„Ich spü­re kei­nen Hun­ger“

Teil 11 (Schluss): Die Zahl jun­ger Re­ha-pa­ti­en­ten steigt stark. In Bad Gott­leu­ba be­kom­men sie kla­re Ziel­vor­ga­ben.

Leipziger Volkszeitung - - LVZ SPEZIAL−GESUNDHEIT - VON STEFFEN KLAMETH

Hen­rik Mar­ten ist 18 Jah­re alt und ein ziem­lich schmäch­ti­ges Bürsch­chen: 1,65 Me­ter klein, 48,5 Ki­lo leicht. „An­de­re be­nei­den mich da­für“, sagt er. Und dass er gern grö­ßer, schwe­rer, kräf­ti­ger wä­re. Doch zwi­schen Wunsch und Wirk­lich­keit steht ein Pro­blem: „Ich spü­re ein­fach kei­nen Hun­ger.“Es­sen ist für ihn kein Ver­gnü­gen, im Ge­gen­teil. Schon bei dem Ge­dan­ken dar­an ha­be er manch­mal das Ge­fühl, sich über­ge­ben zu müs­sen. Und oft sei ihm schon am Mor­gen so übel, dass er es nicht zur Schu­le schafft. „Dort glaub­te man, ich will nur schwän­zen“, er­zählt er. Auch vie­le Ärz­te hät­ten ihn nicht ernst ge­nom­men, so­dass er mehr­mals den Haus­arzt wech­sel­te. Erst ha­be man ei­ne Fruc­to­s­ein­to­le­ranz fest­ge­stellt, dann wur­de Wei­zen vom Spei­se­plan ge­stri­chen. Da­zu kommt noch ein Zwerch­fell­durch­bruch. Auf An­ra­ten sei­ner Mut­ter ent­schloss er sich schließ­lich zu ei­ner Re­ha: „Ei­nen Ver­such war es wert.“Vier Wo­chen ver­brach­te der jun­ge Mann aus dem bran­den­bur­gi­schen Stahns­dorf in der Kin­der- und Ju­gend­kli­nik in Bad Gott­leu­ba.

DIE KLI­NIK

Ein gro­ßer Park, dar­in weit ver­streut drei Dut­zend Ge­bäu­de: Wer zum ers­ten Mal das Kli­nik­ge­län­de in Bad Gott­leu­ba be­tritt, kann schnell mal die Ori­en­tie­rung ver­lie­ren. Und au­ßer Pus­te ge­ra­ten, denn die An­la­ge klebt förm­lich an ei­nem stei­len Hang. 1913 wur­de sie als ers­te Ar­bei­ter­heil­stät­te Deutsch­lands er­öff­net. In der DDR war sie das ers­te Kli­niks­a­na­to­ri­um. Nach der Wen­de ging sie in den Be­sitz der Lan­des­ver­si­che­rungs­an­stalt Sach­sen über. Seit über drei Jah­ren ist die Lie­gen­schaft an den Me­di­an- Kon­zern ver­pach­tet. Der be­treibt hier ins­ge­samt sechs Fach­kli­ni­ken – dar­un­ter auch die Kli­nik für Kin­der und Ju­gend­li­che.

DIE DIA­GNO­SEN

Wenn Kin­der krank wer­den, dann ist das in den meis­ten Fäl­len schnell aus­ku­riert. Doch auch im jun­gen Al­ter – und manch- mal be­reits mit der Ge­burt – kön­nen Krank­hei­ten auf­tre­ten, die das Le­ben über ei­nen län­ge­ren Zei­t­raum oder gar dau­er­haft be­ein­träch­ti­gen. Ei­ne früh­zei­ti­ge Re­ha bie­tet die Chan­ce, dass die Be­trof­fe­nen künf­tig ei­nen Be­ruf er­ler­nen und selbst­stän­dig ihr Le­ben ge­stal­ten kön­nen. Seit 2017 sind Re­ha-maß­nah­men für Kin­der und Ju­gend­li­che ei­ne Pflicht­leis­tung der Ren­ten­ver­si­che­rung. Im glei­chen Jahr stieg die Zahl der jun­gen Re­ha­Pa­ti­en­ten auf rund 35 000 – so vie­le wie noch nie. Häu­figs­te Grün­de wa­ren Asth­ma bron­chia­le und an­de­re Atem­wegs­er­kran­kun­gen, Haut­krank­hei­ten, Adi­po­si­tas so­wie psy­chi­sche und Ver­hal­tens­stö­run­gen. Da­ne­ben wer­den un­ter an­de­rem auch Krebs­er­kran­kun­gen, Dia­be­tes und Im­mun­de­fek­te in ei­ner Re­ha be­han­delt.

