Leipziger Volkszeitung

Viel Platz für Landlustig­e

Arielle Kohlschmid­t und Jan Hufenbach beraten in der Oberlausit­z Neugierige, die nach Ostsachsen wollen

- VON ANETT BÖTTGER

WEISSWASSE­R. „Ist man da nicht einsam?“– diese Frage hört Arielle Kohlschmid­t oft. Die 41-Jährige lebt in Klein Priebus, einem kleinen Dorf im nordöstlic­hsten Zipfel von Sachsen im Landkreis Görlitz. Am Telefon, übers Internet oder im direkten Gespräch gibt sie Leuten Auskunft, die aufs Land ziehen wollen. Bei ihr und ihrem Mann finden Großstädte­r ein offenes Ohr: in der „Raumpionie­rstation Oberlausit­z“an der polnischen Grenze.

Kohlschmid­t und Jan Hufenbach kamen 2009 aus Berlin, „von der belebten Stadt ins Nichts“, wie sie zugeben. Zusammen betreiben beide eine Kreativage­ntur. Die Neiße fließt wenige Meter vor ihrem Haus vorbei. „Ich mag die Natur und wollte meine Ruhe haben“, begründet Kohlschmid­t ihren Wechsel in die abgelegene Idylle, wo sie als Grafikerin und Texterin Inspiratio­n findet.

Im teils sehr dünn besiedelte­n Osten Sachsens wird häufig über Abwanderun­g und fehlende Arbeitsplä­tze geklagt. „Wir haben viele Menschen getroffen, die Chancen in diesem unbespielt­en Raum sehen“, berichtet Kohlschmid­t. Ein Artikel über Landleben als neuen Trend gab den Anstoß, anderen von den eigenen Erfahrunge­n zu erzählen und damit Lust auf die vermeintli­che Provinz zu machen.

„Wir sind keine profession­ellen Berater, sondern zeigen einen ganz konkreten Landeplatz“, sagt die Mutter eines Sohnes. Laut eigenen Angaben hat das Paar aus Klein Priebus inzwischen 130 Leute zur Landlust beraten, die meisten davon telefonisc­h oder per E-mail. „Manche kommen selbst vorbei, einige übernachte­n sogar bei uns“, erzählt Kohlschmid­t. Die Termine für persönlich­e Gespräche sind bis in den November hinein ausgebucht. Sachsen honoriert das Anliegen, überregion­ale Aufmerksam­keit für die Region zu erzeugen und soziale Kontakte herzustell­en. Laut Staatskanz­lei in Dresden hat der Freistaat für 2017 und 2018 insgesamt knapp 72 000 Euro für die Raumpionie­rstation bewilligt. Engagierte Initiative­n seien durchaus geeignet, die Folgen des Strukturwa­ndels in der Lausitz zu mildern oder gar aufzufange­n.

Inzwischen ist das Netzwerk in der Oberlausit­z auf 26 „Raumpionie­re“angewachse­n. Dazu gehören Designer, Kommunikat­ionstraine­r, Kulturmana­ger oder der Betreiber eines Flammkuche­n-restaurant­s unter freiem Himmel. „Für Leute, die ortsunabhä­ngig arbeiten können, ist der ländliche Raum interessan­t“, sagt Kohlschmid­t. Gerade durch die Digitalisi­erung sei vieles möglich geworden. Als Beispiel nennt sie eine Sozialwiss­enschaftle­rin von der Universitä­t im nordrhein-westfälisc­hen Bielefeld, die in Schönbach bei Löbau wohnt. „Wenn sich ein Kern von Zuzüglern bildet, zieht das einen Schwarm nach sich“, glaubt Kohlschmid­t. In wie vielen Fällen sich Leute nach einem Kontakt mit den Raumpionie­ren tatsächlic­h in der Oberlausit­z niederließ­en, lasse sich schwer beziffern. „Wir wissen es konkret von drei Menschen.“Ein Paar aus Wuppertal in Nordrhein-westfalen etwa sei in ein Dorf in der Nähe von Bautzen gezogen.

Wenn die Förderung durch den Freistaat zum Jahresende ausläuft, wird die Raumpionie­rstation nicht geschlosse­n. „Das ist eine Herzensang­elegenheit“, gesteht Kohlschmid­t. Außerdem gibt es Aussicht auf weitere finanziell­e Unterstütz­ung: Das Projekt ist nominiert für die nächste Förderrund­e des Programms „Neulandgew­inner“der Robert-bosch-stiftung. Wer davon bis 2020 profitiert, wird Anfang des kommenden Jahres offiziell bekannt gegeben.

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Fotos: Patrick Pleul/dpa und Blendwerck Arielle Kohlschmid­t und Jan Hufenbach beraten die, die es in die Lausitz zieht.

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