Was da­zu­ge­lernt

In der G/le­rie der HGB werden die dies­jäh­ri­gen Meis­ter­schü­ler vor­ge­stellt

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON JENS KASSNER

Nicht im­mer sind die zwei Jah­re des Meis­ter­schü­ler­stu­di­ums die blo­ße Fort­set­zung des vor­an­ge­gan­ge­nen Stu­di­ums im war­men Nest der Hoch­schu­le. Dass es auch Neu­ori­en­tie­run­gen ge­ben kann, be­weist Chris­ti­an Bold. Zu­vor hat er nur Druck­gra­fik und Ob­jek­te ge­macht. Chris­toph Ruck­hä­ber­le aber hat ihn zu groß­for­ma­ti­gen Ma­le­rei­en er­mu­tigt. Sie sei­en an klas­si­schen His­to­ri­en­bil­dern ori­en­tiert, sagt Bold. In Su­jet und Kom­po­si­ti­on mag das zu­tref­fen. Die Darstel­lungs­wei­se aber hat ganz ein­deu­tig mehr die Welt der Co­mics zum Vor­bild. Ei­ne blaue For­ma­ti­on von Po­li­zis­ten steht mu­tig dem chao­ti­schen Hau­fen von Be­sorg­ten ge­gen­über. Fan­ta­sy spielt al­so auch ei­ne Rol­le.

Vier­und­zwan­zig Ab­sol­ven­tin­nen und Ab­sol­ven­ten sind es 2018, die ab jetzt sich ewig als Meis­ter­schü­ler*in­nen be­zeich­nen dür­fen, wie es nun in der durch­ge­hen­den Sprach­re­ge­lung der HGB heißt. Tat­säch­lich hält sich das Ver­hält­nis der Ge­schlech­ter in et­wa die Waa­ge.

Ga­le­rie­lei­te­rin Il­se La­fer weist zwar dar­auf hin, dass es un­ter die­sen post­gra­dua­len Stu­die­ren­den deut­lich we­ni­ger Qu­er­ver­bin­dun­gen ge­be als bei den Di­plo­man­den, hat aber trotz­dem den Ver­such ge­wagt, al­le im ei­gent­li­chen Ga­le­rie­raum zu ver­ei­nen, al­so oh­ne Sa­tel­li­ten. Das Ne­ben­ein­an­der der Spar­ten, et­wa Gra­fik und Vi­deo, funk­tio­niert, hat aber für den Be­su­cher den Nach­teil, dass er al­lein für das Be­trach­ten der nach­ein­an­der lau­fen­den fil­mi­schen Ar­bei­ten et­wa zwei St­un­den ein­pla­nen muss.

Zu die­sen ge­hört Da­na Lo­renz’ „Re-wri­ting Pic­tu­res“. Fünf Frau­en­ge­sich­ter werden ge­zeigt. Ganz lang­sam, prak­tisch un­be­wegt, aber Au­ge in Au­ge mit dem Be­trach­ter. Seh­ge­wohn­hei­ten sol­len auf­ge­bro­chen werden. Ein an­ders Vi­deo stammt von Emer­son Culur­gio­ni und Jo­nas Ma­tau­schek. In „Ha­bi­tat“werden Par­al­lel­wel­ten in dich­ter Nach­bar­schaft ge­zeigt. Im Gei­sel­tal na­he Hal­le war­ten ver­schie­de­ne Men­schen auf Ver­schie­de­nes: ei­ne Bio­lo­gin auf die Rück­kehr der Bie­nen­fres­ser aus dem Sü­den, ein Afri­ka­ner auf sei­nen Asyl­be­scheid, ein Kur­de auf den Nach­zug sei­ner Fa­mi­lie. Für die­se Ar­beit wur­de ih­nen der zum zwei­ten Mal ver­lie­he­ne Preis der G2 Kunst­hal­le zu­er­kannt. Er ist mit 10 000 Eu­ro do­tiert; au­ßer­dem wird den Preis­trä­gern ein Ate­lier für zwölf Mo­na­te kos­ten­frei zur Ver­fü­gung ge­stellt.

