Pink­wart: Ab­schied von der Koh­le nicht vor dem Jahr 2045

Andreas Pink­wart, Wirt­schafts­mi­nis­ter von Nord­rhein-west­fa­len und Mit­glied der Koh­le­kom­mis­si­on, im In­ter­view

Leipziger Volkszeitung - - ERSTE SEITE -

LEIPZIG. Nord­rhein-west­fa­lens Wirt­schafts­mi­nis­ter Andreas Pink­wart (FDP) macht sich für die ein­hei­mi­sche Koh­le stark. „Wir kön­nen nur schritt­wei­se und über ei­nen län­ge­ren Zeit­raum aus der Koh­le raus­ge­hen, meines Erach­tens nicht vor 2045“, sagt der Po­li­ti­ker im Lvz-in­ter­view. Pink­wart, der von 2011 bis 2017 Rek­tor der Ma­na­ger-schmie­de HHL in Leipzig war, sag­te, um die Kli­ma­zie­le zu er­rei­chen, sei es not­wen­dig, auch über ei­ne Re­du­zie­rung der Koh­le­ver­stro­mung zu re­den. „Aber es be­steht kei­ne Be­grün­dung, sich zu schnell von der Koh­le zu tren­nen.“Der Fdp-po­li­ti­ker mahn­te, die na­tio­na­le Ver­sor­gungs­si­cher­heit nicht au­ßen vor zu las­sen.

Pink­wart, der Nord­rhein-west­fa­len in der Koh­le-kom­mis­si­on ver­tritt, sag­te, das Gre­mi­um soll­te schnell ar­bei­ten. Geplant ist, bis Jah­res­en­de den Aus­stiegs­plan vor­zu­le­gen. Er be­ton­te, es ge­be mitt­ler­wei­le zwar beim Strom „mit er­heb­li­chen Sub­ven­tio­nen“ei­ne ho­he Brut­to­ka­pa­zi­tät bei den Er­neu­er­ba­ren En­er­gi­en, aber nur ei­ne sehr ge­rin­ge ge­si­cher­te Leis­tung. Koh­le­kraft­wer­ke könn­ten über 90 Pro­zent ih­rer Leis­tung ge­si­chert, rund um die Uhr, zur Ver­fü­gung stel­len.

LEIPZIG. „Um un­se­re Kli­ma­zie­le zu er­rei­chen“ist „auch über ei­ne Re­du­zie­rung der Koh­le­ver­stro­mung zu re­den“. Das sag­te Andreas Pink­wart, Fdp-wirt­schafts­mi­nis­ter in Nord­rhein-west­fa­len.

Sie sit­zen für Ihr Land in der Koh­le-kom­mis­si­on, die den Aus­stieg aus der Braun­koh­le or­ga­ni­sie­ren soll. Sie ver­tre­ten da die West-in­ter­es­sen?

Das ist zu kurz ge­grif­fen. Es geht in der Kom­mis­si­on vor al­lem um Wachs­tum und Be­schäf­ti­gung. Es geht um die Ener­gie­ver­sor­gung der Zu­kunft in ganz Deutsch­land. Das be­trifft nicht nur die Koh­le-re­gio­nen in Ost und West, son­dern die Wirt­schaft ins­ge­samt. Es han­delt sich um die gro­ßen Fragen der Ener­gie­ver­sor­gungs­si­cher­heit und der Be­zahl­bar­keit so­wie dem Er­rei­chen der Kli­ma­schutz­zie­le. Das müs­sen wir in dem Gre­mi­um zu­sam­men­den­ken.

Im Herbst sol­len ers­te Er­geb­nis­se vor­lie­gen, En­de des Jah­res der Aus­stiegs­plan aus der Braun­koh­le. Das ist ein ex­trem ho­hes Tem­po.

Das ist in der Tat hoch am­bi­tio­niert. Wir soll­ten si­cher­lich schnell ar­bei­ten, aber an­ge­sichts der Be­deu­tung der Pro­ble­ma­tik soll­te Gründ­lich­keit vor Schnel­lig­keit ge­hen.

Die Ener­gie­wirt­schaft rech­net da­mit, dass ab 2023 bei der ge­si­cher­ten Leis­tung durch kon­ven­tio­nel­le Kraft­wer­ke we­gen Still­le­gun­gen ei­ne Un­ter­de­ckung herrscht, al­so die mög­li­che Nach­fra­ge das An­ge­bot über­stei­gen kann. Dro­hen uns mas­sen­haft Black­outs?

Das kann ver­mie­den wer­den, in­dem wir die En­er­gie­po­li­tik plan­voll ge­stal­ten. 2022 wird der Aus­stieg aus der Kern­ener­gie ab­ge­schlos­sen sein. Bei der Koh­le geht es um ei­ne Leis­tung von 46 Gi­ga­watt, al­so dop­pelt so viel wie vor zwan­zig Jah­ren beim Ein­stieg in den Aus­stieg von der Kern­ener­gie. Zu­dem stand sie uns ne­ben der Kern­ener­gie als zwei­tes Stand­bein zur Ver­fü­gung, für das es bis­lang kei­nen ver­läss­li­chen Er­satz gibt.

Aber wir ha­ben doch die er­neu­er­ba­ren En­er­gi­en, die vor­an­kom­men.

