REBECCA NELSEN IM INTERVIEW

Die te­xa­ni­sche So­pra­nis­tin singt mor­gen an Leip­zigs Oper die „Lu­lu“-ti­tel­par­tie

Leipziger Volkszeitung - - ERSTE SEITE - singt): Interview: Lu­zie Teu­fel, He­len Wil­de, Thea Be­ger, Loui­sa Hutz­ler.

Mor­gen

fei­ert in der Oper Leip­zig Al­ban Bergs Oper „Lu­lu“Pre­mie­re – in der von Fried­rich Cer­ha ver­voll­stän­dig­ten drei­ak­ti­gen Fas­sung. Es di­ri­giert der In­ten­dant und Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor Ulf Schir­mer, der zu­nächst nur drei Vor­stel­lun­gen an­setz­te, um zu se­hen, ob das Leip­zi­ger Pu­bli­kum mit­geht bei die­sem gran­dio­sen Mu­sik­thea­ter nach Frank We­de­kinds Dra­men „Erd­geist“und „Die Büch­se der Pan­do­ra“– ei­ne Wie­der­auf­nah­me in der nächs­ten Sai­son ist nicht ge­plant. Die Re­gie be­sorg­te Lot­te de Beer, die Ti­tel­par­tie singt und spielt Rebecca Nelsen.

„Lu­lu“ist Ihr Leip­zig-de­büt …

Es ist so­gar ist ein Dop­pel­de­büt. Mein De­büt am Haus und mein De­büt mit die­ser Rol­le. Und ich könn­te mir kei­ne bes­se­re Pro­duk­ti­on wün­schen als die­se mit Lot­te de Beer.

Was fas­zi­niert Sie an Lu­lu?

Wie viel Zeit ha­ben Sie? ( lacht)... Ich hat­te das Glück, in mei­ner bis­he­ri­gen Kar­rie­re vie­le tol­le Par­ti­en sin­gen zu dür­fen: Vio­let­ta, Pa­mi­na, Kon­stan­ze… Aber für ei­ne So­pra­nis­tin gibt es we­ni­ge Fi­gu­ren, die nicht hun­dert­pro­zen­tig gut sind. Nor­ma­ler­wei­se sind wir die Hel­din­nen, die Gu­ten, manch­mal Op­fer.

Al­so ist Lu­lu ein bö­ser Cha­rak­ter?

Lu­lu hat ein­fach al­les. Das ist ei­ne Rol­le, die auch schau­spie­le­risch ei­ne Her­aus­for­de­rung ist, weil man al­le Far­ben zei­gen kann und muss. Lu­lu ist Kind, Toch­ter, Ver­füh­re­rin, Tä­te­rin, aber am En­de auch Op­fer. Das Ein­zi­ge, was fehlt, ist Lu­lu als Mut­ter. Die­se Par­tie ist ein biss­chen wie die Olym­pi­schen Spie­le des Sin­gens.

Gibt es Sei­ten an Lu­lu, mit de­nen Sie sich be­son­ders iden­ti­fi­zie­ren kön­nen?

Ja und nein. Lu­lu ist ei­ne Frau, die ge­prägt ist durch ih­re Le­bens­si­tua­ti­on. Sie hat­te ei­ne un­glaub­lich trau­ma­ti­sche Kind­heit, in der auch se­xu­el­ler Miss­brauch ei­ne Rol­le spiel­te. Sol­che Er­leb­nis­se blie­ben mir er­spart. Aber mei­ne lie­be­vol­le Ma­ma wur­de selbst von ei­ner Al­ko­ho­li­ke­rin groß­ge­zo­gen, die ei­ne tol­le Künst­le­rin war, aber auch halb ver­rückt – ein biss­chen wie Lu­lu. Lot­te de Beer und ich ha­ben viel über Lu­lus Psy­cho­lo­gie ge­spro­chen. Ich ha­be zu­nächst ge­dacht, dass sie ei­ne rei­ne Psy­cho­pa­thin ist und woll­te sie auch so dar­stel­len. Doch wenn man die Vor­ge­schich­te ana­ly­siert, ist sie eher krank – ei­ne Bor­der­li­ne­rin.

Wie emp­fan­den Sie die Zu­sam­men­ar­beit mit der Re­gis­seu­rin ?

Ich woll­te mit die­sem Stück war­ten, bis ich es mit der rich­ti­gen Re­gis­seu­rin ma­chen kann. Und ich bin un­glaub­lich dank­bar, dass dies nun Lot­te de Beer ist. Es ist ein heik­les Stück mit ei­nem heik­len The­ma. Es geht auf wei­ten Stre­cken um Sex, aber in anor­ma­len, krank­haf­ten Aus­for­mun­gen. Al­les sind krank. Wir se­hen das Por­trät ei­ner Frau, die vom Schick­sal und auch von ih­ren vie­len Be­zie­hun­gen ge­prägt wird. Na­tür­lich ist Sex da ein Ele­ment, aber es ist eben nicht das ein­zi­ge.

Wie sieht es denn mit dem mu­si­ka­li­schen Part der Lu­lu aus? Zwölf­ton­mu­sik ist ja ein nicht ganz so ein­fa­ches Feld.

