„Kei­ne Angst vor Kri­sen“

Au­to­rin Ul­ri­ke Dra­es­ner ist Pro­fes­so­rin und Lei­te­rin des Leip­zi­ger Li­te­ra­tur­in­sti­tuts

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON SO­PHIE ASCHENBRENNER

Kön­nen Men­schen ler­nen, gu­te Li­te­ra­tur zu schrei­ben? Dar­über wird schon lan­ge ge­strit­ten. Ul­ri­ke Dra­es­ner hat auf die Fra­ge ei­ne prag­ma­ti­sche Ant­wort: „Man kann li­te­ra­ri­sches Schrei­ben leh­ren, doch was ge­lernt wird, hat man nicht in der Hand.“Seit April die­sen Jah­res ist die Au­to­rin Pro­fes­so­rin und Lei­te­rin des Deut­schen Li­te­ra­tur­in­sti­tuts in Leip­zig. Vor­her ar­bei­te­te sie mehr als 20 Jah­re als freie Schrift­stel­le­rin in Berlin, war im­mer wie­der Gast­do­zen­tin. „Ich lie­be es, über Li­te­ra­tur zu spre­chen. Hier zu leh­ren, gibt mir die Mög­lich­keit, das in­ten­siv zu tun“, sagt Dra­es­ner.

Selbst hat die 56-Jäh­ri­ge, die ger­ne herz­lich lacht und de­ren Lip­pen­stift zum ro­ten Kleid passt, an kei­ner Schreib­schu­le ge­lernt. Sie stu­dier­te in Mün­chen Ju­ra, ging dann mit 21 für ein Jahr nach Ox­ford: „Da ha­be ich mög­lichst we­nig Ju­ra stu­diert und mög­lichst viel ge­lebt.“

Zu­rück in Deutsch­land merk­te Dra­es­ner: Die deut­sche Spra­che, ih­re Me­ta­phern und Bil­der, wa­ren ihr in Ox­ford fremd ge­wor­den, das Eng­li­sche war nä­her. In den 80er Jah­ren war an täg­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Freun­den und Fa­mi­lie zu­hau­se nicht zu den­ken, das Smart­pho­ne noch nicht er­fun­den, te­le­fo­nie­ren sehr teu­er. „Das lös­te in mir den Wunsch aus, selbst zu schrei­ben“, sagt die Au­to­rin. Sie be­gann, eng­li­sche Li­te­ra­tur zu stu­die­ren, pro­mo­vier­te 1992 mit ei­ner Ar­beit über epi­sches Er­zäh­len und In­ter­textua­li­tät. Ne­ben­bei er­ar­bei­te­te sie sich ih­re ganz eigene, deut­sche li­te­ra­ri­sche Spra­che. Mit 30 dann: „die to­ta­le Kri­se“. Dra­es­ner muss­te sich ent­schei­den zwi­schen dem aka­de­mi­schen Le­ben und dem Le­ben als Schrift­stel­le­rin. Sie wur­de Au­to­rin, be­reu­te es nie – und fin­det es „wun­der­bar“, dass sich der Kreis jetzt wie­der schließt.

In ihr Bü­ro im Li­te­ra­tur­in­sti­tut scheint die Son­ne, der gro­ße Schreib­tisch steht di­rekt un­ter den of­fe­nen Fens­tern. Lei­se klingt Mu­sik her­über – ein paar Me­ter wei­ter be­fin­det sich das Blä­ser­haus der Mu­sik­hoch­schu­le. Ein schö­ner Ort und Dra­es­ner fühlt sich sicht­lich wohl. Für ih­re Zeit am Li­te­ra­tur­in­sti­tut hat sie ver­schie- de­ne Plä­ne, be­son­ders in­ter­es­siert sie sich für das Ver­hält­nis zwi­schen Ora­li­tät und Schrift­lich­keit. „Wir ha­ben in un­se­rer heu­ti­gen Zeit viel mit For­men zu tun, die sich zwi­schen Münd­lich­keit und Schrift­lich­keit be­fin­den, Schreib­re­geln wer­den auf­ge­löst“, sagt sie. Was macht die­se Ve­rän­de­rung der All­tags­kom­mu­ni­ka­ti­on mit uns, und was macht sie mit dem Li­te­ra­tur­be­trieb?

Auch das li­te­ra­ri­sche Über­set­zen steht auf Dra­es­ners Agen­da. Das Über­set­zen von Poe­sie sei ein „wun­der­ba­res Mit­tel“, um die Wahr­neh­mungs­ge­nau­ig­keit in der ei­ge­nen Spra­che zu schär­fen. Der drit­te Fo­kus liegt auf Na­tu­re Wri­ting und Li­fe Wri­ting, al­so die li­te­ra­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit der Na­tur und dem ei­ge­nen Le­ben – in das Gen­re Li­fe Wri­ting reiht sich auch Dra­es­ners Buch „Ei­ne Frau wird äl­ter“, das im Ok­to­ber im Pen­gu­in-verlag er­scheint.

Ul­ri­ke Dra­es­ner selbst schreibt Ly­rik und Pro­sa, hat zahl­rei­che Wer­ke ver­öf­fent­licht und vie­le Prei­se ge­won­nen. Ihr letz­ter Ro­man „Sie­ben Sprün­ge vom Rand der Welt“(2014) stand auf der Long- list des Deut­schen Buch­prei­ses. Sie kennt den Li­te­ra­tur­be­trieb, und sie weiß, dass nicht im­mer al­les ein­fach ist. Ihr wich­tigs­ter Tipp: „Kei­ne Angst vor Kri­sen. Sie ge­hö­ren ein­fach da­zu.“Au­ßer­dem rät sie ih­ren Stu­die­ren­den, viel zu le­sen, sich aus­ein­an­der­zu­set­zen mit un­ter­schied­li­chen Ar­ten von Li­te­ra­tur, mit ei­ge­nen und frem­den Po­si­tio­nen.

Den Vor­wurf, dass al­le Ab­sol­ven­ten ei­ner Schreib­schu­le ei­nen ähn­li­chen li­te­ra­ri­schen Stil ha­ben, hält Dra­es­ner für ei­nen My­thos. Drei sehr un­ter­schied­li­che Pro­fes­so­ren, wech­seln­de Gast­do­zen­ten, die in­di­vi­du­el­len We­ge der Stu­die­ren­den – „Ich könn­te in kei­ner Wei­se de­fi­nie­ren, was der Stil des Leip­zi­ger Li­te­ra­tur­in­sti­tuts ist“, sagt sie.

Wird Dra­es­ner nach ih­rer Mei­nung zu ei­nem gu­ten Ge­dicht ge­fragt, baut sie ein schö­nes Bild: „Ein gu­tes Ge­dicht ist ein Ge­bil­de, das et­was sagt, wo­für es kei­nen an­de­ren Na­men gibt. Man tritt ein in ei­ne Bla­se, und in die­ser Bla­se braucht man je­des Wort. Dann ent­steht ei­ne be­stimm­te At­mo­sphä­re.“Das, sagt sie wei­ter, sei dann ein Ge­dicht, „das man braucht“.

Foto: An­dré Kemp­ner

Liebt es, über Li­te­ra­tur zu spre­chen und sich mit den Stu­die­ren­den aus­zu­tau­schen: Ul­ri­ke Dra­es­ner, Lei­te­rin des Leip­zi­ger Li­te­ra­tur­in­sti­tuts.

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