Wir ha­ben mitt­ler­wei­le zwar beim Strom mit er­heb­li­chen Sub­ven­tio­nen ei­ne ho­he Brut­to­ka­pa­zi­tät bei den Er­neu­er­ba­ren, aber nur ei­ne sehr ge­rin­ge ge­si­cher­te Leis­tung. Sie liegt bei der Wind­kraft bei sechs Pro­zent, bei Pho­to­vol­ta­ik bei null Pro­zent. Koh­le­kraft­wer­ke kön­nen da­ge­gen über 90 Pro­zent ih­rer Leis­tung ge­si­chert, al­so rund um die Uhr, zur Ver­fü­gung stel­len. Wir müs­sen da­her kon­ven­tio­nel­le Kraft­wer­ke für die Ver­sor­gungs­si­cher­heit vor­hal­ten oder rie­si­ge Spei­cher bau­en. Wir brau­chen auch die nö­ti­ge Zeit, Ka­pa­zi­tä­ten et­wa bei Gas­kraft­wer­ken aus­zu­bau­en. Um un­se­re Kli­ma­zie­le zu er­rei­chen, ist es not­wen­dig, auch über ei­ne Re­du­zie­rung der Koh­le­ver­stro­mung zu re­den. Aber es be­steht kei­ne Be­grün­dung, sich zu schnell von der Koh­le zu tren­nen. Schließ­lich hat der En­er­gie­sek­tor sei­ne Kli­ma­zie­le er­reicht. Bei der Mo­bi­li­tät und beim Woh­nen ha­ben wir das noch nicht ge­schafft. Es ist falsch, sich ein­sei­tig auf den Strom­sek­tor zu kon­zen­trie­ren. Ne­ben- bei: Bei Woh­nun­gen und Mo­bi­li­tät sind wir stark auf Öl- und Ga­s­im­por­te an­ge­wie­sen. Die na­tio­na­le Ver­sor­gungs­si­cher­heit dür­fen wir nicht au­ßen vor las­sen. Ich ken­ne kein In­dus­trie­land auf die­ser Er­de, das nicht ent­we­der Kern­ener­gie oder Koh­le oder bei­des nutzt be­zie­hungs­wei­se über gro­ße ei­ge­ne Gas- oder Öl­vor­rä­te ver­fügt. Wir kön­nen nur schritt­wei­se und über ei­nen län­ge­ren Zeit­raum aus der Koh­le raus­ge­hen, meines Erach­tens nicht vor 2045. Vor­lau­fend müs­sen wir den Netz­aus­bau und die Spei­che­rung so­wie die Ener­gie­ef­fi­zi­enz vor­an­trei­ben.

Deutsch­land hat in Eu­ro­pa mit die höchs­ten Strom­prei­se. Die Ener­gie­wen­de hat sie nach oben ge­trie­ben. Steht die Wett­be­werbs­fä­hig­keit un­se­rer In­dus­trie auf dem Spiel?

Al­lein an der en­er­gie­in­ten­si­ven In­dus­trie hän­gen in Deutsch­land 750000 gut be­zahl­te Ar­beits­plät­ze. Es ist mei­ne größ­te Sor­ge, dass wir uns durch un­be­dach­tes Han­deln ganz er­heb­li­chen Scha­den zu­fü­gen. Es gilt, un­se­ren Wohl­stand wei­ter zu si­chern. Wenn die Strom­prei­se lang­fris­tig ten­den­zi­ell wei­ter stei­gen, dann muss die In­dus­trie ef­fi­zi­en­ter wer­den. Da­zu sind zu­sätz­li­che For­schungs­an­stren­gun­gen nö­tig. Der Bund muss hier viel mehr tun, da­mit die In­dus­trie nicht aus Deutsch­land ver­drängt wird.

Im Lau­sit­zer Re­vier geht es in der Braun­koh­le um 9000 Jobs, in Mit­tel­deutsch­land um 2500 und in Ih­rem rhei­ni­schen Re­vier um 10 000. Nun will die Po­li­tik mit enor­men Mit­teln den Struk­tur­wan­del be­för­dern. Wenn ich an das im­mer noch wirt­schaft­lich schwa­che Ruhr­ge­biet den­ke, dann fehlt mir der Glaube an den Er­folg.

Man kann vom Struk­tur­wan­del im Ruhr­ge­biet ler­nen. Po­li­tisch mo­ti­vier­ter Struk­tur­wan­del ist dann für die Men­schen und die Wirt­schaft er­folg­rei­cher, wenn man nicht erst den Ab­bruch macht und dann den Struk­tur­aus­gleich star­tet. Man muss al­so in den Struk­tur­wan­del in­ves­tie­ren, be­vor man an die Schlie­ßung von Kraft­wer­ken her­an­geht. Da­durch wird ein po­si­ti­ver Über­lap­pungs­ef­fekt er­zeugt. Das ist für die Lau­sitz sehr wich­tig, da die in­dus­tri­el­le Ba­sis dort nicht sehr groß ist, und für Rhein und Ruhr, weil wir dort die en­ge Ver­flech­tung zur en­er­gie­in­ten­si­ven Wirt­schaft ha­ben.

Ost­deutsch­land hat nach der Wen­de be­reits ei­nen har­ten Struk­tur­bruch hin­ter sich. Wird den Men­schen in der Ost-braun­koh­le nicht zu viel zu­ge­mu­tet?

Welt­weit wer­den 1600 Koh­le­kraft­wer­ke ge­baut, der ge­neh­mig­te Ka­pa­zi­täts­aus­bau al­lein in Chi­na über­steigt die Leis­tung der deut­schen Koh­le­kraft­wer­ke um das Mehr­fa­che. Wie wol­len wir da das Kli­ma ret­ten?

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