HEU­TE IM

Die Us-au­to­rin Meg Wo­lit­zer spricht über ih­re Rol­le in der #Me­too-be­we­gung

Leipziger Volkszeitung - - ERSTE SEITE -

Frau Wo­lit­zer, Sie ha­ben nie ver­schwie­gen, dass Sie als Au­to­rin im Kampf um An­er­ken­nung vie­le Schwie­rig­kei­ten über­win­den muss­ten. Er­zäh­len Sie mir mehr dar­über.

Ich war ein­mal auf ei­ner Par­ty und wur­de von ei­nem männ­li­chen Kol­le­gen ge­fragt, wor­über ich schrei­be. Als ich dann The­men auf­zähl­te wie Macht­dy­na­mi­ken, Gen­der­po­li­tik, Se­xua­li­tät in der Ehe, Kin­der­er­zie­hung, sag­te er: „Oh, da soll­ten Sie mit mei­ner Frau spre­chen.“Das war wie ein Schlag ins Ge­sicht. Die­se The­men gel­ten im­mer noch als ty­pisch weib­lich. Ich se­he das an­ders. Frau­en­fik­ti­on wird ganz un­ter­schied­lich ver­mark­tet. Das fängt schon mit der Auf­ma­chung an: Ein „Män­ner­buch“mit gro­ßen, küh­nen Buch­sta­ben sug­ge­riert: Das ist ein wich­ti­ges The­ma und ein po­ten­zi­el­ler Best­sel­ler. Da­ne­ben hat man dann die oft de­li­ka­te Co­ver-auf­ma­chung ei­nes „Frau­en­buchs“, ich be­schrei­be das ger­ne scherz­haft mit dem Bild „Jun­ges Mäd­chen im Wei­zen­feld“. Das schließt die männ­li­che Le­ser­schaft von vorn­her­ein aus. Ich hal­te die Vor­stel­lung für ab­surd, dass es ei­ne Frau­en­li­te­ra­tur gibt, die so un­ter­schied­li­che Wer­ke wie Ja­ne Aus­tens Ro­ma­ne oder „Fif­ty Shades of Grey“um­fasst.

In Ih­rem Ro­man „Das weib­li­che Prin­zip“, mit dem Sie der­zeit auf Le­se­rei­se durch Deutsch­land ge­hen, be­schrei­ben Sie zwei sehr un­ter­schied­li­che Ty­pen von Fe­mi­nis­tin­nen, Faith und Gre­er. Mit wel­cher von bei­den kön­nen Sie sich mehr iden­ti­fi­zie­ren?

Ich wuss­te nicht, dass ich wäh­len muss! Ich glau­be aber nicht, dass es dar­um geht, sich mit ih­nen zu iden­ti­fi­zie­ren, son­dern eher dar­um, sie zu ver­ste­hen. Und bei Faith und Gre­er han­delt es sich auch eher um zwei sehr un­ter­schied­li­che Frau­en, nicht so sehr um un­ter­schied­li­che Ty­pen von Fe­mi­nis­tin­nen. Die wol­len letzt­lich al­le das­sel­be: Gleich­heit und ei­ne fai­re Welt. Die Un­ter­schie­de zwi­schen den Frau­en­gene­ra­tio­nen werden von den Me­di­en über­mä­ßig be­tont. Faith ist cha­ris­ma­tisch und selbst­be­wusst, sie möch­te an­de­re Men­schen in­spi­rie­ren und ih­nen ih­re Welt­sicht na­he­brin­gen. Die jun­ge Gre­er be­schreibt sich selbst als schüch­tern, weil es ihr zu­nächst un­an­ge­nehm ist, über Ge­füh­le zu spre­chen. Für sie ist die Vor­stel­lung, die Welt zu ver­än­dern, et­was sehr Auf­re­gen­des und eng da­mit ver­knüpft, den Re­spekt der äl­te­ren Faith zu ge­win­nen. Man kann al­so sa­gen: Faiths Cha­rak­ter ist be­reits aus­ge­formt, und Gre­ers Cha­rak­ter wird im Lau­fe der Ge­schich­te ge­formt.

Die Fi­gur der Faith hat Ähn­lich­keit mit Glo­ria St­ei­nem. Was be­deu­tet Ih­nen die­se le­gen­dä­re Fe­mi­nis­tin?

