BEI HALBERG GUSS WIRD GESTREIKT

Be­schäf­tig­te kämp­fen mit un­be­fris­te­tem Aus­stand um ih­re Ar­beits­plät­ze

Leipziger Volkszeitung - - ERSTE SEITE - VON UL­RICH LAN­GER

LEIP­ZIG. Gro­ße Las­ter ste­hen vor dem Werk am Stra­ßen­rand – die Warn­blin­ker an­ge­schal­tet. Sie wol­len Guss­tei­le ab­ho­len – ver­ge­bens. Ein an­de­rer Lkw mit Nord­häu­ser Kenn­zei­chen fährt am Fa­b­rik­tor von Halberg Guss in Leip­zig vor­bei – und hupt aus So­li­da­ri­tät den Strei­ken­den der Gie­ße­rei zu. Froh ge­stimmt win­ken sie dem Fah­rer zu­rück. Wenn­gleich der An­lass für den Ar­beits­kampf al­les an­de­re als lus­tig ist. Der Stand­ort Leip­zig mit sei­nen 610 Stamm­be­schäf­tig­ten und 90 Leih­ar­bei­tern soll „vor­aus­sicht­lich bis En­de 2019 ge­schlos­sen wer­den“, hat­te die Ge­schäfts­füh­rung vo­ri­ge Wo­che eis­kalt ver­kün­det. Das las­sen sie sich nicht so ein­fach ge­fal­len – und sind ges­tern auf die Stra­ße ge­gan­gen.

Wie lan­ge der un­be­fris­te­te Streik dau­ern wird, ist der­zeit völ­lig of­fen. „Wir zie­hen das durch und be­en­den den Aus­stand erst, wenn die Ar­beit­ge­ber ein or­dent­li­ches An­ge­bot vor­le­gen“, sagt Be­triebs­rats­chef Tho­mas Jürs ent­schlos­sen. An­nehm­bar sei es nur, wenn die For­de­run­gen der IG Me­tall und der Be­schäf­tig­ten für ei­nen So­zi­al­ta­rif­ver­trag er­füllt sind – da­bei auch ei­ne Qua­li­fi­zie­rungs­ge­sell­schaft so­wie ein ar­beit­ge­ber­fi­nan­zier­ter Treu­hand­fonds, aus dem Ab­fin­dun­gen be­zahlt wer­den. Im Kl­ar­text heißt das für Jürs: „Je­der muss min­des­tens das Drei­ein­halb­fa­che sei­nes durch­schnitt­li­chen Mo­nats­ge­halts be­kom­men – mul­ti­pli­ziert mit der An­zahl der Jah­re sei­ner Be­triebs­zu­ge­hö­rig­keit.“Die Halberg-guss-ge­schäfts­lei­tung hat deut­lich we­ni­ger vor­ge­schla­gen. Lä­cher­lich fin­det die­ses An­ge­bot auch Frank Blank. „Das ist ein­fach ein Witz“, fer­tigt der 56-Jäh­ri­ge die­se Of­fer­te ab. „Ich bin stink­sau­er, wie mit uns um­ge­sprun­gen wird. Das las­sen wir uns nicht bie­ten“, wird er in sei­nem Ton schär­fer. Jetzt ge­he es ums Geld. Der Streik „tut Prevent al­ler­dings rich­tig weh“, fügt er hin­zu. Die Prevent-grup­pe, hin­ter der die bos­ni­sche Fa­mi­lie Has­tor steht, ist der Ei­gen­tü­mer von Halberg Guss mit sei­nen zwei Stand­or­ten in Leip­zig und Saar­brü­cken (1500 Jobs – 300 sol­len hier ab­ge­baut wer­den). „Wir hal­ten so lan­ge durch, bis un­se­ren Vor­stel­lun­gen nach­ge­kom­men wird“, er­klärt Blank zu­ver­sicht­lich. Jürs pflich­tet ihm bei: „Die Streik­kas­se ist gut ge­füllt. Wir hal­ten ei­ne ganz lan­ge Wei­le durch.“

Das ge­fällt dem Ma­nage­ment der Ei­sen­gie­ße­rei über­haupt nicht, es zeigt sich stark ver­är­gert. Das Vor­ge­hen der IG Me­tall sei „ein ekla­tan­ter Ver­trau­ens­bruch“. Auch an ei­nem Hor­ror­sze­na­rio man­gelt es nicht: Die Ge­werk­schafts­for­de­run­gen „hät­ten ein Vo­lu­men von mehr als 700 Mil­lio­nen Eu­ro“. Das ent­spre­che „ei­nem Viel­fa­chen des Jah­res­um­sat­zes und wür­de un­wei­ger­lich das En­de der Ge­schäfts­tä­tig­keit des ge­sam­ten Un­ter­neh­mens nach sich zie­hen.“

