Das le­gen­dä­re Eis­ton­nen­in­ter­view

Wm-schlüs­sel­mo­men­te – Fol­ge IV: Wie „Mer­tes“Em­pö­rung 2014 das Team zu­sam­men­schweiß­te

Leipziger Volkszeitung - - SPORT - VON SE­BAS­TI­AN HARFST

von 120 har­ten Ach­tel­fi­nal­mi­nu­ten steht Per Mer­te­sacker vor ei­ner Wer­be­ta­fel in den Ka­ta­kom­ben des Es­tá­dio Bei­ra-rio in Por­to Aleg­re. Die deut­sche Na­tio­nal­mann­schaft hat am Abend die­ses 30. Ju­ni 2014 Al­ge­ri­en nach ei­nem har­ten Kampf mit 2:1 nach Ver­län­ge­rung aus­ge­schal­tet. Das vom Schweiß glän­zen­de Ge­sicht Mer­te­sacker zeugt von zwei St­un­den Ma­xi­mal­leis­tung. Auf sei­ner Stirn klebt ein klei­ner Gras­halm.

Auf der an­de­ren Sei­te steht Bo­ris Büch­ler, Zdf-re­por­ter. Er will Mer­te­sackers Ein­schät­zung nach ei­nem Spiel, das die Dfb-aus­wahl ge­won­nen, in dem sie aber nicht ge­glänzt hat. Gleich sei­ne ers­te Fra­ge ist di­rekt. „Was hat das deut­sche Spiel so schwer­fäl­lig und an­fäl­lig ge­macht?“Er weiß, er hat nur 90 Se­kun­den, um Sub­stan­zi­el­les aus Mer­te­sacker her­aus­zu­ho­len, und kei­ne Zeit für freund­li­che Ein­stiegs­fra­gen. Mer­te­sackers Ant­wort setzt den Weg fort: „Ist mir völ­lig wurscht.“

Die fol­gen­den Se­kun­den ge­hen in die deut­sche Fuß­ball-ge­schich­te ein. Nicht sel­ten wird Mer­te­sackers nach au­ßen ge­tra­ge­ner Är­ger („Was wol­len Sie jetzt von mir?“) als ein Baustein für den spä­te­ren Wm-ti­tel ge­nannt. Auch von Bun­des­trai­ner Joa­chim Löw: „Mit sei­nen Wor­ten hat Per schon auch zu ver­ste­hen ge­ge­ben, dass da ei­ne Mann­schaft ist, die et­was er­rei­chen will.“

Heu­te wis­sen wir: Die­ses In­ter­view muss­te es ge­ben, um die In­nen­sicht der deut­schen Mann­schaft und die Er­war- tungs­hal­tung der deut­schen Öf­fent­lich­keit ab­zu­glei­chen. Bei den Welt­meis­ter­schaf­ten 2006 und 2010, die Mer­te­sacker auf dem Platz und Büch­ler da­ne­ben er­lebt hat­ten, hat­te die Dfb-aus­wahl mit­un­ter ge­glänzt, war aber je­weils im Halb­fi­na­le ge­gen prag­ma­ti­scher agie­ren­de Mann­schaf­ten (Ita­li­en 2006, Spa­ni­en 2010) aus­ge­schie­den. 2014 in Bra­si­li­en hat­te sich das Team nach ei­nem star­ken Auf­takt ge­gen Por­tu­gal (4:0) ein 2:2 ge­gen Gha­na er­ar­bei­tet. Auch das 1:0 ge­gen die USA war zwar sou­ve­rän, ver­sprüh­te aber we­nig Glanz.

Schließ­lich die­ser Kri­mi ge­gen Al­ge­ri­en im Ach­tel­fi­na­le. In der Ver­tei­di­gung ge­rät Löws Mann­schaft hef­tig ins Schwim­men, Tor­hü­ter Ma­nu­el Neu­er muss Feh­ler in Li­be­ro-ma­nier aus­bü­geln. „Am En­de bist du dann un­heim­lich stolz, wei­ter­ge­kom­men zu sein und für Deutsch­land al­les ge­ge­ben zu ha­ben. Das ist der ein­zi­ge kla­re Ge­dan­ke, den du nach 120 Mi­nu­ten fas­sen kannst“, be­schreibt Mer­te­sacker die Mo­men­te nach dem Spiel in sei­ner Au­to­bio­gra­fie „Welt­meis­ter oh­ne Ta­lent“.

Ent­spre­chend un­wirsch re­agiert er, als er mit Fra­gen kon­fron­tiert wird, die sich nicht nur Büch­ler stellt, son­dern auch vie­le deut­sche Fans. Zu­mal der ZDF-MANN nicht lo­cker lässt („Das kann ja nicht das Ni­veau sein, das sie sich vor­her aus­ge­rech­net ha­ben“). Und so gip­felt der Zank vor Mil­lio­nen von Tv-zu­schau­ern in fol­gen­der Em­pö­rungs­re­de des In­nen­ver­tei­di­gers: „Glau­ben Sie, hier ist un­ter den letz­ten sech­zehn ir­gend­wie ’ne Kar­ne­vals­trup­pe, oder was? Die ha­ben das hier uns rich­tig schwer ge­macht über 120 Mi­nu­ten, und wir ha­ben ge­kämpft bis zum En­de – und ha­ben dann über­zeugt. Be­son­ders dann in der Ver­län­ge­rung. Das war ein Auf und Ab, wir wa­ren mu­tig, ha­ben na­tür­lich viel zu­ge­las­sen, aber trotz­dem muss man lan­ge die Null hal­ten, das ha­ben wir ge­schafft. Und dar­über hin­aus ha­ben wir zum En­de hin auch ver­dient ge­won­nen. Al­les an­de­re … Ich le­ge mich jetzt erst mal drei Ta­ge in die Eis­ton­ne, und dann ana­ly­sie­ren wir das Spiel, und dann se­hen wir wei­ter.“

Die gro­ßen Leis­tun­gen des Teams, das be­geis­tert ist, weil sich „Mer­te“so lei­den­schaft­lich ge­gen die Kri­tik ge­stemmt hat, fol­gen ab dem Vier­tel­fi­na­le. Die Fran­zo­sen wer­den mit 1:0 be­siegt, es folgt das 7:1 im Halb­fi­na­le ge­gen Bra­si­li­en und das 1:0 nach Ver­län­ge­rung im Fi­na­le ge­gen Ar­gen­ti­ni­en.

Mer­te­sacker hat sei­nen Platz in der Start­elf nach dem Al­ge­ri­en-spiel ver­lo­ren. Das Eis­ton­nen-in­ter­view als per­sön­li­cher Op­fer­gang: Löw setzt nun auf das In­nen­ver­tei­di­ger­duo Mats Hum­mels/ Jé­rô­me Boateng. Sei­ne Em­pö­rungs­re­de je­doch wird für im­mer mit Mer­te­sacker, des­sen Ein­wechs­lung im Fi­na­le sei­nen 104. und letz­ten Län­der­spiel­ein­satz dar­stellt, in Ver­bin­dung ge­bracht: „Mir gratulieren die Leu­te bis heu­te zum WM-TI­tel und zum In­ter­view – im sel­ben Satz.“

Fo­to: ZDF

„Was wol­len Sie jetzt von mir?“: Per Mer­te­sacker (links) und Bo­ris Büch­ler im heu­te le­gen­dä­ren Zwie­ge­spräch.

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