Im Ro­man heißt es über Faith, dass sie „ein paar Schrit­te hin­ter Glo­ria St­ei­nem steht, was den Ruhm an­be­langt“. In mei­ner Ju­gend spiel­te St­ei­nem ei­ne be­son­de­re Rol­le, denn ich konn­te haut­nah mit­er­le­ben, wel­chen Ef­fekt sie auf mei­ne Mut­ter hat­te. Sie konn­te in ih­rer Ju­gend nur ein paar Col­le­ge­kur­se be­su­chen, weil ih­re El­tern es nicht für nö­tig hiel­ten, dass ei­ne Frau ei­ne Aus­bil­dung er­fährt. Die Frau­en­be­we­gung in den Sieb­zi­ger­jah­ren war des­halb für sie ei­ne gro­ße Be­frei­ung. Und das ha­be ich ver­sucht zu spie­geln. Schon mit 14 ha­be ich ei­ne fe­mi­nis­ti­sche Le­se­grup­pe ge­grün­det.

Wie ge­nau lie­fen die­se Tref­fen ab, wie wur­den Sie mit 14 zur Fe­mi­nis­tin?

Wir tunk­ten Ka­rot­ten in Zwie­bel­dipp und wa­ren uns ganz be­wusst, dass wir weib­lich sind. Die­se Selbst­er­kennt­nis war neu für uns al­le. Wir ha­ben die Er­wach­se­nen aus­ge­sperrt. Mei­ne Mut­ter sag­te ein­mal: „Aber ich bin doch auch ei­ne Frau!“Aber es gab eben Din­ge, über die wir nicht mit un­se­ren El­tern spre­chen woll­ten. Da­für war die­ser in­ti­me Rah­men ge­nau rich­tig. Wir re­de­ten dar­über, wie es ist, weib­lich zu sein, und über un­se­re er­wa­chen­de Se­xua­li­tät. Wir ha­ben ei­nen Brief an ei­ne na­tio­na­le Frau­en­or­ga­ni­sa­ti­on ge­schrie­ben und um Vor­schlä­ge für Ge­sprächs­the­men ge­be­ten. Die schick­ten dann ei­ne Lis­te mit Punk­ten wie „Wie ich zum Hö­he­punkt kom­me“. Da­für wa­ren wir aber noch nicht reif ge­nug, bei uns ging es eher um Col­le­ge­be­wer­bun­gen und Streit mit den El­tern. Ein paar Jah­re spä­ter hät­te ich die Lis­te gut ge­brau­chen kön­nen! Aus heu­ti­ger Sicht könn­te man dar­über spot­ten, wie wir da ganz ernst­haft mit un­se­ren Sieb­zi­ger­jah­re­fri­su­ren über Mens­trua­ti­on und Büs­ten­hal­ter phi­lo­so­phier­ten. Aber es hat mir sehr viel ge­bracht, mich als Her­an­wach­sen­de in ei­ner von Män­nern do­mi­nier­ten Welt mit an­de­ren Mäd­chen aus­tau­schen zu kön­nen. Je frü­her, des­to bes­ser.

Spielt die­se frü­he Er­fah­rung für Ih­ren Ro­man ei­ne Rol­le?

Es gibt die­se Sze­ne im Ro­man, als Gre­er zu der Par­ty ei­ner Stu­den­ten­ver­bin­dung geht und an­ge­tatscht wird. Und sie ist sich nicht si­cher: War das jetzt ein Über­griff? Oder ge­hört das zum Frau­sein da­zu? Ich den­ke, ähn­li­che Er­fah­run­gen macht fast je­de Frau wäh­rend des Her­an­wach­sens, man stellt sich die Fra­ge: Wie ge­he ich da­mit um? Soll ich es ein­fach igno­rie­ren, bin ich wü­tend, oder kann ich eh nichts tun? Über sol­che Er­leb­nis­se ha­ben wir da­mals ge­spro­chen, und das hat uns ein un­glaub­li­ches Ge­mein­schafts­ge­fühl ge­ge­ben. Und die­se In­ter­ak­ti­on zwi­schen Frau­en mit ver­schie­de­nen Hin­ter­grün­den – da sind wir wie­der bei Faith und Gre­er – zeigt sich schließ­lich auch in mei­nem Ro­man.

