LEIP­ZI­GER JAZZ-TA­GE BE­GEIS­TERN FANS

Em­pi­ri­cal bei der Er­öff­nung mit da­bei, mehr als 100 Künst­ler spie­len beim Fes­ti­val

Leipziger Volkszeitung - - ERSTE SEITE - VON UL­RICH STEINMETZGER

Bes­te Stim­mung, aus­ver­kauft und vie­le gu­te Wor­te. So be­gan­nen am Don­ners­tag die 42. Leip­zi­ger Jazz­ta­ge im UT Con­ne­witz. Mo­de­ra­tor Si­mon Bo­den­siek ahnt ei­nen „wun­der­schö­nen“Abend vor­aus. Kul­tur­bür­ger­meis­te­rin Ska­di Jen­ni­ke macht drei Grün­de fest, froh und stolz zu sein: den Nach­wuchs in der Stadt, das Fes­ti­val zur Prä­sen­ta­ti­on und das Preis­geld. In Leip­zig kön­ne man Kunst ma­chen mit ei­ner Hal­tung, dann ver­spricht sie un­ter viel Bei­fall, sich für ei­nen fes­ten Club für den Jazz in der Stadt ein­zu­set­zen. Der Ju­ry­vor­sit­zen­de Bert No­glik be­schreibt dann ei­nen Mu­si­ker, der als Kom­po­nist, Klang­künst­ler, En­sem­ble­lei­ter und Pia­nist ei­ne Flut von Ein­flüs­sen in sei­ne Stü­cke ka­na­li­sie­re und zur ei­ge­nen Kunst zu­sam­men­fas­se: Elec­tro­nics, Neue Mu­sik, Am­bi­ent, Pop, Mi­ni­mal, Jazz …

Al­le drei re­den vom Leip­zi­ger Nach­wuchs­preis der Ma­ri­on Er­mer Stif­tung, des­sen Preis­trä­ger sich al­le Jah­re auf dem Fes­ti­val prä­sen­tie­ren darf. 2018 ist es Phil­ipp Rumsch. Man sieht ihm an, wie er sich freut. Mit sei­nem zwölf­köp­fi­gen En­sem­ble hat er beim De­no­va­li-la­bel die CD „Re­flec­tions“ver­öf­fent­licht. Stü­cke dar­aus wird er brin­gen, aber auch Neu­es, da­mit man er­lebt, wie sei­ne Ge­schich­te wei­ter­geht. Vor­her je­doch re­det auch er, und sei­ne Lieb­lings­vo­ka­bel ist „wahn­sin­nig“. Er ver­wen­det sie für das Be­son­de­re die­ses Abends. Al­lein schon dar­an, wie er sei­ne Band vor­stellt, spürt man, wie hier ei­ne Com­mu­ni­ty ge­wach­sen ist, die et­was will jen­seits des Üb­li­chen. Leip­zig macht‘s mög­lich, das be­tont auch er.

Es exis­tier­ten mal Big­bands bei den Öf­fent­lich Recht­li­chen. Das gibt es nur noch punk­tu­ell. Nun wach­sen im jun­gen deut­schen Jazz Groß­for­ma­tio­nen an der Ba­sis, wenn ein ent­spre­chen­des Kli­ma herrscht. Leip­zig ist ein gu­ter Bo­den. Dann führt das En­sem­ble vor, war­um es ge­kürt wur­de. Es ist ein mu­ti­ges Un­ter­neh­men, das am­bi­tio­niert auch Räu­me zwi­schen den Tö­nen spre­chen lässt, das ei­nen Grup­pen­klang an­stel­le von So­los ent­wi­ckelt hat.

Neue Re­zep­ti­ons­ge­wohn­hei­ten aus der Zu­gäng­lich­keit von al­lem sind die Ba­sis, auf der aus dem Be­lie­bi­gen ein Kon­zept wächst. Das chan­giert zwi­schen Sta­ti­schem und Druck­vol­lem, zwi­schen Laut und Lei­se. Das ist Mu­sik ei­ner klug ar­ran­gier­ten Band und

nicht ei­ner Sum­me von In­di­vi­dua­lis­ten nach dem All­star-prin­zip. Das fin­det in­ter­es­san­te Klang­far­ben und ein dar­aus ent­wi­ckel­tes Sound­de­sign, in dem die Im­pro­vi­sa­ti­on nur ein Mit­tel ist. Das schich­tet Re­pe­ti­ti­ves, ent­wi­ckelt in den bes­ten Mo­men­ten et­was Sug­ges­ti­ves und kann sich auch zur durch­drin­gen­den Druck­wel­le stei­gern. Im Zen­trum ste­hen un­or­tho­do­xe In­stru­men­ten­kom­bi­na­tio­nen und ein er­staun­lich aus­ge­präg­tes Form­be­wusst­sein. Viel Bei­fall, dann wird es very bri­tish – vier Sharp Dres­sed Men, das Quar­tett Em­pi­ri­cal.

