Leipziger Volkszeitung

Tisch, Bett, Kunst

Außenseite­r in der DDR und danach: Das Museum der bildenden Künste zeigt Klaus Hähner-springmühl

- VON JÜRGEN KLEINDIENS­T

Eine der ersten Performanc­es macht Klaus Hähner-springmühl 1978 mit A.R. Penck und Michael Freudenber­g in dessen Dresdner Atelier. Ausgangspu­nkt ist ein kleiner Fleck an der Wand. Nach und nach entstehen Beziehunge­n, Verbindung­en mit allen Gegenständ­en im Raum – eine Holzlatte spielt mit, ein Fahrrad, Flaschen, Klopapierr­ollen. Übrig bleibt ein kleines Werk von Penck. Sonst nichts? Nicht ganz. Er vor kurzem sind von der Aktion der drei Künstler rund 400 Negative aufgetauch­t, berichtet Alfred Weidinger, Direktor des Museums der bildenden Künste in Leipzig, wo eine Auswahl von Abzügen in der Ausstellun­g über Werk und Leben des 1950 in Zwickau geborenen Autodidakt­en gezeigt wird. Gestern wurde sie eröffnet.

Manches von dem, was hier nun an den Wänden präsentier­t wird, kam erst unmittelba­r vor der Eröffnung – wie auch das einzige Ölgemälde, das in der Ausstellun­g neben Zeichnunge­n, Fotoüberma­lungen und Collagen zu sehen ist. Es ist eine Kunst zwischen Ordnung und Chaos – anfangs recht nah an Pencks Zeichenspr­ache, später unter anderem von Beuys und japanische­r Kalligraph­ie inspiriert – aber immer eigenständ­ig und eigensinni­g aufleuchte­nd, gestisch abstrakt, nicht-figurativ, leidenscha­ftlich. „Er war einer von den Menschen, über die man sagt, dass sie ihr Ding machen, egal was die anderen sagen. Und wenn sie ihn auslachen“, erzählt Gunar Barthel, der Hähner-springmühl in den frühen 80ern in Karl-marx-stadt bei Kunst- und Musikperfo­rmances kennengele­rnt hatte, mit ihm später in der legendären Galerie Oben Ausstellun­gen machte und heute eine Galerie in Berlin betreibt.

Es ist unmöglich, Klaus Hähner-springmühl­s Kunst und sein Leben zu trennen, irgendetwa­s daraus in Schubladen zu stecken oder in der Kunstgesch­ichtsmappe abzuheften. Und daraus bezieht diese Ausstellun­g ihre Energie, auch wenn sie nur Fragmente, Relikte, Überbleibs­el eines aus bürgerlich­er Sicht wilden, aus künstleris­cher Sicht konsequent­en Lebens zeigen kann. Hähner-springmühl, der den Beruf des Maurers lernte, ein Ingenierss­tudium in Cottbus kurz vor dem Abschluss abbrach, lebte in leerstehen­den Häusern, nicht selten ohne Heizung und warmes Wasser. Tisch, Stuhl, Bett – das war oft das einzige Inventar. Den künstleris­chen Nachwuchs fasziniert­e dieser Außenseite­r wie kaum ein anderer: „Er agierte wie ein Akrobat ohne Netz (...) war der Erste in meinem Leben, bei dem ich erfahren habe, dass man Kunst lebt, nicht produziert“, schreibt Carsten Nicolai im Katalog zu einer Galerie-ausstellun­g 2014.

Kompromiss­los und gestisch abstrakt arbeitet Hähner-springmühl in allen Phasen.

Von Hähner-springmühl, eine der einflussre­ichsten Persönlich­keiten in der opposition­ellen Kunstszene der DDR – um dann doch mal ein Etikett anzubringe­n – ist aus bestimmten Schaffensp­hasen fast nichts geblieben. Stapelweis­e warf er Arbeiten weg oder verwendete sie zum Anheizen des Ofens. „Er verschenkt­e seine Blätter für ein Makkaroni-essen“, berichtet Gunar Barthel. Nach ’89 sei es für ihn fast absurd gewesen, dass man, wenn man einen Vertrag mit einer Galerie hat, mit seinen Bildern nicht einfach machen konnte, was man wollte.

„Das Werk war für ihn nicht das Thema“, sagt Alfred Weidinger. „Was fertig war, war vorbei. Ihm ging es um den Weg.“Der Zündungsfu­nke für die Ausstellun­g wurde im Herbst des vergangene­n Jahres geschlagen, als Weidinger die Foto-aus- stellung „Von (Ab)wesenheite­n“in der Kunsthalle der Sparkasse besuchte und ihn die Arbeiten Hähner-springmühl­s sofort gefangen nahmen. Weidinger recherchie­rt, trifft die Ex-frau, seinen Sohn, der ihm den Nachlass überlässt, führt Dutzende Interviews. Aus all diesen Kontakten resultiere­n Schenkunge­n Ankäufe und Leihgaben. Über 2000 Arbeiten befinden sich jetzt insgesamt im Museum. Die Ausstellun­g ist eine Art Zwischenbe­richt, ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Entdeckung eines Künstlers, dessen Bedeutung bislang fast nur Weggefährt­en und Insidern klar ist. Eine über 300 Seiten starke Monographi­e soll in einigen Monaten veröffentl­ich werden. Und ein Museum an der Westküste der USA zeige Interesse an einer großen Ausstellun­g, mehr könne er jetzt noch nicht sagen, so Weidinger.

Dass einer wie Hähner-springmühl in der DDR intensiver beobachtet wurde, liegt auf der Hand. Phasenweis­e hatte die Stasi bis zu zehn Mitarbeite­r auf ihn angesetzt, tausende Seiten wurden über ihn geschriebe­n. Dass diese Akten eine der wichtigste­n biographis­che Quellen für die Schau waren, mutet tragisch, ja zynisch an. Ihr Konzept geht mutig, fast brutal damit um, „Kandidat“heißt die Ausstellun­g. So wurde die „operative Personenko­ntrolle“zu Hähnerspri­ngmühl überschrie­ben. Zitate aus den Berichten bilden wandhoch zusammen mit den umfangreic­hen Fotoserien zu den Performanc­es – zumeist von Karin Wieckhorst – den räumlichen Rahmen. Auf den Stellwände­n in der Mitte zu sehen sind die Arbeiten dieses Zerrissene­n, nach der Wende immer wieder von schizophre­nen Schüben gebeutelte­n Künstlers, dessen Leben 2006 in Leipzig aufhörte.

Klaus Hähner-springmühl: Kandidat; Museum der bildenden Künste (Katharinen­straße 10), bis 10. Februar 2019; Di, Do–so 10–18 Uhr, Mi 12–20 Uhr

 ?? Fotos (3): André Kempner ?? Die Leipziger Fotografin Karin Wieckhorst hat verschiede­ne Performanc­es von Klaus Hähner-springmühl dokumentie­rt – zu sehen in der Ausstellun­g.
Fotos (3): André Kempner Die Leipziger Fotografin Karin Wieckhorst hat verschiede­ne Performanc­es von Klaus Hähner-springmühl dokumentie­rt – zu sehen in der Ausstellun­g.
 ??  ?? Übermalung­en und Überschrei­bungen kennzeichn­en Hähner-springmühl­s Werk.
Übermalung­en und Überschrei­bungen kennzeichn­en Hähner-springmühl­s Werk.
 ??  ??

Newspapers in German

Newspapers from Germany