Die Far­ben des Le­bens

Fried­richst/dt-p/l/st fei­ert mit dem Spekt/kel „Vi­vid“ei­ne Rei­se durch 3iz/rre Wel­ten zu sich sel3st

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON NOR­BERT WEHRSTEDT

Am En­de der Rei­se gibt es die blaue Blu­me. R’eye, das Mäd­chen, das zur An­dro­idin wur­de, um auf ei­nen Trip durch bi­zar­re Wel­ten zu ge­hen, kehrt zu­rück zum Va­ter und ins Dies­seits – mit dem ro­man­ti­schen Zei­chen der Lie­be. Das Mär­chen ist zu En­de, ei­ne Sehn­sucht bleibt – nach Wär­me und Nä­he, Herz und Ge­fühl und die­sem ewi­gen Traum von ei­ner voll­kom­me­nen Welt. Will­kom­men in Uto­pia!

Will­kom­men in „Vi­vid“, dem neu­en, wild blü­hen­den Spek­ta­kel im Ber­li­ner Fried­rich­stadt­pa­last. Erst­mals in der 153jäh­ri­gen Ge­schich­te des Re­vue-hau­ses (al­ter und neu­er Bau) hat mit der Us-ame­ri­ka­ne­rin Kris­ta Mon­son ei­ne Frau Re­gie ge­führt. Erst­mals küm­mer­te sich Phi­lip Tre­acy um das De­sign. Der Mann be­hü­tet Kö­ni­gin­nen (Eliz­a­beth II.) und Stars (Ma­don­na), be­glückt Mo­de­ma­cher (La­ger­feld bis Lau­ren) und gilt als teu­ers­te Hut­ma­cher der Welt. Ei­ne Krea­ti­on von ihm soll, wie man hört, schon mal den Preis ei­ner Ei­gen­tums­woh­nung ha­ben.

Al­ler­dings nicht nur kost­bar sieht denn auch bei die­sem lu­xu­riö­sen Füh­rungs­per­so­nal al­les aus, was da „Vi­vid“zwei St­un­den lang mit schlicht­weg über­wäl­ti­gen­den Ef­fek­ten auf die Rie­sen­büh­ne zau­bert. Es funk­tio­niert eben­so als sinn­li­che, lo­cke­re Ket­te fan­tas­ti­scher Sym­bol­bil­der ei­ner Traum-tour durch Him­mel und Höl­le, blü­hen­den Ur­wald und be­droh­li­che Un­ter­welt. Ver­blüf­fend, wie Kris­ta Mon­son – in der Tra­di­ti­on des Cir­que du So­leil – Ar­tis­tik und das kind­li­che Er­fah­rungs­Aben­teu­er leicht­hin tän­ze­risch ver­knüpft, zi­tiert und ka­ri­kiert, fa­bu­liert und fan­ta­siert – und da­bei manch­mal auch et­was da­ne­ben greift. Das Lust­haus je­den­falls wirkt in sei­ner di­rek­ten Lust­bar­keit mit Sex hin­ter ver­häng­ten Fens­tern, nack­ten Män­nern, Dirndl-fröh­lich­keit, mar­schie­ren­den Spiel­zeug­sol­da­tin­nen und Dis­coKo­s­tü­men auf Roll­schu­hen je­den­falls wie ver­klemm­ter Zu­cker­bä­cker­stil. Zu­mal beim En­ter­tai­ner im wei­ßen An­zug so­fort Jo­el Grey als las­zi­ver, ver­füh­re­ri­scher „Ca­ba­ret“-con­fe­ren­cier in der ci­ne­as­ti­schen Er­in­ne­rung auf­taucht. Auch ein sat­ter Hin­weis dar­auf, wo­vor sich „Vi­vid“– trotz je­der Men­ge kal­tem Fu­tu­ris­mus in so man­chem Bild – ver­beugt: vor Ber­lins Re­vue-tra­di­ti­on der spä­ten 20er Jah­re.

„Vi­vid“malt im­mer dann be­rau­schend schö­ne, vi­su­el­le Wun­der­wel­ten, wenn die Fan­ta­sie bunt und bom­bas­tisch ent­fes­selt wird. Wenn im un­ge­zähm­ten Dschun­gelU­ni­ver­sum Frö­sche auf schwan­ken­den Blu­men­stän­geln kra­xeln, Ge­par­den an Bun­gee-lei­nen stür­zen, ein Tu­kan im Rei­fen turnt, Kä­fer sich in Blü­ten stre­cken und bie­gen, Ar­tem Lyu­ba­ne­vych am Seil Fi­gu­ren baut, ein Strauß Stief­müt­ter­chen wie Tschai­kow­skys Bal­lett-schwä­ne tan­zen und Gla­céia Hen­der­son als ra­ben­schwarz ge­klei­de­te An­dro­idon­na kraft­voll ih­re wun­der­ba­re Soul­stim­me dar­über legt: „ This is the Jung­le, free und wild ...“

