Al­les ein gro­ßer Irr­tum

Leipziger Volkszeitung - - TIERLEBEN - VON KA­RIN TAMCKE ➦

D er Irr­tum war per­fekt! So hat­te er es wohl nicht ge­plant. Was für ein Rein­fall, im wahrs­ten Sinn des Wor­tes. Da­bei such­te er doch nur ei­ne Woh­nung. Ei­ne Woh­nung und kein Schwimm­bad. Sei­ne Vor­stel­lun­gen wa­ren klar um­ris­sen. Aus Holz soll­te die Be­hau­sung sein. Aus krän­keln­dem oder schon to­tem Holz.

Statt­des­sen war er nun um­ge­ben von un­an­ge­neh­mer Näs­se. Jetzt hieß es pad­deln, pad­deln ums ei­ge­ne Le­ben. Mit al­len sei­nen sechs Bein­chen. Nur war die Er­folg­lo­sig­keit lei­der nicht von der Hand zu wei­sen. Er blieb zwar an der Ober­flä­che, doch das Ufer war zu steil. Und so schwamm er, was hät­te er sonst auch ma­chen sol­len, in dem run­den Kelch ver­zwei­felt im­mer im

Kreis her­um, den glä­ser­nen Wän­den fol­gend.

Hat­te er sich schon vor­ge­stellt – be­vor es für ihn zu spät war? Am­bro­sia­kä­fer sein Na­me, auch be­kannt un­ter der Be­zeich­nung Schwar­zer Nutz­holz­bor­ken­kä­fer, was ein we­nig sper­rig klingt, die Spe­zi­es aber gut ent­larvt. Ja, er ist ein Bor­ken­kä­fer, sein In­ter­es­se gilt aber we­ni­ger dem in­tak­ten Ge­hölz als dem im Zu­stand des bal­di­gen Ver­falls.

Bis­lang war das je­den­falls so und kein Förs­ter kann sich wün­schen, dass sich das je­mals än­dern mö­ge. Es gibt ge­nug Kol­le­gen, bei de­nen das an­ders ist. Nun aber schien es, als wür­de es für ihn kei­ne Chan­ce mehr ge­ben, ob in to­tem ober le­ben­dem Holz. Wir tra­fen auf­ein­an­der an ei­nem schö­nen Früh­lings­abend, an dem man ger­ne mit ei­nem Gläs­chen Wein auf der Ter­ras­se sitzt. Und plötz­lich war er da, schwamm im Glas, stram­pel­te ver­zwei­felt ge­gen den Un­ter­gang an. Ein win­zi­ger schwar­zer Kä­fer. Ich hielt ihm ei­nen Gras­halm hin, auf den er sich ret­ten konn­te, ei­ne Hil­fe, die er dan­kend an­nahm. Er blieb da­durch am Le­ben und mein Wein wur­de kä­fer­frei, da­mit war uns bei­den ge­dient.

Al­ler­dings nur vor­rü­ber­ge­hend. Es dau­er­te gar nicht lan­ge, da hat­te er of­fen­sicht­lich schon wie­der zu tief ins Glas ge­schaut. Oder war es ein an­de­rer, der ei­nen fri­schen Ries­ling eben­falls zu schät­zen wuss­te? Nach er­neu­ter Ret­tungs­ak­ti­on si­cher­te ich mein Glas, schließ­lich war das hier kei­ne öf­fent­li­che Ba­de­an­stalt und ich nicht die DLRG. Aber ich woll­te zu­min­dest wis­sen, wer mir da nun stän­dig in die Que­re re­spek­ti­ve ins Wein­glas kam. Ich fand ihn auch recht schnell, er war im In­ter­net wahr­lich kein Un­be­kann­ter mehr, in Bier­gär­ten so­gar als Stamm­gast be­rüch­tigt. Es schien sein Hob­by zu sein, sich in frem­de Glä­ser zu stür­zen, den Leu­ten frech ins Fei­er­abend­bier zu plump­sen. Und wie ich se­hen konn­te, hat­te er auch nichts ge­gen ein Gläs­chen Wein ein­zu­wen­den.

Xy­losan­drus ger­ma­nus, so der la­tei­ni­sche Na­me, auf die kor­rek­te Be­zeich­nung legt er gro­ßen Wert, zwecks Un­ter­schei­dung, denn er ist kein ganz so üb­ler Bur­sche wie die Bor­ken­kä­fer-kol­le­gen, die gan­ze Wäl­der ster­ben las­sen, wäh­rend er sich, wie schon ge­sagt, über­wie­gend im To­t­holz ver­gnügt. Aber das heißt nicht au­to­ma­tisch, dass er der ge­sam­ten Um­welt nur zur Freu­de lebt. Ge­fäll­tes Nutz­holz sieht er schnell als ei­ne Ein­la­dung an, sich dort ein­zu­mie­ten, was die Qua­li­tät der Stäm­me dras­tisch schmä­lern kann. Und auch ein schwa­ches Bäum­chen kann sein In­ter­es­se we­cken. Doch zu­rück zu mei­nem klei­nen Freund, der nun das Glas um­kreis­te und auf dem Bier­de­ckel lan­de­te, der ihm den Zu­tritt ver­wehr­te. Was fas­zi­nier­te ihn nur an dem Glas? Soll­te er sich um die­se Jah­res­zeit nicht ernst­haft der Ver­meh­rung wid­men, an­statt sich im Wein zu er­trän­ken? Wäh­rend ich mich das noch frag­te, war ihm hin­ge­gen die Sach­la­ge völ­lig klar. Es war der Ge­ruch des Al­ko­hols, der ihn an­zog wie die Mot­te das Licht. Und das aus gu­tem Grund.

Ab­ster­ben­den Stäm­men ent­weicht ein Hauch von Al­ko­hol. Da muss­te mein Glas mit Ries­ling für ihn die vol­le Dröh­nung sein! In vi­no ve­ri­tas – die Wahr­heit er­fuhr der Kä­fer prompt, als er ent­täuscht in die Näs­se platsch­te: Kein Baum, kein Holz, al­les ein gro­ßer Irr­tum!

Und ei­ne klei­ne Ge­schlechts­kor­rek­tur war nun eben­falls fäl­lig. Da hat­te ich tat­säch­lich die gan­ze Zeit die­ses Kä­fer­chen mit männ­li­chem Ar­ti­kel ver­se­hen, da­bei krab­beln sich die Am­bro­sia-her­ren flü­gel­los durchs Le­ben. Es wird ih­nen des­halb nie ver­gönnt sein, an ei­ner Wein­pro­be teil­zu­neh­men. Im Ge­gen­zug dür­fen die be­flü­gel­ten Da­men al­lein auf Woh­nungs­su­che ge­hen und die gan­ze Ar­beit ma­chen. Auch mein Am­bro­sia-kä­fer­chen wird hof­fent­lich bald ei­nen Baum­stamm fin­den, der ge­eig­net ist, ei­ne Röh­re ins Holz zu boh­ren. Dann wird es dar­in, was ganz er­staun­lich klingt, ei­ne Pilz­kul­tur an­le­gen, um da­mit den Nach­wuchs zu füt­tern. Ich wün­sche ihm al­les Gu­te. Nur hät­te ich die Bit­te, dass es sich da­für nicht un­be­dingt ein Bäum­chen in mei­nem ei­ge­nen Gar­ten aus­sucht.

Mehr Ge­schich­ten und In­for­ma­tio­nen un­ter www.lvz.de/tie­re; www.dei­ne-tier­welt.de

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.