„Rich­tig wü­tend“

HMT: Lei­den­schaft­li­che De­bat­te über Se­xis­mus

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON SO­PHIE ASCHENBRENNER

Macht­miss­brauch und se­xu­el­le Dis­kri­mi­nie­rung in der Mu­sik und der Mu­sik­aus­bil­dung – dass die­ses The­ma vie­le Men­schen in Leip­zig be­wegt, wur­de ges­tern an der Hoch­schu­le für Mu­sik und Thea­ter (HMT) in Leip­zig mehr als deut­lich. Der Stu­die­ren­den­rat und das men­to­rin­garts­pro­gramm der HMT hat­ten zur Dis­kus­si­on ge­la­den, der Orches­ter­pro­ben­saal in der Gras­si­stra­ße war über­voll. Neue Stüh­le wur­den her­ein­ge­tra­gen, vie­le muss­ten ste­hen. Es ka­men nicht nur Stu­die­ren­de, son­dern auch an­de­re In­ter­es­sier­te.

Auf dem Po­di­um sa­ßen pro­mi­nen­te Gäs­te: Die Ber­li­ner Rap­pe­rin so­o­kee en­ga­giert sich schon seit Jah­ren lei­den­schaft­lich ge­gen Se­xis­mus, Ras­sis­mus, An­ti­se­mi­tis­mus und Ho­mo­pho­bie. Sie stu­dier­te Lin­gu­is­tik und Gen­der Stu­dies und be­zeich­net sich selbst als queer. Ihr Mot­to: „Lie­ber un­be­quem als ober­fläch­lich.“Mez­zo­so­pra­nis­tin Wal­lis Gi­un­ta, der­zeit So­lis­tin an der Oper Leip­zig, be­rich­te­te un­ter an­de­rem von ih­ren ei­ge­nen Er­fah­run­gen mit se­xu­el­ler Be­läs­ti­gung und Macht­miss­brauch im Opern­be­trieb. Oli­ver Grimm, Kanz­ler der HMT, be­rei­cher­te die Dis­kus­si­on mit sei­nen ju­ris­ti­schen Kennt­nis­sen. Er setzt sich für die Ver­bes­se­rung des Schut­zes vor Macht­miss­brauch an der HMT ein. Dass ihn das The­ma be­rührt, wur­de deut­lich. Extra von der Hoch­schu­le für Mu­sik und Thea­ter in Mün­chen war der Kom­po­nist Mo­ritz Eg­gert an­ge­reist. Er for­dert neue Um­gangs­for­men in der Klas­sik-sze­ne. Die HMT in Mün­chen stand in letz­ter Zeit im­mer wie­der in den Schlag­zei­len, weil zwei Pro­fes­so­ren se­xu­el­le Be­läs­ti­gung vor­ge­wor­fen wird.

„Ich ha­be ge­nug er­lebt, um rich­tig wü­tend zu sein“, sag­te Opern­sän­ge­rin Gi­un­ta. Sie schil­der­te, wie sie als jun­ge Sän­ge­rin un­ter an­de­rem da­mit zu kämp- fen hat­te, dass sich ein Kol­le­ge wäh­rend ver­schie­de­ner Lie­bes­sze­nen auf der Büh­ne deut­lich mehr her­aus­nahm, als vom Re­gis­seur ge­for­dert wur­de. „Ich ha­be nichts da­ge­gen ge­tan“, er­in­nert sie sich. Heu­te wä­re das an­ders. „Ich bin wü­tend auf die Tä­ter, aber auch auf mich selbst, weil ich mich nicht ge­wehrt ha­be“, sag­te die 32-Jäh­ri­ge. Op­fer sprä­chen oft nicht, weil sie Angst hät­ten, nicht be­schützt und nicht ernst ge­nom­men zu wer­den. Hier, for­der­te Gi­un­ta, müss­ten die Hoch­schu­len an­set­zen und klar kom­mu­ni­zie­ren: Macht­miss­brauch und se­xu­el­le Dis­kri­mi­nie­rung al­ler Art wird bei uns nicht ge­dul­det und hat Kon­se­quen­zen. „Wir müs­sen die Stu­die­ren­den för­dern und un­ter­stüt­zen statt sie aus­zu­beu­ten und zu be­nut­zen“, sag­te auch Eg­gert. Wer nicht mit Macht um­ge­hen kön­ne, sol­le kei­ne be­kom­men.

Wich­tig sei es auch, Frau­en­stim­men zu stär­ken, sag­te ei­ne Be­su­che­rin. Zwar sind laut Hmt-rek­tor Martin Kür­sch­ner mitt­ler­wei­le die Hälf­te der Kom­po­si­ti­ons-stu­die­ren­den Frau­en. Doch Rap­pe­rin so­o­kee hak­te ein: „Und was kommt da­nach? Wer kriegt die För­de­rung, wer die In­ten­d­an­zen? Hier muss man wei­ter den­ken.“Lau­ter Ap­plaus. Die De­bat­te war lei­den­schaft­lich und deck­te vie­le Be­rei­che ab. Als Gi­un­ta von ih­ren ei­ge­nen Er­fah­run­gen be­rich­te­te, als Eg­gert über das sprach, was ihm von Münch­ner Stu­die­ren­den zu­ge­tra­gen wur­de, war es to­ten­still im Raum. Dass die HMT die Aus­ein­an­der­set­zung sucht, das lob­ten al­le An­we­sen­den. In ih­ren Stu­di­en­jah­ren hät­te sie sich die­se Of­fen­heit ge­wünscht, sag­te Gi­un­ta. „Die Welt ver­än­dert sich. Wir müs­sen auf­pas­sen, dass es in die rich­ti­ge Rich­tung geht – in ei­ne Welt, in der se­xu­el­le Dis­kri­mi­nie­rung nicht ak­zep­tiert wird.“Dass jetzt ge­han­delt wer­den muss, be­ton­te auch Kom­po­nist Eg­gert: „All dies kann und muss sich än­dern. Und der Mo­ment ist jetzt.“

Dirk Kn­ofe

Po­di­ums­dis­kus­si­on in der HMT – mit Mo­ritz Eg­gert, Wal­lis Gi­un­ta, Mo­de­ra­to­rin Nhi Le, Rap­pe­rin so­o­kee und Oli­ver Grimm (v.l.).

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