Da­von las­sen sich die Mit­ar­bei­ter nicht be­ein­dru­cken. „Wir kämp­fen für den Er­halt un­se­rer Jobs bis zu­letzt“, gibt sich Blank, der aus Görlitz stammt, ent­schlos­sen, wenn­gleich die Chan­cen al­les an­de­re als gut stün­den. Es ist für ihn der ers­te Streik sei­nes Le­bens. 40 Jah­re sei er im Be­trieb. So et­was ha­be er noch nie er­lebt. Das geht sei­nem Kol­le­gen Kurt Rich­ter ähn­lich. „Wir blei­ben hart. Es geht im­mer­hin um ei­ni­ges“, be­rich­tet der 58-Jäh­ri­ge, der schon 33 Jah­re zum Be­trieb ge­hört. „Un­se­re Exis­tenz steht auf dem Spiel. In mei­nem Al­ter be­kom­me ich doch nir­gend­wo mehr ei­nen neu­en Job.“Be­son­ders trau­rig ist er über das Vor­ge­hen der Halberg-guss-ge­schäfts­füh­rung. „Wir ha­ben doch hier al­les mit auf­ge­baut. Und nun wird das mit dem Arsch wie­der ein­ge­ris­sen.“Er setzt noch eins drauf mit deut­li­chem Fin­ger­zeig an die Chefs: „Für die sind doch die Leu­te im Be­trieb völ­lig un­in­ter­es­sant. Dar­um küm­mern sie sich ei­nen Dreck.“Wenn nö­tig – so ist ein­hel­lig die Mei­nung der Be­schäf­tig­ten, die sich am Vor­tag in der Ur­ab­stim­mung al­le für den Streik aus­spra­chen – wer­de bis zum bit­te­ren En­de gestreikt. „Bis die Ar­beit­ge­ber ein­kni­cken“, ver­spricht Rich­ter.

Ih­nen steht Hen­ning Ho­mann zur Sei­te. Der stell­ver­tre­ten­de Vor­sit­zen­de der Spd-frak­ti­on im säch­si­schen Land­tag be­stärkt die Strei­ken­den: „Ein um­fas­sen­der So­zi­al­ta­rif­ver­trag ist das min­des­te, was sie er­war­ten kön­nen“. Die IG Me­tall ha­be mit ih­ren For­de­run­gen völ­lig recht. Es kön­ne nicht sein, dass die Zu­kunft von 700 Be­schäf­tig­ten und de­ren Fa­mi­li­en be­droht wür­den.

Der Aus­stand steht nach An­sicht von Oli­vier Hö­bel, Chef der IG Me­tall Ber­linBran­den­burg-sach­sen, „stell­ver­tre­tend für al­le Be­schäf­tig­ten in Ost­deutsch­land“. Es ge­he um die Ab­si­che­rung der so­zia­len Exis­tenz, „aber auch um die Eh­re und Wür­de von hart ar­bei­ten­den Men­schen, die sich nicht zum Spiel­ball von mäch­ti­gen Ka­pi­tal­in­ter­es­sen ma­chen las­sen“.

Das se­hen die Be­trof­fe­nen ge­nau­so. Quit­tie­ren dies mit ei­ner „tol­len Teil­nah­me“am Aus­stand, wie Tho­mas Ar­nold, Se­kre­tär der Leip­zi­ger IG Me­tall, be­stä­tigt. Ihr Wil­le sei un­ge­bro­chen. „Wir sind sehr zu­frie­den mit dem Start.“

Wenn das Wet­ter wei­ter mit­spielt, ge­winnt das Gan­ze so­gar noch ei­ne er­träg­li­che Sei­te: Zwei jun­ge, strei­ken­de Frau­en ha­ben es sich auf ei­ner De­cke auf ei­nem Stück­chen Wie­se be­quem ge­macht. Ein bis­sen Par­ty-stim­mung ver­mit­teln auch frisch ge­grill­te Brat­würs­te. Nur das Bier fehlt – al­ko­hol­freie Ge­trän­ke ste­hen al­ler­dings den gan­zen Tag über be­reit.

Un­se­re Exis­tenz steht auf dem Spiel. In mei­nem Al­ter be­kom­me ich doch nir­gend­wo mehr ei­nen neu­en Job. Kurt Rich­ter (58), Mit­ar­bei­ter

Fo­tos (2): An­dré Kemp­ner

Ges­tern vor den Werk­toren von Halberg Guss in Leip­zig: Die Mit­ar­bei­ter ha­ben die Ar­beit nie­der­ge­legt, be­kräf­ti­gen ih­re For­de­run­gen nach ei­nem So­zi­al­ta­rif­ver­trag.

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