Ha­ben Sie sich 2017 am Wo­men’s March für Frau­en- und Men­schen­rech­te be­tei­ligt, nach­dem Do­nald Trump ins Amt des Prä­si­den­ten ein­ge­führt wor­den war?

Ja. Ich fühl­te mich gera­de­zu ma­gisch da­hin ge­zo­gen. Die Wahl Trumps war für mich ei­ne trau­ma­ti­sie­ren­de Er­fah­rung. Dass wir jetzt wie­der das Recht auf Ab­trei­bung ver­tei­di­gen müs­sen, ist ein Schritt zu­rück in die Ver­gan­gen­heit. Mit all den an­de­ren Frau­en da­ge­gen zu pro­tes­tie­ren hat­te für mich die Wir­kung ei­nes An­ti­de­pres­si­vums.

Die #Me­too-be­we­gung ist gera­de ein Jahr alt ge­wor­den. Wie lau­tet Ihr Zwi­schen­fa­zit?

Auf der ei­nen Sei­te gibt es je­den Tag ab­sur­de Neu­ig­kei­ten. Dass ein Mann wie Brett Ka­va­n­augh, dem meh­re­re Frau­en se­xu­el­le Über­grif­fe vor­wer­fen, über­haupt als Rich­ter­kan­di­dat für den Obers­ten Ge­richts­hof vor­ge­schla­gen wur­de, spricht Bän­de. Auf der an­de­ren Sei­te gibt es da aber auch ei­ne sehr rüh­ri­ge und wach­sen­de Ge­gen­be­we­gung. #Me­too hat Frau­en die Mög­lich­kei­ten ge­ge­ben, ih­re Er­fah­run­gen und ih­re Wut zu tei­len. Und das ist un­glaub­lich viel wert. Und man kann uns nicht mehr ein­fach igno­rie­ren.

Ha­ben Sie selbst ei­ne Er­fah­rung mit se­xu­el­ler Be­läs­ti­gung ge­macht?

Wie wohl die meis­ten Frau­en in die­ser Welt muss ich die­se Fra­ge mit „Ja“be­ant­wor­ten. Ich kom­me da wie­der auf mei­ne Ro­man­sze­ne mit Gre­er auf der Stu­den­ten­par­ty zu­rück: Mir ist das nicht eins zu eins so ge­sche­hen. Aber es gab Si­tua­tio­nen, in de­nen ich mich un­wohl ge­fühlt ha­be und et­was ha­be durch­ge­hen las­sen, was ich spä­ter be­reut ha­be. Ich bin nicht im­mun da­ge­gen.

Ihr Werk „Das weib­li­che Prin­zip“wird ja im­mer als der zen­tra­le Ro­man zu #Me­too be­zeich­net. Ge­fällt Ih­nen das?

Ich ha­be das Buch ge­schrie­ben, als die­ser Hash­tag noch nicht exis­tier­te. Es soll­te nie DER fe­mi­nis­ti­sche Ro­man al­ler Zei­ten werden. Ich tra­ge die­se Ide­en schon lan­ge mit mir her­um und ha­be Mo­ti­ve wie Macht­aus­übung durch Män­ner, weib­li­che Durch­set­zungs­kraft oder die gro­ße Sinn­su­che auch schon in an­de­ren Ro­ma­nen auf­ge­grif­fen, in „Die Ehe­frau“aus dem Jahr 2003 et­wa, des­sen Film­ver­si­on gera­de mit Glenn Clo­se in der Haupt­rol­le in den Us-ki­nos an­ge­lau­fen ist. Es war al­so eher ein glück­li­cher Zu­fall, dass der Ro­man zeit­gleich mit dem Auf­schwung der #Me­too-be­we­gung er­schien. Ich ha­be al­ler­dings nach der Wahl von Trump das letz­te Ka­pi­tel über­ar­bei­tet. Ich hat­te das Buch mit dem Ge­dan­ken ge­schrie­ben, dass wir beim Er­schei­nen die ers­te weib­li­che Prä­si­den­tin ha­ben werden. Weil es an­ders kam, ent­las­se ich mei­ne Prot­ago­nis­tin­nen am En­de in ei­ne ungewisse Zu­kunft.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.