Ja – ei­ner­seits. An­de­rer­seits hat sie auch im­mer noch mit zahl­rei­chen Vor­ur­tei­len zu kämp­fen. Es gibt über­ir­disch schö­ne Pas­sa­gen in die­sem Werk, das wirk­lich ein mu­si­ka­li­sches Meis­ter­werk Al­ban Bergs ist. Auf wei­ten Stre­cken wirkt es wie Film­mu­sik. Es sind kom­po­nier­te Emo­tio­nen. Ich bin ziem­lich ver­liebt in die­se Mu­sik. Die Oper „Lu­lu“war zur Zeit ih­rer Ent­ste­hung in den 30ern ih­rer Zeit weit vor­aus, so dass es eben noch heu­te nach Neu­er Mu­sik klingt. Aber man muss die­se Mu­sik erst ein­mal un­be­fan­gen hö­ren. Oh­ren­feind­lich je­den­falls ist sie nicht – aber sau­sch­wer zu ler­nen.

Und wie lan­ge hat es ge­dau­ert, die Mu­sik zu ler­nen?

Ich hat­te bis­her ei­ne sehr vol­le Sai­son, die noch vol­ler wur­de an der Volks­oper in Wien, wo ich En­sem­ble­mit­glied bin. Dar­um ha­be ich erst im Ja­nu­ar mit der Par­tie an­ge­fan­gen, mit ei­ner pri­va­ten Kor­re­pe­ti­to­rin in Wien, die das Stück kennt und auch schon mit Ulf Schir­mer zu­sam­men­ge­ar­bei­tet hat.

Sie tra­gen wäh­rend der Auf­füh­rung zwölf ver­schie­de­ne Ko­s­tü­me. Wel­ches da­von ge­fällt Ih­nen am bes­ten?

Schwer zu sa­gen – die Ko­s­tü­me sind al­le sehr schön. Es gibt ei­nen pracht­vol­len Ki­mo­no in Schwarz und Rot – das ist wirk­lich ein Au­gen­schmaus. Und ein bo­den­lan­ger grau­er Mor­gen­man­tel aus Sei­de mit pink­far­be­nen Ak­zen­ten. Un­se­re Kos- tüm­bild­ne­rin, Jo­ri­ne van Beek, hat ei­ne gan­ze Welt kre­iert mit ih­ren Ko­s­tü­men. Die­se Um­zü­ge sind je­den­falls ex­trem, es gibt auch wel­che mit­ten in ei­ner Sze­ne. So­gar aus­kom­po­niert ( „Wo ist sie? – Auf ih­rem Zim­mer, sie zieht sich um.“

Und wie sieht das Büh­nen­bild aus?

In­ter­es­sant – und ge­ni­al ge­löst. Alex Brok hat ein Kon­zept ent­wi­ckelt, das nicht nur wirk­lich phan­tas­tisch aus­sieht, son­dern auch sehr prak­tisch sein kann. Es be­steht aus ver­schie­de­nen Pro­jek­ti­ons­flä­chen. Das, was dar­auf pro­ji­ziert wird, er­schafft die At­mo­sphä­re. Man merkt oft gar nicht, dass es sich um Pro­jek­tio­nen han­delt. Man denkt ein­fach „Was für ein gei­les Büh­nen­bild“. Und plötz­lich be­wegt es sich auch noch. Al­so ich bin be­geis­tert. Lot­te de Beer und Alex Brok ha­ben den Stumm­film, den auch Berg vor­schrieb, tat­säch­lich in­te­griert. Das er­mög­licht ein viel opu­len­te­res Büh­nen­bild, als es mit her­kömm­li­chen Sa­chen mög­lich wä­re. Auch dar­um bleibt die Pro­duk­ti­on im­mer span­nend. Und so, wie wir die­se Ge­schich­te er­zäh­len, ist sie, den­ke ich, wirk­lich sehr be­rüh­rend. Denn al­len Vor­ur­tei­len zum Trotz: „Lu­lu“ist ei­ne Oper die Hirn und Herz glei­cher­ma­ßen be­rüh­ren kann – und da­zu noch un­ter­halt­sam ist.

Foto: An­dré Kemp­ner

Die So­pra­nis­tin Rebecca Nelsen – ge­bo­ren in Te­xas er­mög­licht ihr ein Fulbright Sti­pen­di­um das Stu­di­um an der Uni­ver­si­tät für Mu­sik und dar­stel­len­de Kunst Wien. Ers­te Auf­trit­te an der Neu­en Oper Wien. An der Volks­oper Wien de­bü­tiert sie 2008/09 als Ju­lia de Weert („Der Vet­ter aus Dings­da“), seit­her dort un­ter an­de­rem als Vio­let­ta in La Tra­viata, Su­san­na (Fi­ga­ro), Pa­mi­na (Zau­ber­flö­te), Ade­le (Fle­der­maus) oder De­spi­na (Così) be­setzt. De­büt bei den Salz­bur­ger Fest­spie­len als Blon­de (Ent­füh­rung). Seit 2012 im En­sem­ble der Volks­oper Wien, Gast­auf­trit­te un­ter an­de­rem an der Baye­ri­schen Staats­oper, dem Tea­tro la Fe­nice in Venedig, der Sem­per­oper und den Bre­gen­zer Fest­spie­len.

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