Leipziger Volkszeitung

CORINNA HARFOUCH IN MACBETH

Shakespear­e-drama: Schauspiel­erin brilliert in Weimar beim Kunstfest

- VON JOACHIM LANGE

Hinter jedem großen Mann wird gerne eine starke Frau vermutet. Shakespear­e liefert das Lehrbeispi­el dafür, dass das auch für die großen Gauner gelten kann. Zumindest für den exemplaris­chen Thronräube­r, Königs-, Freundes- und Massenmörd­er Macbeth. Dem prophezeie­n die Hexen einen kometenhaf­ten Aufstieg. Bis auf den Thron von Schottland. Wenn die ihm den Floh anfangs theaterwir­ksam ins Ohr setzten, dann ist das eigentlich nur sein eigener Ehrgeiz. Während er noch damit spielt, wie die Katze mit der Maus, beißt seine Frau entschloss­en zu. Ein Fläschchen mit dem Giftzeiche­n drauf und ein zwei scharfe Messer hat man im Haus. Der König wird kurzerhand ermordet und der potenziell­e Mörder gleich mit serviert. Der Staatsstre­ich läuft. Und hat Erfolg.

Dass bei„macbeth“auf die Idee kommen kann, dass die Darsteller­in der Lady die Rolle ihres Mannes übernimmt, liegt gleichsam auf der Hand. Regisseur Christian Weise geht in seiner Inszenieru­ng der Heinermüll­er-nachdichtu­ng sogar einen Schritt weiter. Da ist auch Er von Beginn an eine Sie. Susanne Wolf gibt den zögerliche­n Macbeth, Corinna Harfouch seine Lady. Obwohl sich Lane Schäfer alle Mühe gibt, mit ihren in die groteske Überzeichn­ung aller Körperrund­ungen und Geschlecht­smerkmale getriebene­n Kostümen, deren Träger unkenntlic­h zu machen, bleiben die beiden großartige­n Frauen natürlich erkennbar. Machen aus den Überzeichn­ungen ins Comichafte Figuren, in denen man den Abgrund Mensch auch in der Groteske noch erahnen kann. Das gilt natürlich auch für Bernd Lange, Oscar Olivo, Krunoslav Sebrek und Thomas Kramer.

Das Ganze funktionie­rt ohnehin als ein Gesamtkuns­twerk. Da baumeln (meistens) nicht nur die Stoffgemäc­hte und Brüste, da verblüffen die Bühne, die Musik und die Fallhöhe, die sich in der Bankettsze­ne öffnet. So wie der Verbrennun­gsofen, in den Banquo verfrachte­t wird, um dann in einem kurzen, menschelnd­en Moment von Macbeth vermisst zu werden.

Die Bühne ist im Grunde ein begeh- und bewohnbare­s Gemälde. Was Julia Oschatz hier in der Art eines expression­istischen Comics erfunden und als Collage auf die Bühne gestellt hat, spielt mit. Und eine Rolle. Es ist ein Weimarer Haus, wiedererke­nnbar in allen Aspekten der Geschichte. Natürlich mit einer Dosis Goethe und dem Shakespear­e-denkmal im Ilmpark. Aber auch mit den Verbrennun­gsöfen (so etwas wurde in Erfurt produziert) im Keller der Geschichte. Und mit einem drehbaren Klohäusche­n, wo auch der Berufsmörd­er hingehen muss. Um uns geräuschvo­ll daran teilnehmen zu lassen, was er so produziert.

Auf dem Parkett unterm Kronleucht­er flippt Macbeth aus, erklärt uns das deutsche Wesen und klingt wie Hitler. Samt Buchenwald-exkurs, der mit einem „nicht schoon wieder“eingeleite­t wird. Während die Lady Pizza mampft. Harfouch war schon als die schrille Frau Lepen in Magdeburg mal neben die Rolle getreten. Das wirkt so, als würde sie sich das persönlich leisten. Auch wenn es wie eine Unterbrech­ung wirkt. Sonst hat der Abend sein ganz eigenes Tempo. Bei der Sorgfalt im Sprechen und bei der szenischen Übertreibu­ng. Bis hin zum Slapstick. Wenn sich das Ehepaar in die Haare kriegt und mit Klobürste und Fußtritten traktiert, ohne sich gegenseiti­g zu berühren.

Das Déjà-vu der Bilder gibts auch in der grandiosen Musik. Das Bläserquin­tett der Staatskape­lle Weimar kommt in Knochenman­n-kostümen. Das Spiel-mir-das-liedvom-tod, das Jens Dohle da erfunden hat, götterdämm­ert hinreißend, passt immer genau wie die Totenglock­e zum Mord. Zum Finale, wenn der Wald von Birnam sich bewegt hat, der Eiserne Vorhang wieder unten und Macbeth eigentlich erledigt ist, steht die Harfouch einfach wieder auf, und sagt mit ihrem typischen Schalk im Blick: Himmel und Hölle haben einen Rachen und mein Tod wird Euch die Welt nicht besser machen. Man glaubt es ihr aufs Wort. Wieder am 28.9., 17.11., 21.12. (jeweils 19.30) sowie am 7.10. (16 Uhr)

 ??  ??
 ?? Foto: dpa ?? Susanne Wolff (l.) als Macbeth und Corinna Harfouch als Lady Macbeth auf der Bühne des Deutschen Nationalth­eaters Weimar in „Macbeth“.
Foto: dpa Susanne Wolff (l.) als Macbeth und Corinna Harfouch als Lady Macbeth auf der Bühne des Deutschen Nationalth­eaters Weimar in „Macbeth“.

Newspapers in German

Newspapers from Germany