An­dro­idon­na – das ist schlicht­weg „Vi­vid“-pro­gramm. Denn na­tür­lich muss das R’eye als An­dro­ide nicht nur durch ei­nen exo­tisch wu­chern­den Öko-kos­mos, son­dern eben­so durch die dunk­len Le­bens-sei­ten. Al­so ei­ne Vor­höl­le, in der Bar­ba­ren auf ei­ner schrä­gen Schei­be mar­tia­lisch tan­zen, wäh­rend im Bo­den ein Feu­er lo­dert und ge­fal­le­ne En­gel auf Sche­ren Spit­zen­tanz ma­chen. Oder durch ei­ne kal­te Vor­stadt, in der ei­ne Ama­zo­nen-grup­pe be­droh­lich hart ih­re Kör­per bie­gen – lei­der nicht stark ge­nug. Wie auch die So­lo­num­mer von R’eyes Va­ter et­was ver­rutscht. Das Play­back zu „She’s li­ke the wind“(zu dem Jim­my Slo­ni­na in der Pre­mie­re als Part­ne­rin In­ka Bau­se auf die Büh­ne hol­te) sieht noch ganz lo­cker aus, doch wenn er die Ho­sen fal­len lässt und im Tu­tu ans Seil geht, müss­te ei­gent­lich gnä­dig und rasch der Vor­hang fal­len.

Was ganz be­stimmt nicht auf die Ar­tis­tik zu­trifft, die per­fekt in den sanf­ten Fluss der Bild­wel­ten ein­ge­baut wur­de. So gab es Ju­bel um das Duo Sky An­gels (Us­be­kis­tan), die sich ge­gen­sei­tig am Dop­pel­seil durch ein Mund­stück nur mit den Zäh­nen hal­ten (erst er sie, dann sie ihn) und sich da­bei he­ben und dre­hen. Oder die Na­vas Trou­pe (Ekua­dor), die an zwei gi­gan­ti­schen, dre­hen­den Kon­struk­tio­nen mit manns­ho­hen Rä­dern vorn und hin­ten atem­be­rau­ben­de Sprün­ge voll­füh­ren. Schwit­zen­de Gän­se­haut und laut los­bre­chen­den Ju­bel nach dem letz­ten Sal­to.

Über 100 Mit­wir­ken­de auf der Büh­ne, über 80 hin­ter den Ku­lis­sen – mit we­ni­ger ist so ein Show­wir­bel um ei­ne Selbst­fin­dung und die Far­ben des Le­bens nicht zu ha­ben. Dass die schil­lern, leuch­ten und glän­zen, erst be­droht, dann be­freit sind, dass die Welt mehr ist als nur ei­ne se­xu­el­le Ori­en­tie­rung, nur ei­ne Re­li­gi­on, nur ein Ge­schlecht, das fei­ert „Vi­vid“mit ei­nem Fest. Auch mit Meh­met Yil­maz als Mann aus dem Mor­gen­land, der auf der Büh­ne, be­ob­ach­tet von ei­ner Klein­ka­me­ra, For­men, Far­ben und Fi­gu­ren malt, und – na­tür­lich – dem Bal­lett. Das zeigt wie­der ein­mal, wo­zu mo­der­nes Bal­lett fä­hig ist. Wirk­lich ge­fei­ert al­ler­dings wird es vor al­lem für ei­ne gran­dio­se Cho­rus-li­ne vor der 25-Mi­nu­ten-pau­se. 32 Tän­ze­rin­nen im en­gen, schwar­zen La­tex-dress und mit Leucht­krän­zen auf dem Kopf, las­sen 64 Bei­ne im Gleich­takt krei­sen, he­ben, mar­schie­ren. Das Licht auf den Köp­fen wech­selt von weiß zu grün, blau, rot, gelb, pink. Ein fan­tas­ti­sches Fest für die Au­gen.

Ein­mal, als R’eye als An­dro­id mit zwei Tän­ze­rin­nen him­mel­hoch zwi­schen Ster­nen und Pla­ne­ten kreist, fragt man nur noch stau­nend: Wie geht das bloß? Das sind die schöns­ten Mo­men­te. Man kann sich nur fin­den, wenn man sich auch mal ver­liert ... Das ist nicht Saint-exu­pé­rys klei­ner Prinz. Das ist ein „Vi­vid“-song. Oder soll­te man bes­ser vi­vat sa­gen?

Fo­to: Fried­richst/dtp/l/st/brink­hoff-mo­e­gen3urg

Phä­no­me­na­le Girls-li­ne mit 64 Bei­nen und 32 Leucht­krei­sen, die beim Tan­zen die Far­be än­dern und nicht nur ein we­nig an den Ring um den Kopf der Ma­schi­nen-ma­ria aus Fritz Langs „Me­tro­po­lis“er­in­nern.

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