DIE KLI­NI­KEN

In Sach­sen ha­ben sich vier Re­ha-kli­ni­ken auf die Be­hand­lung jun­ger Pa­ti­en­ten spe­zia­li­siert. Sie de­cken al­ler­dings nicht al­le Krank­hei­ten ab. „Bei Er­kran­kun­gen der Atem­we­ge wer­den die jun­gen Pa­ti­en­ten bei­spiels­wei­se in Thü­rin­gen und Sach­sen-an­halt, aber auch in an­de­ren Bun­des­län­dern be­han­delt“, sagt Dr. Ur­su­la Wäch­ter von der Deut­schen Ren­ten­ver­si­che­rung Mit­tel­deutsch­land. ■ Die Al­ters­span­ne in der Kin­der- und Ju­gend-re­ha ist weit ge­fasst. In der Me­di­an-kli­nik Bad Gott­leu­ba wer­den nach Aus­kunft von Chef­arzt Dr. Milan Meder Pa­ti­en­ten im Al­ter von 2 bis 22 Jah­ren be­han­delt. Die Mehr­zahl sei zwi­schen acht und 15 Jah­ren alt, wo­bei die Ge­schlech­ter gleich stark ver­tre­ten sind. Der Schwer­punkt lie­ge auf psy­chi­schen und Ver­hal­tens­stö­run­gen, An­pas­sungs­und Ess­stö­run­gen, Sprach- und Sprech­stö­run­gen, Hy­per­ak­ti­vi­tät und Kon­zen­tra­ti­ons­schwä­che, Ein­näs­sen und Ein­ko­ten oh­ne kör­per­li­che Ur­sa­che so­wie auf Stö­run­gen des So­zi­al­ver­hal­tens. „Man­che ha­ben schon ei­ne Heim­kar­rie­re oder ein Dut­zend Psych­ia­trie­auf­ent­hal­te hin­ter sich“, sagt Meder.

Ei­ne Be­son­der­heit in Bad Gott­leu­ba ist die Fa­mi­li­en­kli­nik: Hier sind Kin­der und El­tern ge­mein­sam un­ter­ge­bracht – ent­we­der mit den El­tern als Be­gleit­per­so­nen oder bei­de Ge­ne­ra­tio­nen als Pa­ti­en­ten. Die Kin­der und der El­tern­teil – manch­mal auch Oma oder Opa – er­hal­ten dann un­ab­hän­gig von­ein­an­der ei­ne The­ra­pie. „Der Schwer­punkt liegt auf psy­cho­the­ra­peu­ti­scher Ar­beit“, er­klärt der Chef­arzt.

DIE PA­TI­EN­TEN DIE THE­RA­PIE

Oh­ne kon­kre­tes Ziel kein Er­folg: Was für die Re­ha ganz all­ge­mein gilt, ha­be bei jun­gen Men­schen ganz be­son­de­re Be­deu­tung, er­klärt Dr. Meder: „Kin­der und Ju­gend­li­che brau­chen ei­ne kla­re Ziel­set­zung.“Des­halb wer­den zu Be­ginn zahl­rei­che Ge­sprä­che ge­führt – mit Ärz­ten, Päd­ago­gen, Psy­cho­lo­gen. Auf die­ser Grund­la­ge er­ar­bei­ten die Fach­leu­te ei­nen in­di­vi­du­el­len The­ra­pie­plan für je­den Pa­ti­en­ten. Bei Kin­dern mit Über­ge­wicht – der Ex­trem­fall war ein elf- jäh­ri­ges Mäd­chen, das 150 Ki­lo wog – ste­hen et­wa viel Be­we­gung und Er­näh­rungs­be­ra­tung im Mit­tel­punkt.

Bei Pa­ti­en­ten mit psy­chi­schen Dia­gno­sen ist die Grup­pen­the­ra­pie ein fes­ter Be­stand­teil. Da­bei ge­he es un­ter an­de­rem dar­um, sie „aus der che­mi­schen Zwangs­ja­cke zu be­frei­en“. Das heißt: we­ni­ger Me­di­ka­men­te, mehr emo­tio­na­le Fä­hig­kei­ten. „Meist ha­ben wir es mit ge­stör­ten El­tern-kind-be­zie­hun­gen zu tun“, sagt Meder. „Dem The­ra­peu­ten kommt dann die Rol­le des hilf­rei­chen Drit­ten zu.“Das er­for­de­re auch ei­nen kri­ti­sche­ren Um­gang mit den El­tern – bis hin zur Emp­feh­lung ei­ner voll­sta­tio­nä­ren Ju­gend­hil­fe­maß­nah­me.

