Die Prü­fung kommt noch

Leipziger Volkszeitung - - ERSTE SEITE - VON GOR­DON REPINSKI ➦ po­li­[email protected]

D ie Ge­win­ne­rin des gest­ri­gen Ta­ges ist nicht nur An­ne­gret Kramp-kar­ren­bau­er, die neue Cdu-vor­sit­zen­de. Die gan­ze CDU pro­fi­tiert von dem Vor­wahl­pro­zess der ver­gan­ge­nen Wo­chen. Da­bei ist der Ur­sprung die­ses Pro­zes­ses ei­ne exis­ten­zi­el­le Kri­se der Uni­ons­par­tei­en. Der dau­ern­de Streit um den rich­ti­gen Um­gang mit der Flücht­lings­po­li­tik ist zu ei­ner Aus­ein­an­der­set­zung um die Per­son der Bun­des­kanz­le­rin er­wach­sen und hat ei­ne Kri­sen­ket­te in Be­we­gung ge­setzt. Er hat die Uni­on in der öf­fent­li­chen Wahr­neh­mung und An­ge­la Mer­kel in ih­rer Rol­le ge­schwächt. Und er hat die Bun­des­re­gie­rung als in­kom­pe­ten­te An­samm­lung von Po­li­ti­kern er­schei­nen las­sen, die nicht im Stan­de ist, die drän­gen­den Pro­ble­me des Lan­des zu lö­sen.

An­ge­la Mer­kels An­kün­di­gung des Rück­zugs von der Par­tei­spit­ze im Ok­to­ber ist ein Er­geb­nis die­ses Streits und wirk­te in den Wo­chen da­nach wie ei­ne Be­frei­ung. Die be­gin­nen­den Re­gio­nal­kon­fe­ren­zen der Be­wer­ber um den Par­tei­vor­sitz wur­den fair, aber nicht über­vor­sich­tig ge­führt. Die CDU hat seit Lan­gem wie­der ei­nen The­men­wett­streit zu­ge­las­sen. Und mit den drei Be­wer­bern stan­den tat­säch­lich auch drei un­ter­schied­li­che Ent­wür­fe ei­nes neu­en Vor­sit­zen­den zur Ver­fü­gung. Die CDU hat es gut ge­macht. Und sie hat in die­sem Herbst das Glück ge­habt, das man als ein­zig ver­blie­be­ne Volks­par­tei in Deutsch­land braucht.

Die neue Vor­sit­zen­de An­ne­gret Kramp-kar­ren­bau­er kann sich den­noch nicht auf die­sem Er­folg aus­ru­hen. Sie ist mit ei­nem au­ßer­ge­wöhn­lich knap­pen Er­geb­nis ge­wählt wor­den. Fast die Hälf­te der De­le­gier­ten ha­ben sie nicht un­ter­stützt. Sie woll­ten nicht nur Fried­rich Merz. Die­se Hälf­te woll­ten ei­ne an­de­re CDU, die viel we­ni­ger mit der CDU der Vor­sit­zen­den An­ge­la Mer­kels zu tun hat, als es die Ver­hei­ßung un­ter An­ne­gret Kramp-kar­ren­bau­er je­mals sein könn­te. Die­se Hälf­te bleibt nun zu­rück mit dem Ge­fühl, es nach Kri­sen­jah­ren nicht mit ei­nem ech­ten Schnitt ver­sucht zu ha­ben. Sie könn­ten, wenn es nicht gut läuft, dau­er­haft für Un­ru­he sor­gen.

Vor der neu­en Che­fin lie­gen des­halb schwie­ri­ge Wo­chen. Sie muss schon bei der Po­si­ti­on des Ge­ne­ral­se­kre­tärs ei­ne Wei­chen­stel­lung vor­neh­men, mit der sie ei­nen Teil der Zu­rück­ge­las­se­nen be­frie­det. Den Vor­sit­zen­den der Jun­gen Uni­on, Paul Zie­mi­ak, zu er­nen­nen, könn­te ein sol­cher Schritt sein. Bes­ser noch wä­re ein Kan­di­dat aus dem Os­ten, wie et­wa das Aus­nah­me­ta­lent Phil­ipp Amt­hor.

Beim Du­ell mit der AFD geht es um mehr als um ei­ne Neu­be­wer­tung von An­ge­la Mer­kels Flücht­lings­po­li­tik. Der Er­folg der AFD ist ei­ne Re­ak­ti­on auf die glo­bal wach­sen­den Un­ter­schie­de zwi­schen Arm und Reich, die man­geln­den Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten der frü­he­ren Ar­bei­ter­klas­se und da­mit ver­bun­den die in der Be­völ­ke­rung ver­an­ker­ten Sor­gen über die neue Ar­beits­welt im Di­gi­ta­len. Die­se Pro­ble­me müs­sen an­ge­gan­gen wer­den. Kramp-kar­ren­bau­ers Er­folg wird ent­schei­den, ob nach An­ge­la Mer­kel ei­ne neue Ära be­ginnt – oder ob an die­sem Frei­tag nur ei­ne Epi­so­de be­gon­nen hat.

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