Ge­mein­sam lau­schen

Drei Leip­zi­ge­rin­nen prä­sen­tie­ren bei der Ge­räusch­ku­lis­se aus­ge­wähl­te Ra­di­o­fea­tures und Hör­spie­le

Leipziger Volkszeitung - - SZENE LEIPZIG - VON NIK­TA VAHID

Wer ei­nen Film schau­en will, geht ins Ki­no. Wer Mu­sik hö­ren möch­te, geht zu ei­nem Kon­zert. Wer ger­ne ein gu­tes Ra­di­o­fea­ture oder Hör­spiel mag? Der hört es zum Ein­schla­fen, beim Au­to­fah­ren, oder wenn er sich mor­gens im Bad zu­recht­macht. Wäh­rend er sich Abend­es­sen kocht. Oder die Fens­ter putzt.

„Für al­le For­ma­te gab es Platt­for­men des Aus­tauschs, für Ra­dio­for­ma­te aber nicht“, sagt Le­na Löhr, ei­ne der drei Ku­ra­to­rin­nen der Ge­räusch­ku­lis­se. Doch die Fan­ge­mein­de, das wuss­te die Ra­dio­ma­che­rin nur zu gut, war da. So ha­be sich die Com­mu­ni­ty zwar im In­ter­net ge­trof­fen, doch sei der Aus­tausch von An­ge­sicht zu An­ge­sicht bis­her kaum mög­lich ge­we­sen. Um das zu än­dern, hat die Leip­zi­ge­rin ge­mein­sam mit zwei Ra­dio­kol­le­gin­nen ei­nen Ort ge­schaf­fen, an dem sich Freun­de der, wie es kor­rekt hei­ßen muss, akus­ti­schen Li­te­ra­tur­for­men aus­tau­schen kön­nen: die Ge­räusch­ku­lis­se.

An­ge­fan­gen hat al­les in ganz klei­nem Rah­men, in Le­na Löhrs Wg-zim­mer, wo die 30-Jäh­ri­ge zu­nächst nur ge­mein­sam mit gu­ten Freun­den aus­ge­such­te Ra­di­o­fea­tures und Hör­spie­le hört. Schnell wird die ge­müt­li­che Run­de im­mer grö­ßer und be­lieb­ter. Seit 2015 ver­an­stal­ten die Freun­din­nen Le­na Löhr, Ca­ri­na Pesch und Mar­ti­na We­ber re­gel­mä­ßig Aben­de, an de­nen ge­mein­sam ge­lauscht wer­den kann. „Wir ha­ben ei­nen Ort ge­schaf­fen, an dem in Ru­he und ganz oh­ne Ablen­kung zu­ge­hört wer­den kann“, sagt die Jour­na­lis­tin Mar­ti­na We­ber. Das Prin­zip ist noch das sel­be wie zu Be­ginn: Die Ku­ra­to­rin­nen prä­sen­tie­ren an je­dem letz­ten Mon­tag im Mo­nat aus­ge­wähl­te Stü­cke, die auch un­ge­üb­ten Hö­rern den Zu­gang zu län­ge­ren Ra­dio­for­ma­ten er­leich­tern sol­len. Bei je­der Ge­räusch­ku­lis­se sind au­ßer­dem Au­to­rin oder Au­tor an­we­send, um bei ei­ner an­schlie­ßen­den Fra­ge­run­de Re­de und Ant­wort zu ste­hen. Die Ver­an­stal­tung fin­det au­ßer­dem auf Au­gen­hö­he statt: So sitzt kein Gast auf ei­ner Büh­ne, son­dern ge­mein­sam in ge­müt­li­cher Run­de beim Pu­bli­kum. Auf dem Pro­gramm ste­hen Klas­si­ker der Klang­kunst ge­nau­so wie wag­hal­si­ge Stü­cke jun­ger Ta­len­te.

Zu­nächst fand die Ge­räusch­ku­lis­se in wech­seln­den Kul­tur­räu­men im Leip­zi­ger Wes­ten statt, seit 2018 – mit ei­ni­gen Aus­nah­men – im Hos­tel und Gar­ten Eden in der Dem­me­ring­stra­ße. Mit der Ver­eins­grün­dung hat die Ver­an­stal­tungs­rei­he 2017 auch ei­nen of­fi­zi­el­len Rah­men er­hal­ten. „Mitt­ler­wei­le kom­men bis zu 60 Be­su­cher zu un­se­ren Ver­an­stal­tun­gen“, sagt Ca­ri­na Pesch, die selbst als Au­to­rin und Re­gis­seu­rin tä­tig ist. Als Ra­dio­ma­che­rin weiß sie, wie wich­tig und span­nend es aus Sicht der Gäs­te ist, Re­ak­tio- nen aus dem Pu­bli­kum auf­zu­schnap­pen. „Wann la­chen die Leu­te, wo schei­nen sie scho­ckiert, was funk­tio­niert und was nicht – dar­aus kann man viel ler­nen“, sagt Ca­ri­na Pesch. Die Ge­räusch­ku­lis­se soll den Aus­tausch über akus­ti­sche Li­te­ra­tur­for­men för­dern – zwi­schen Hö­rern un­ter­ein­an­der, aber auch zwi­schen Hö­rern und Ma­chern. Und die Ge­räusch­ku­lis­se wächst – und da­mit wer­den auch die Gäs­te im­mer pro­mi­nen­ter. So war et­wa bei der ver­gan­ge­nen Aus­ga­be der preis­ge­kür­te Ber­li­ner Hör­spiel­ma­cher Her­mann Boh­len zu Gast.

Die ak­tu­el­len Ver­an­stal­tun­gen lau­fen un­ter dem Schwer­punkt­the­ma „Rea­li­tä­ten am Ran­de – Le­bens­wel­ten und Mar­gi­na­li­sier­te“. „Wir prä­sen­tie­ren mit un­se­rem Jah­res­the­ma ‚Rea­li­tä­ten’ Stü­cke, die ganz un­ter­schied­li­che Rea­li­tä­ten und Le­bens­wel­ten zei­gen“, sagt Ca­ri­na Pesch. Ei­ner neu­en Rea­li­tät kann schon sehr bald zu­ge­hört wer­den: Die nächs­te Ge­räusch­ku­lis­se fin­det am 17. Sep­tem­ber um 20 Uhr im Hos­tel und Gar­ten Eden in Lin­denau statt. Auf dem Pro­gramm steht, nicht leicht ver­dau­lich zwar, aber dar­um um­so span­nen­der, das Fea­tu­re „Die All­täg­lich­keit des Un­sicht­ba­ren. Jun­ge Ro­ma in Eu­ro­pa“von Eli­sa­beth Wei­len­mann. In dem Stück spielt die Au­to­rin aus Ös­ter­reich zum ei­nen mit der Vor­ein­ge­nom­men­heit ge­gen­über Ro­ma in der Slo­wa­kei, aber auch mit den Vor­ur­tei­len, die Ro­ma von Slo­wa­ken ha­ben. Und wer mag, kann da­bei zu­hö­ren, wie die eu­ro­päi­schen Kli­schee­mau­ern lang­sam zu brö­ckeln be­gin­nen.

Fo­to: An­dré Kempner

Ma­che­rin­nen der Ge­räusch­ku­lis­se bei Leh­manns Buch­hand­lung in Leip­zig (v. l.): Ca­ri­na Pesch, Mar­ti­na We­ber und Le­na Löhr.

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