Spa­ni­sche Pos­se kurz vor der WM

Coach Lo­pe­te­gui ge­feu­ert – Hier­ro über­nimmt

Leipziger Volkszeitung - - SPORT - VON FLO­RI­AN HAUPT

KRAS­NO­DAR/MOS­KAU. Lu­is Ru­bia­les saß auf ei­nem Le­der­ses­sel vor der Spon­so­ren­wand im spa­ni­schen Te­am­quar­tier. Der ehe­ma­li­ge Chef der spa­ni­schen Spie­ler­ge­werk­schaft, 40 Jah­re alt, kei­ne Haa­re, ist seit ei­nem Mo­nat Ver­bands­prä­si­dent und war bis­lang kein ge­läu­fi­ger Na­me im in­ter­na­tio­na­len Fuß­ball. Das hat sich ge­än­dert. Im wei­chen Spa­nisch sei­ner an­da­lu­si­schen Hei­mat, aber hart in der Sa­che sorg­te er für die Po­in­te ei­ner denk­wür­di­gen Pos­se – und feu­er­te zwei Ta­ge vor dem ers­ten WMSpiel am Frei­tag (20 Uhr, ARD/SKY) ge­gen den ibe­ri­schen Nach­barn Por­tu­gal Na­tio­nal­trai­ner Ju­len Lo­pe­te­gui.

Den künf­ti­gen Re­al-ma­drid-trai­ner Lo­pe­te­gui, denn die Be­kannt­ga­be die­ses Trans­fers hat­te seit dem Vor­tag zu dem Durch­ein­an­der ge­führt. Statt sei­ner wird nun der bis­he­ri­ge Sport­di­rek­tor Fer­nan­do Hier­ro das Team be­treu­en. Der ehe­ma­li­ge Ka­pi­tän von Re­al Ma­drid und der Na­tio­nal­elf kommt als Trai­ner auf die Er­fah­rung ei­nes Jah­res als As­sis­tent von Car­lo An­ce­lot­ti beim Haupt­stadt­klub so­wie ei­ner Sai­son als Chef­coach des Zweit­li­gis­ten Re­al Ovie­do. Auf kaum ei­ner spa­ni­schen In­ter­net­sei­te fehl­te am Nach­mit­tag ein Fo­to, wie er mit be­sorg­tem Ge­sicht den Aus­füh­run­gen von Ru­bia­les zur Ent­las­sung von Lo­pe­te­gui folg­te. Zwei St­un­den spä­ter wur­de er be­ru­fen. Es war­tet ein har­ter Job mit der ein­zi­gen Hoff­nung, dass die Ent­las­sung Lo­pe­te­gu­is nach chao­ti­schen St­un­den und we­nig Schlaf in der Nacht so et­was wie ein rei­ni­gen­des Ge­wit­ter dar­stellt. „Im Ka­der gibt es füh­rungs­star­ke und sehr er­fah­re­ne Spie­ler“, er­klär­te Ex-spiel­ma­cher Xa­vi. „Viel­leicht schweißt sie das al­les ja noch mehr zu­sam­men.“

Fach­lich wird Hier­ro, dem U21-coach Al­bert Ce­la­des as­sis­tie­ren soll, kaum an sei­nen Vor­gän­ger her­an­rei­chen kön­nen. Seit der Über­nah­me des Am­tes vor knapp zwei Jah­ren hat­te Lo­pe­te­gui, ein pas­sio­nier­ter Pro­jekt­lei­ter, je­des De­tail ge­plant und sei­ne Spie­ler im­mer wie­der auf das ge­mein­sa­me Wm-ziel ein­ge­schwo­ren. Ei­ni­ge der Stars hat­ten sich wohl auch bis zu­letzt für ihn aus­ge­spro­chen. Doch als es um ihn selbst ging, ver­lor er ne­ben dem Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl auch die Kon­trol­le über das Ge­sche­hen. Dass Re­al am Di­ens­tag­nach­mit­tag in ei­nem Kom­mu­ni­qué ver­kün­de­te, was Ru­bia­les erst kurz vor­her er­fah­ren hat­te: Das war nicht nur un­pro­fes­sio­nell, das konn­te der Ver­bands­chef letzt­lich auch nicht hin­neh­men.

Ru­bia­les be­grün­de­te sei­nen Ent­schluss ein­dring­lich: „Für al­le An­ge­stell­ten des Ver­ban­des gel­ten kla­re Ver­hal­tens­re­geln. Es kann nicht sein, dass ich drei Ta­ge vor ei­ner WM fünf Mi­nu­ten vor­her von so ei­ner Sa­che un­ter­rich­tet wer­de.“Der Funk­tio­när war am Di­ens­tag von der Nach­richt auf dem Weg zum Fi­fa-kon­gress am Mos­kau­er Flug­ha­fen er­wischt wor­den. So­fort mach­te er wie­der kehrt zum Te­am­quar­tier in Kras­no­dar. „Ich bat nur um ei­nes: dass es erst mal nicht öf­fent­lich ge­macht wird. Fünf Mi­nu­ten spä­ter stand es in der Pres­se.“