Den­noch ist nicht zu über­se­hen, dass die Ma­le­rei in die­sem Jahr­gang ei­ne ge­wis­se Do­mi­nanz hat. Sten Gut­glück mit sei­nen alt­meis­ter­li­chen Still­le­ben ge­hört schon zu den be­kann­te­ren Na­men in der Leip­zi­ger Sze­ne. Jo­na­than Kraus zeigt eben­so sorg­fäl­tig ge­ar­bei­te­te Mi­nia­tu­ren. Die Bil­der des Chi­le­nen Fe­de Taus kann man als Land­schaf­ten be­zeich­nen, sie ent­sprin­gen aber dem Nach­den­ken über Iden­ti­tä­ten.

Zu den in­ter­es­san­tes­ten Ex­pe­ri­men­ten ge­hört der Zy­klus „Tra­ver­sing the Th­res- hold“von Li­at Gray­ver. Die Tu­sche­zeich­nun­gen auf zar­tem tex­ti­lem Ma­te­ri­al ha­ben ei­ne ost­asia­ti­sche An­mu­tung. Aus­ge­führt aber wur­den sie von Schweiß­ro­bo­tern, wie man sie aus der Au­to­pro­duk­ti­on kennt, ge­steu­ert von der Künst­le­rin. In ei­ner Ani­ma­ti­on wird der Aus­gangs­punkt, das Ver­wir­beln von Teil­chen, de­mons­triert.

Dass so­gar ganz her­kömm­lich aus­se­hen­de Druck­gra­fik auf Ex­pe­ri­men­ten be­ru­hen kann, zeigt Chris­ti­na Wild­gru­be. Die an Land­schaf­ten er­in­nern­den Struk­tu­ren sind aus Blei­let­tern zu­sam­men­ge­setzt. Al­ler­dings sind es kei­ne Buch­sta­ben und Zif­fern, son­dern de­ko­ra­ti­ve Ele­men­te oder Ab­stand­shal­ter. „Land set­zen“ist der be­zeich­nen­de Ti­tel der Se­rie.

Un­ge­wöhn­lich ist auch, dass ei­ne Fo­to­gra­fin ei­ne Schall­plat­te aus­stellt. So­phia Kes­ting hat in ei­nem Inns­bru­cker Gü­ter­bahn­hof fo­to­gra­fiert, dar­aus ei­ne Col­la­ge als Le­po­rel­lo er­stellt. Der auf wei­ßes Vi­nyl ge­press­te Sound da­zu kommt vom Mu­si­ker Andre­as Trenk­wal­der. Der Na­me „Kor­re­lat“ver­deut­licht die Ge­gen­sei­tig­keit.

Auf­fal­lend bei die­ser Meis­ter­schü­ler­aus­stel­lung ist die gro­ße Ernst­haf­tig­keit, Spie­le­rei­en sind kaum zu ent­de­cken. Das „Nach­sit­zen“hat sich auf je­den Fall ge­lohnt.

„M/18“, Aus­stel­lung der Meis­ter­schü­le­rin­nen und Meis­ter­schü­ler in der Hoch­schu­le für Gr/fik und Buch­kunst Leip­zig, Wäch­t­er­str. 11; 3is 27. Ok­to3er, Di–fr 14–18 Uhr, S/ 12–16 Uhr

Fo­tos (2): An­dré Kempner

Die Fo­to­gra­fin So­phia Kes­ting hat für ih­re Ar­beit ei­nen Plat­ten­spie­ler aus­ge­stellt. Der Sound für ih­re Col­la­ge wur­de auf Vi­nyl ge­presst.

Die Tu­sche­zeich­nun­gen von Li­at Gray­ver ent­stan­den mit­hil­fe von Schweiß­ro­bo­tern.

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