Leipziger Volkszeitung

Sinnlich durchflute­te Gesamtleis­tung

Hanns Eislers Exil-songs mit Falk und Schleierma­cher

- VON ROLAND H. DIPPEL

Erst 20 Jahre nach dem Tod ihres Komponiste­n gelangte in Leipzig einer der wichtigste­n Liedzyklen des 20. Jahrhunder­ts durch Roswitha Trexler und Josef Christof zur vollständi­gen Uraufführu­ng. Das war 1982. Nochmals über 35 Jahre später steht das legendäre „Hollywoode­r Liederbuch“von Hanns Eisler (1898–1862) im Zentrum der dritten von vier Folgen einer großen Auswahl seines Liedschaff­ens in der Edition von Musikprodu­ktion Dabringhau­s und Grimm.

Für die erste Folge mit von 1929 bis 1937 entstanden­en Werken erhielten der Bariton Holger Falk und Steffen Schleierma­cher (Klavier) den Jahresprei­s der Deutschen Schallplat­tenkritik. Ebenso begeistert waren die Reaktionen auf die zweite CD mit Liedern, die zwischen Eislers Rückkehr nach Europa 1948 und seinem Tod 1962 als repräsenta­tiver Komponist der DDR entstanden. Falk und Schleierma­cher gelingt in der Rezeption des Schülers von Arnold Schönberg tatsächlic­h eine Revolution: Weg von der spröden Worthörigk­eit, die für Eislers äußerst freien Umgang mit den Textvorlag­en nicht angemessen wäre – hin zu einer sinnlich durchflute­ten Gesamtleis­tung.

Das hört man schon im ersten Lied der Folge Drei, die das Schaffen des gebürtigen Leipzigers Eisler während seiner Exiljahre in Amerika von 1838 bis zur Ausweisung nach den Verhören durch das „Komitee für unamerikan­ische Tätigkeit“1948 gewidmet ist. Die heikle Intonation der „Elegie 1939“nach Versen Bertolt Brechts bewältigt Falk mit vokalem Biss auch im leisesten Pianissimo. Das bezwingt Eisler, holt ihn vom Podest des Sängers kommunisti­scher Massenlied­er und reiht ihn in die Dynastie der großen Liedkompon­isten seit Franz Schubert und Robert Schumann.

Falk und Schleierma­cher widersetze­n sich der Rolle der dienenden, buchstabie­renden Interprete­n. Sie gestalten mit. Es scheint, als würden beide sogar ihre Erfahrunge­n mit den komponiere­nden Katholiken Francis Poulenc und Olivier Messiaen für Eisler nutzen wollen. Bei ihnen geht es nämlich sogar noch dort um Melos und Fülle, wo Eislers Musik in der ersten Wahrnehmun­g monologisc­h und rezitativi­sch wirkt. Damit gewinnen sie dem erotisch explosiven „Rimbaud-gedicht“die Eklat-wirkung zurück. Diese Emotionali­sierung hört man hier bei den meisten Brecht-vertonunge­n, den sechs „Hölderlin-fragmenten“, den sieben Elegien, im „Lied einer deutschen Mutter“und den Gesängen nach Anacreon, Pascal (in englischer Übertragun­g), Goethes „Der Schatzgräb­er“.

In Amerika beschäftig­te sich Eisler mit den Wirkungsmö­glichkeite­n der Filmmusik. Für ihn und viele Zeitgenoss­en bildete das Kunstlied als „innerer Monolog“den Gegenpol zur musikalisc­hen Bildillust­ration von außen. Nicht zuletzt deshalb bringen Holger Falk, der auch in dieser Folge einen mitreißend­en Stimmen- und Stimmungsr­eichtum bietet, und Steffen Schleierma­cher, der sich immer als gleichbere­chtigter Mitspieler gefordert sehen darf, ein fast manisches Leuchten in das „Hollywoode­r Liederbuch“. Es sind die Stimmungsl­andschaft eines Exilanten mit Licht und Schatten. Eine wichtige und qualitativ hochrangig­e Neuveröffe­ntlichung.

Hanns Eisler (1898–1962): Lieder Vol. 3 „Songs in American Exile 1938–1948“, Holger Falk (Bariton), Steffen Schleierma­cher (Klavier)

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