Für sein Macht­wort be­kam Ru­bia­les in den ers­ten Re­ak­tio­nen so­wohl Kri­tik als auch Ap­plaus. „Über­trie­ben“, kri­ti­sier­te das Ma­dri­der Sport­blatt „Mar­ca“. „Er hat das Rich­ti­ge ge­tan“, sag­te Xa­vi. „Der Ver­band muss über al­lem ste­hen.“Als größ­te un­ter vie­len Ver­lie­rern gel­ten der­weil Re­al Ma­drid und Lo­pe­te­gui, der nach sei­nem Raus­schmiss be­ton­te: „Ich bin sehr trau­rig“. Dass Cham­pi­ons-le­ague-sie­ger Ma­drid sein Trai­ner­va­ku­um nach dem Rück­tritt von Zi­né­di­ne Zi­da­ne so rück­sichts­los auf Kos­ten der Na­tio­nal­elf füll­te, hat ei­ge­nen Fans miss­fal­len und im Üb­ri­gen Spa­ni­en zu Em­pö­rung ge­führt. „So ein Ma­drid fa­bri­ziert An­ti­madri­dis­mus“, leit­ar­ti­kel­te die klub­na­he „AS“, wäh­rend Spa­ni­ens größ­te Zei­tung „El País“, eben­falls aus der Haupt­stadt, die Ach­se der Schul­di­gen ab­stuf­te: „Schlecht Re­al, noch schlech­ter Lo­pe­te­gui.“Der Trai­ner steht nach den Er­eig­nis­sen der letz­ten 48 St­un­den als Mann oh­ne In­te­gri­tät da. In zwei Jah­ren als Na­tio­nal­trai­ner hat­te er kein Spiel ver­lo­ren. Wir sind nicht da­bei. Zum zwei­ten Mal hin­ter­ein­an­der (nach der EM 2016, d. Red.). Was soll ich sa­gen? Ich ha­be seit vier Jah­ren nicht mehr für die Na­tio­nal­mann­schaft ge­spielt, wir ha­ben uns zu mei­ner Zeit im­mer für die Tur­nie­re qua­li­fi­ziert – und das recht ein­fach. Jetzt krie­gen sie es nicht mehr hin. Und zwar nicht nur ein biss­chen. Sie krie­gen es über­haupt nicht hin. Nicht mal die Play­offs ha­ben sie er­reicht.

Wie ist das zu er­klä­ren?

Das hat Deutsch­land auch mal ge­habt. Gut – an­satz­wei­se. Aber dass ein­fach ei­ne Ge­ne­ra­ti­on da ist, die nicht so gut ist, kann mal pas­sie­ren. Wir müs­sen in Hol­land neu an­fan­gen. Mit Ro­nald Koeman ist jetzt ein sehr gu­ter Trai­ner da, der das hof­fent­lich hin­be­kommt.

Wer sind die neu­en van der Vaarts, Rob­bens und Co.?

Die gibt es nicht. Das soll nicht ar­ro­gant klin­gen. Aber Spie­ler wie van der Vaart, Rob­ben, Sn­ei­j­der und van Per­sie sind ak­tu­ell ein­fach nicht da. Die ak­tu­el­le Ge­ne­ra­ti­on muss es hin­be­kom­men, die Din­ge ge­mein­sam lö­sen zu kön­nen. Wir wa­ren da­mals na­tür­lich auch ei­ne Ein­heit. Aber es wa­ren im­mer Spie­ler da, die die Fä­hig­keit hat­ten, ein Spiel al­lein ent­schei­den zu kön­nen. Das ein sol­cher Spie­ler jetzt fehlt, muss das ak­tu­el­le Team ge­schlos­sen kom­pen­sie­ren. Es ist mög­lich. Wir ha­ben das zum Bei­spiel beim 3:0 im Test ge­gen Por­tu­gal ge­se­hen. Aber die Art und Wei­se, wie jetzt ge­spielt wer­den muss, ist ei­ne ganz an­de­re als die da­mals.

Fo­to: Get­ty

Aber was ist denn los mit dem nie­der­län­di­schen Fuß­ball? Wm-qua­li­fi­ka­ti­on vol­ler Rück­schlä­ge: Ar­jen Rob­ben (l.) und sei­ne Mit­spie­ler nach dem 0:2 in Sofia ge­gen Bul­ga­ri­en.

Fo­to: Get­ty

Ei­ner der bit­ters­ten Mo­men­te: Ra­fa­el van der Vaart nach dem ver­lo­re­nen Wm-fi­na­le 2010 in Süd­afri­ka ge­gen Spa­ni­en.

Fo­to: Get­ty

Welt­klas­se­of­fen­si­ve: Ra­fa­el van der Vaart (l.) mit Ar­jen Rob­ben in ei­nem Freund­schafts­spiel 2013 ge­gen Bel­gi­en.

Fo­to: imago

Ein Bild aus glück­li­chen Ta­gen: Spa­ni­ens Ver­bands­chef Lu­is Ru­bia­les (von links), Trai­ner Ju­len Lo­pe­te­gui und Fer­nan­do Hier­ro, da­mals Sport­di­rek­tor, En­de Mai bei der vor­zei­ti­gen Ver­län­ge­rung von Lo­pe­te­gu­is Ver­trag.

Un­ter­stützt den Ver­band: Xa­vi.

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