Schlöss­chen und Gink­go­baum: Zu­hau­se in Goh­lis

Auf Streif­zu2 6urch 6en Kiez: In 6er Se­rie „Mein Vier­tel“füh­ren Leip­zi2er 6urch ih­ren St|6tteil, zei2en Lie8lin2s­plät­ze un6 Sch|n6fle­cken. In Teil 1 sp|zie­ren M|ri|nne Auth un6 A2nes Niem|nn 6urch ihr Goh­lis.

Leipziger Volkszeitung - - LEIPZIG - VON GI­NA APITZ

Es ist im­mer wie­der er­staun­lich, wie un­ver­mit­telt das Gohli­ser Schlöss­chen zwi­schen den Häu­ser­rei­hen auf­taucht – ein Zeu­ge ver­gan­ge­ner Zei­ten und Herz­stück des Vier­tels. Hier be­ginnt die Tour durch den Stadt­teil im Nor­den Leip­zigs. Im Schloss­gar­ten las­sen sich Ma­ri­an­ne Auth, 69, und Ag­nes Nie­mann, 36, die Son­ne ins Ge­sicht schei­nen. Letz­te­re schiebt im Kin­der­wa­gen ih­ren 15 Mo­na­te al­ten Sohn Or­son. Man könn­te die äl­te­re Da­me für Nie­manns Mut­ter hal­ten. Tat­säch­lich ken­nen sich bei­de aus dem Gohli­ser Bür­ger­ver­ein. Heu­te be­ge­ben sich die Frau­en zu­sam­men auf ei­nen Streif­zug durch ihr Vier­tel.

Drin­nen war­tet schon Adi­na Fahr, die Lei­te­rin des Gohli­ser Schlöss­chens. Sie führt die klei­ne Grup­pe durch die Som­mer­re­si­denz, die ei­ne bür­ger­li­che Leip­zi­ger Fa­mi­lie Mit­te des 18. Jahr­hun­derts er­rich­ten ließ. Bau­herr Jo­hann Cas­par Rich­ter hängt als Ge­mäl­de an der Wand. Er ge­hör­te zu je­nen Kauf­män­nern die­ser Zeit, die „un­glaub­lich reich“wa­ren. Einst war das Som­mer­häus­chen um­ge­ben von Län­de­rei­en, die bis zum Ro­sen­tal reich­ten. Heu­te sei das Schlöss­chen ja „na­he­zu ein­ver­leibt von der Stadt“, sagt Fahr.

Man stel­le sich vor, wie die Men­schen frü­her hier ge­lebt ha­ben: Die Räu­me wur­den mit Ker­zen und Fa­ckeln er­hellt und hat­ten „über­all ei­ne klei­ne Pa­ti­na“, sagt die Schloss­che­fin. Auch die Ge­rü­che sei­en ganz an­de­re ge­we­sen: Auf Hy­gie­ne wur­de we­nig ge­ach­tet. Es gab kei­ne Toi­let­ten, das Ge­schäft wur­de mo­bil auf Por­zel­lan­ge­fä­ßen er­le­digt. „Al­le hat­ten Läu­se und Flö­he“, wit­zelt Fahr, wäh­rend sie durch das Erd­ge­schoss führt.

Der Fest­saal mit sei­nen il­lu­sio­nis­ti­schen Land­schafts­ma­le­rei­en wird heu­te für Kon­zer­te und Le­sun­gen ge­nutzt. Hier kommt Adi­na Fahr ins Schwär­men. „Wenn die Son­ne her­ein­fällt, sieht es aus, als ob man sich in ei­nem Gar­ten­pa­vil­lon be­fin­det“, sagt sie. „Das hat ei­ne Er­ha­ben­heit, die wirk­lich er­grei­fend ist.“Ma­ri­an­ne Auth nickt. Der klei­ne Or­son quen­gelt, ihm ist lang­wei­lig. Al­so ab in den Kin­der­wa­gen und wei­ter geht’s – über die Mencke­stra­ße, das eins­ti­ge Zen­trum von Goh­lis, zum be­nach­bar­ten Schil­ler­haus. Der lau­schi­ge Gar­ten hin­ter dem Häu­schen mit den nied­ri­gen De­cken hat es Ma­ri­an­ne Auth an­ge­tan. „Ich set­ze mich manch­mal hier­hin, wenn ich zu­fäl­lig vor­bei­kom­me.“

Der Zu­fall war es auch, der die Rent­ne­rin nach Goh­lis ver­schlug. Die ge­bür­ti­ge Frank­fur­te­rin leb­te lan­ge im länd­li­chen Raum rund um Ful­da. „Als die Fa­mi­lie aus­ge­flo­gen war, woll­te ich wie­der in ei­ne Groß­stadt zie­hen“, sagt sie. Leip­zig ent­deck­te die Hes­sin über die Buch­mes­se, schloss die Stadt „vom ers­ten Tag an ins Herz“. In Goh­lis fühlt sie sich wohl, läuft gern durchs Ro­sen­tal und an der Lup­pe ent­lang Rich­tung Au­en­see. Die Mie­ten im Vier­tel fin­det Auth „über­aus be­zahl­bar“, räumt aber ein: „Je nä­her man ans Ro­sen­tal kommt, um­so teu­rer wird es.“

Ag­nes Nie­mann wür­de gern um­zie­hen. Mo­men­tan lebt die Fa­mi­lie mit drei Kin­dern in ei­ner 72-Qua­drat­me­ter-woh­nung. „Et­was Grö­ße­res wä­re schön“, sagt Nie­mann. Doch bis­her ha­ben sie und ihr Mann nichts Pas­sen­des in Goh­lis ge­fun­den. „Wir wür­den aber gern hier­blei­ben.“Die stu­dier­te Kunst­his­to­ri­ke­rin ist in Goh­lis auf­ge­wach­sen, hat die Ve­rän­de­rung des Vier­tels mit­er­lebt. „Es gibt heu­te mehr Fa­mi­li­en und jun­ge Leu­te.“Auch bau­lich ha­be sich über die Jah­re ei­ni­ges ge­tan. „Auf der Ge­org-schu­mann-stra­ße gibt es zwar im­mer noch graue Häu­ser wie zu Ddr-zei­ten“, hat Nie­mann fest­ge­stellt. In­zwi­schen aber er­strah­len vie­le Fas­sa­den in neu­em Glanz. Trotz­dem sei der An­blick der Ma­gis­tra­le „noch kein run­des Gan­zes“, fin­det Ma­ri­an­ne Auth.

