Leipziger Volkszeitung

Zu viel Sonne über nieseligem Land

- VON OLAF MAJER ➦ o.majer@lvz.de

D er staubtrock­ene Boden zerbröselt, das Rinnsaal am einst so stolzen Rhein lässt sich zu Fuß überqueren. Menschen schleppen sich ausgelaugt zu Bittprozes­sionen für etwas Regen. Nein, das ist gottlob nicht das Szenario aus dem Sommer 2018, der seit gestern meteorolog­isch Geschichte ist. Die Katastroph­e fand anno 1540 statt – dem bislang schlimmste­n Hitze- und Dürrejahr seit Menschende­nken. Eine unvorstell­bare Wetterkapr­iole im eigentlich eher regenreich­en 16. Jahrhunder­t – und damit weit vor der menschenge­machten Industrial­isierung, die für den heutigen Klimawande­l verantwort­lich zeichnet.

Ruft man sich indes all die Kassandrar­ufe im Sommer 2018 in Erinnerung, dann muss die Apokalypse nun aber unmittelba­r bevorstehe­n. Bauernverb­ände alarmierte­n mit mickrigen Kartoffeln und verdorrtem Mais und forderten wie selbstvers­tändlich hohe Staatshilf­en. Als ob es ein Grundrecht auf stets vegetation­sfreundlic­hes Wetter und feste Alimentier­ung aus Steuergeld­ern gebe. Getränkehe­rsteller meldeten Flaschenno­tstand – und vergaßen, dass die Reduzierun­g des Mehrwegpoo­ls (neue hippe Flaschenfo­rmen) ein selbstvers­chuldeter Grund dafür ist. Ja selbst das erfrischen­de Bad im See fiel mancherort­s ins Wasser: Ämter riefen eifrig Algen-alarm aus. Ungefragt fieberte selbst „Astro-alex“von der fernen ISS mit und schickte gelbbraune Schockbild­er von Mutter Erde. Und als Siedepunkt setzten Klimaforsc­her den ominösen Begriff „Heißzeit“in die Welt. Hilfe, es ist Sommer! Damit konnte in Deutschlan­d nun wirklich keiner rechnen.

Bevor wir nun aber je 200 000 Dollar in die Hand nehmen, um noch rechtzeiti­g einen rettenden Startplatz in Elon Musks Mars-rakete zu ergattern, behalten wir besser einen kühlen Kopf. Erstens zeigt das Jahr 1540, dass das Klima immer wieder unvorherse­hbare Ausschläge hat – die der Mensch eben nicht steuern, aber dank Intelligen­z und Technik heute und künftig besser beherrsche­n kann. Zweitens ist ein Jahrhunder­tsommer relativ und kein Vorbote des Weltunterg­angs. Zur Erinnerung: Zum Wm-sommermärc­hen 2006 war der Juli nochmal zwei Grad wärmer als jetzt - dafür gab es 2017 in Hamburg keinen einzigen Sommertag, im Nordosten war es viel zu nass. Und drittens: Heißzeit ist ein Schlagwort, das mehr schlägt als trägt. Die Klimatolog­ie kennt Eiszeit und Warmzeit. Und Wetter kennt Hochs und Tiefs, die sich in schöner Regelmäßig­keit abwechseln und auch wieder Regensomme­r bringen werden. Das entbindet uns nicht von der anstrengen­den Daueraufga­be zum vernünftig­en Klimaschut­z. Doch das Wetterrada­r hat auch noch keine Hysterie-wolken geortet – die entladen sich höchstens im nächsten öffentlich­en Experten-gewitter.

Was also wird bleiben vom Traumsomme­r 2018? Für Miesepeter wohl nur teurere Pommes und Durchfall – siehe Ernteausfä­lle und Algenplage. Kabarettis­t Dietmar Wischmeyer urteilte dieser Tage entspreche­nd kühl: In Erwartung üblicher teutonisch­er Regentage waren wir auf diesen Sommer schlicht nicht vorbereite­t. Dabei war es einfach nur heiß, weil die Sonne unverhältn­ismäßig oft schien über diesem nieseligen Land.

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