kommt von der Frei­beu­ter-frak­ti­on des Rat­hau­ses. „In den Haupt­ver­kehrs­zei­ten, in de­nen es für Rad­fah­rer be­son­ders ge­fähr­lich ist, fährt dort eh kaum ei­ner schnel­ler als 30 St­un­den­ki­lo­me­ter“, ar­gu­men­tiert Stadt­rat Sven Mor­lok (FDP). „Ein Tem­po-30-schild wür­de ei­ne Ver­kehrs­si­cher­heit vor­gau­keln, die es nicht gibt.“Bei den Rad­fah­rern heißt es, Tem­po 30 sei „nur ein ers­ter Schritt“und rei­che nicht aus. „Dann gibt es im­mer noch ge­fähr­li­che Über­hol­ma­nö­ver oder das plötz­li­che Öff­nen von Au­to­tü­ren vor her­an­na­hen­den Rad­fah­ren­den“, sagt Leip­zigs Adfc-vor­sit­zen­der Chris­toph Waack. Ge­braucht wür­de zu­sätz­lich ei­ne „pro­tec­ted bi­kela­ne“.

■ Fahr­radam­pel und -spie­gel: Im Ge­spräch sind auch Ve­rän­de­run­gen an der Am­pel­steue­rung der in­ne­ren Jahn­al­lee. In Müns­ter wur­de nach­ge­wie­sen, dass ei­ne deut­lich län­ge­re Grün­pha­se den Rad­fah­rern ei­nen wich­ti­gen Zeit­vor­teil vor den Au­to­fah­rern ver­schafft und da­durch Fahr­rad­un­fäl­le deut­lich zu­rück­ge­hen. An der Leib­nitz­stra­ße gibt es schon ei­ne se­pa­ra­te Fahr­radam­pel, die Rad­lern ei­nen Zeit­vor­sprung von rund drei Se­kun­den ver­schafft, am Wald­platz fehlt sie. In Müns­ter wird jetzt auch über Spie­gel an den Am­peln dis­ku­tiert, um to­te Win­kel für Lkw-fah­rer zu ver­hin­dern. In Leip­zig gibt es sie noch nicht.

■ Vor­ge­zo­ge­ne Hal­te­flä­chen für Rad­ler: In Städ­ten wie Lon­don, Brüs­sel oder Wi­en be­kom­men Rad­fah­rer an Kreu­zun­gen se­pa­ra­te Hal­te­flä­chen, die sich vor den war­ten­den Au­tos be­fin­den und sich über die ge­sam­te Fahr­spur er­stre­cken. Rad­ler sind dann für Au­to­fah­rer sicht­ba­rer, kön­nen un­be­drängt vom üb­ri­gen Ver­kehr star­ten und sich auch oh­ne Si­cher­heits­de­fi­zi­te im Fahr­bahn­raum ein­ord­nen. In Leip­zig gibt es dies be­reits in der Jo­han­ni­sal­lee/ Ecke Stra­ße des 18. Ok­to­ber.

■ „pro­tec­ted bi­kela­ne“: Die­se ge­si­cher­ten Rad­strei­fen hät­ten in der in­ne­ren Jahn­al­lee den Ver­lust der Park­strei­fen zur Fol­ge. „Durch den Weg­fall der Kun­den­park­plät­ze wür­den die Händ­ler und Di­enst­leis­ter der Stra­ße ein wich­ti­ges Kun­denk­li­en­tel ver­lie­ren, auch die Ge­währ­leis­tung ih­res An­lie­fer­ver­kehrs wür­de deut­lich schwie­ri­ger“, warnt Stadt­rat Jörg Küh­ne (AFD). Er plä­diert des­halb für ei­ne Ver­la­ge­rung des Rad­ver­kehrs auf ei­ne der Par­al­lel­stra­ßen. ADFC-CHEF Waack glaubt, die weg­fal­len­den Stell­flä­chen lie­ßen sich mit grö­ße­ren Kurz­park­zo­nen in den Sei­ten­stra­ßen kom­pen­sie­ren. „Die Stadt schafft in den nächs­ten Mo­na­ten oh­ne­hin im Wald­stra­ßen­vier­tel neue An­woh­ner­park­zo­nen“, ar­gu­men­tiert er. „Das wird den Park­druck lin­dern.“■ Ver­la­ge­rung des Rad­ver­kehrs: Auch die Frei­beu­ter-frak­ti­on plä­diert da­für, den Rad­ver­kehr kom­plett in die par­al­lel ver­lau­fen­de Gus­tav-adolf-stra­ße zu ver­le­gen und die­se als Fahr­rad­stra­ße aus­zu­wei­sen. Dann hät­ten dort Fahr­rad­fah­rer Vor­rang, Au­to­fah­rer müss­ten sich nach ih­nen rich­ten. Waack hält da­von nichts. „Die Rad­fah­rer wer­den die­se Um­weg nicht an­neh­men“, pro­phe­zeit er. „Auch des­halb, weil dort dann rechts vor links gilt. Das heißt, die Rad­fah­rer müss­ten stän­dig brem­sen, um die Vor­fahrt zu be­ach­ten.“Die Rad­ler hät­ten auch in der Jahn­al­lee ei­nen An­spruch auf Si­cher­heit, „nicht nur auf Um­we­gen“, so Waack.

Die On­line-pe­ti­ti­on für die Ein­rich­tung von „pro­tec­ted bi­kela­nes“als „So­fort­maß­nah­me“in der in­ne­ren Jahn­al­lee hat­te bis ges­tern 1408 Un­ter­zeich­ner. In ei­ni­gen Wo­chen will Initia­tor und Stadt­be­zirks­bei­rat Vol­ker Hol­zen­dorf (Grü­ne) al­le Un­ter­schrif­ten Ober­bür­ger­meis­ter Burk­hard Jung (SPD) über­ge­ben. Auch der Pe­ti­ti­ons­aus­schuss der Stadt wird sich da­mit be­schäf­ti­gen.

Im Stadt­rat wird das Pro­blem eben­falls ein The­ma. Die Grü­nen ha­ben be­an­tragt, dass die Stadt die Ver­kehrs­si­tua­ti­on „un­ver­züg­lich“ent­schärft. Die Links­frak­ti­on hat Un­ter­stüt­zung si­gna­li­siert. Ih­re Ver­kehrs­ex­per­tin Fran­zis­ka Rie­ke­wald denkt laut über we­ni­ger Park­plät­ze in den Nacht­stun­den nach. Und der Um­welt­bund Öko­lö­we will für ei­nen „Ver­kehrs­test“noch in die­sem Jahr ge­si­cher­te Rad­spu­ren in der in­ne­ren Jahn­al­lee ein­rich­ten.

Ges­tern 17.16 Uhr: Ein Rad­fah­rer fährt in der über­vol­len Jahn­al­lee bei Rot und rammt bei­na­he ei­nen Fuß­gän­ger und ein Au­to (oben, rechts). In der par­al­le­len Gus­tav-adolf-stra­ße geht es da­ge­gen ge­müt­lich zu, auch wenn vie­le Au­tos in der zwei­ten Rei­he par­ken (links).

Fo­tos: An­dré Kempner

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