Al­les be­ginnt mit ei­nem Kon­tra­bass-so­lo, das in ei­nen akus­ti­schen Groo­ve mün­det, den bald das Schlag­zeug stei­gert. Ir­gend­wann kom­men Alt­sa­xo­fon und Vi­bra­fon da­zu, die Band ist bei­sam­men. Es folgt ei­ne Lehr­stun­de des Jazz. Very sty­lish ist das, und man spürt, dass die Her­ren Far­mer, For­bes, Wright und Facey schon län­ger als zehn Jah­re bei­ein­an­der sind. Kann sein, dass ihr Kon­zert am Be­ginn wie Bu­si­ness as usu­al wirkt, das wird nicht so blei­ben.

In tra­di­tio­nel­ler Form, die nur auf den ers­ten Blick nost­al­gisch wirkt, schich­ten sie ih­re Mu­si­ka­li­tät zu ei­nem Band­klang der bei al­ler bei­läu­fi­gen Leich­tig­keit rund­um über­zeugt. Ele­men­te aus Cool Jazz, Be­bop und Third Stream werden zu et­was Neu­em. Spiel­freu­dig und vol­ler Un­der­state­ment ent­wi­ckeln die Stü­cke Sog­wir­kung, die auf aus­ge­fuchs­tem Mu­si­kan­ten­tum be­ruht und dem Spaß mit­ein­an­der. „De­struc­tion Tac­tic“heißt das ers­te Stück. Sa­xo­fo­nist Nat­ha­ni­el Facey be­zieht es auf die heu­ti­ge Po­li­tik und das Fes­ti­val­mot­to. In ei­ner hals­bre­che­ri­schen Up­tem­po-num­mer wird er spä­ter durch­de­kli­nie­ren, zu wel­chem En­de er Char­lie Par­ker stu­diert hat. Die­se so kon­ven­tio­nell an­mu­ten­de und oft an Film Noirk­län­ge an­ge­dock­te Mu­sik ist ganz und gar von heu­te. Ihr punkt­ge­nau­es Schwei­fen, ih­re durch­ge­tüf­tel­ten Ver­schrän­kun­gen, ih­re ver­spiel­ten Tra­di­ti­ons­ka­li­brie­run­gen sind als Jazz ei­ne gran­dio­se ur­ba­ne Club­mu­sik, die eben nicht nach mo­men­ta­nen Mo­den schielt, son­dern ehr­lich und un­ter­halt­sam ab­schnurrt, per­fekt wie der Dress­code der vier.

Auf sehr an­de­re Wei­se per­fekt sind dann nach Mit­ter­nacht in der na­to die deutsch­bri­ti­schen Kil­ling Popes von Oli­ver Steidle. Der ist ein in­fer­na­li­scher Schlag­zeug­ber­ser­ker, der treibt und treibt, wo­bei er die Rhyth­men in ei­nem fu­rio­sen Stop and Go wan­delt und va­ri­iert, oh­ne in sei­ner In­ten­si­tät nach­zu­las­sen. Das dun­kel dich­te E-bass-grün­deln Phil Don­kins und die Key­board-schlie­ren von Dan Ni­cholls stei­gern das, wor­über Frank Mö­bus sei­ne Gi­tar­ren­mor­se­zei­chen schich­tet – ei­ne neue Form des se­li­gen Jazz­rock oder bes­ser: ein Ab­sprung von dort.

Fo­tos (2): Dirk Kn­ofe

Sharp Dres­sed Men: Das Quar­tett Em­pi­ri­cal spiel­te am Don­ners­tag am Er­öff­nungs­tag der Leip­zi­ger Jazz­ta­ge im UT Con­ne­witz.

Fried­rich Rumsch er­hielt den Leip­zi­ger Nach­wuchs­preis der Ma­ri­on Er­mer Stif­tung.

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