Über den Schil­ler­weg lau­fen die Frau­en jetzt zur Frie­dens­kir­che. Bei­de sind Mit­glied der evan­ge­li­schen Michae­lis-frie­dens-kirch­ge­mein­de und er­zäh­len, dass vor Kur­zem das Ju­gend­pfarr­amt hier ein­ge­zo­gen ist. Dann geht es wei­ter über die Lüt­zow­stra­ße in Rich­tung der Goh­lis-ar­ka­den. Dort ist heu­te Wo­chen­markt, bei dem Ag­nes Nie­mann öf­ter vor­bei­schaut. Sie kauft gleich ein paar Bröt­chen am Bä­cker­au­to. Am S-bahn­hof Goh­lis stoppt Ma­ri­an­ne Auth und deu­tet hin­über zu ei­nem der Ein­gän­ge. Drin­nen brö­ckelt der Putz von den be­schmier­ten Wän­den, es riecht streng. „Das ist ein­fach ein furcht­ba­rer Ort“, schimpft sie.

Nur we­ni­ge Schrit­te ent­fernt gibt es da­ge­gen ei­nen an­ge­neh­men Platz zum Ver­wei­len. Der Bier­gar­ten mit Gink­go-baum am Hein­rich-bud­de-haus ist vor al­lem am Wo­che­n­en­de ein be­lieb­ter Treff­punkt. Das Pu­bli­kum sei bunt ge­mischt, sagt Che­fin Ni­co­le Kie­sel­mann. „Es kom­men Fa­mi­li­en, aber auch jun­ge Leu­te.“Seit der Ver­ein Fair­bund das Haus über­nom­men hat, ha­be sich ei­ni­ges ge­tan, so die 43-Jäh­ri­ge. Die Ver­an­stal­tun­gen rich­ten sich jetzt auch an jün­ge­re Leu­te. Die ganz Jun­gen freu­en sich über den neu­en Spiel­platz, der an­ge­legt wur­de.

Ma­ri­an­ne Auth setzt sich gern in den Skulp­tu­ren­park hin­ter dem Bud­de-haus. „Ich ha­be kei­nen Gar­ten“, sagt sie. Und so flüch­tet sie öf­ter hier­her, in die­se klei­ne Oa­se mit­ten in ih­rem Goh­lis.

Fo­to: Dirk Kn­ofe

Herz­stück des Vier­tels: Das Gohli­ser Schlöss­chen wur­de 1756 von dem Leip­zi­ger Kauf­mann Jo­hann Cas­par Rich­ter als Som­mer­pa­lais er­baut.

Fo­to: Dirk Kn­ofe

Die Frie­dens­kir­che ge­hört zur Michae­lis-frie­dens-kirch­ge­mein­de und lockt im Win­ter vie­le Be­su­cher zu ih­rem lau­schi­gen Ad­vents­markt.

Fo­to: Dirk Kn­ofe

Grü­ne Oa­se in der Groß­stadt: Der Gar­ten des Schil­ler­hau­ses in Goh­lis ist ein ech­ter Ge­heim­tipp.

Fo­to: Dirk Kn­ofe

Der Bier­gar­ten mit Gink­go­baum ist im Som­mer über­aus be­liebt: Jun­ge Leu­te, vie­le Fa­mi­li­en, aber auch Se­nio­ren schau­en vor­bei.

Fo­to: Freun­6es­kreis Gohli­ser Schlöss­chen

Die Luft­auf­nah­me zeigt den Zu­stand des Gohli­ser Schlöss­chens im Jahr 1974.

Fo­to: Dirk Kn­ofe

Den Fest­saal des Schlöss­chens mit sei­nen il­lu­sio­nis­ti­schen Ma­le­rei­en ge­stal­te­te der be­kann­te Ma­ler Adam Fried­rich Oe­ser.

Fo­to: Dirk Kn­ofe

Die Ar­chi­tek­tur des Gohli­ser Schlöss­chens zählt zu den Hö­he­punk­ten säch­si­scher Ro­ko­ko­bau­kunst.

Fo­to: Dirk Kn­ofe

Ei­ner der schöns­ten Frei­sit­ze in Goh­lis: Ni­co­le Kie­sel­mann ist die Che­fin des Bier­gar­tens mit Gink­go-baum am Hein­rich-bud­de-haus.

Fo­to: Dirk Kn­ofe

Ag­nes Nie­mann (36) ist in Goh­lis auf­ge­wach­sen. Die drei­fa­che Mut­ter sucht im Vier­tel schon lan­ge ei­ne grö­ße­re Woh­nung,

Fo­to: Dirk Kn­ofe

Ma­ri­an­ne Auth (69) ist vor fünf Jah­ren von Hes­sen nach Leip­zig ge­zo­gen. Ihr ge­fällt an Goh­lis vor al­lem die Nä­he zum Ro­sen­tal.

Fo­to: Dirk Kn­ofe

Adi­na Fahr ist die Lei­te­rin des Gohli­ser Schlöss­chens.

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