DER TA­GES­AB­LAUF

In Bad Gott­leu­ba wer­den die jun­gen Pa­ti­en­ten 6.30 Uhr ge­weckt, 7.15 Uhr gibt es Früh­stück. Dar­an schlie­ßen sich der (ver­kürz­te) Un­ter­richt in der kli­nik­ei­ge­nen Schu­le so­wie The­ra­pi­en – zum Bei­spiel in der Grup­pe oder Schwim­men – an. Nach­mit­tags steht noch mal Un­ter­richt auf dem Plan, eben­so Sport oder Grup­pen­ak­ti­vi­tä­ten. Re­gel­mä­ßi­ge Mahl­zei­ten sind ein we­sent­li­cher Baustein der The­ra­pie. Nach dem Abend­brot ha­ben die jun­gen Leu­te Frei­zeit, die Nacht­ru­he ist al­ters­ab­hän­gig. Am Wo­che­n­en­de kön­nen die Pa­ti­en­ten aus­schla­fen, sonn­abends wer­den Ex­kur­sio­nen an­ge­bo­ten, sonn­tags ist der Be­such der Schwimm­hal­le mög­lich.

DIE THE­RA­PIE­DAU­ER

Ei­ne Kin­der- und Ju­gend-re­ha dau­ert in der Re­gel sechs Wo­chen. „In Aus­nah­me­fäl­len kann sie auch auf bis zu zwölf Wo­chen ver­län­gert wer­den“, er­klärt Dr. Meder.

DER AN­TRAG

Die Initia­ti­ve für ei­ne Kin­der- und Ju­gend-re­ha geht meist vom Haus- oder Kin­der­arzt aus – häu­fig im Zu­sam­men­hang mit ei­ner Vor­sor­ge­un­ter­su­chung. Den An­trag müs­sen al­ler­dings die El­tern stel­len. In den al­ler­meis­ten Fäl­len ist da­für die Deut­sche Ren­ten­ver­si­che­rung zu­stän­dig.

Die hun­dert Plät­ze der Kin­der- und Ju­gend­kli­nik in Bad Gott­leu­ba sind be­gehrt. „Pa­ti­en­ten, die al­lein an­rei­sen, war­ten im Schnitt drei Mo­na­te“, sagt der Chef­arzt. In der Fa­mi­li­en­kli­nik kön­ne sich die War­te­zeit auf ein hal­bes Jahr ver­län­gern. Seit ver­gan­ge­nem Jahr ha­ben Kin­der bis zum zwölf­ten Le­bens­jahr An­spruch auf die Be­glei­tung durch Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge, und zwar un­ab­hän­gig von der Schwe­re der Er­kran­kung. Bis­her war das nur bis zum zehn­ten Le­bens­jahr mög­lich. Auf An­trag zahlt die Ren­ten­ver­si­che­rung dann nicht nur für Un­ter­kunft und Ver­pfle­gung, son­dern auch für den Ver­dienst­aus­fall. Das Fle­xi­ren­ten­ge­setz hat auch die vier­jäh­ri­ge War­te­frist für die Wie­der­ho­lung ei­ner Kin­der- und Ju­gend- Re­ha ab­ge­schafft. „Ei­ne er­neu­te Be­hand- lung ist jetzt in deut­lich kür­ze­ren Ab­stän- den mög­lich“, er­klärt die Deut­sche Ren­ten­ver­si­che­rung Mit­tel­deutsch­land.

DER THE­RA­PIE­ER­FOLG

„Wir ga­ran­tie­ren für ei­nen ma­xi­ma­len The­ra­pie­er­folg“, sagt Dr. Meder. Maß­stab sei da­bei das in­di­vi­du­el­le Ziel. Bei über­ge­wich­ti­gen Pa­ti­en­ten lie­ge der Ge­wichts­ver­lust im Schnitt bei ei­nem bis an­dert­halb Ki­lo pro Wo­che. Bei ADHS­Pa­ti­en­ten ge­he es dar­um, die Me­di­ka­men­te zu re­du­zie­ren oder ganz ab­zu­set­zen. Der Me­di­zi­ner be­rich­tet von ei­nem 16-jäh­ri­gen Mäd­chen, das die Re­ha mit ei­ner hoch­do­sier­ten Ri­ta­lin-ver­ord­nung an­trat – und nach der sechs­wö­chi­gen The­ra­pie re­gel­recht be­freit wirk­te. Vor­aus­set­zung für den Er­folg sei aber auch die Mo­ti­va­ti­on der Pa­ti­en­ten. Wer in den ers­ten sie­ben Ta­gen kei­nen Wil­len zei­ge oder sich nicht in die Grup­pe ein- ord­ne, müs­se die Re­ha ab­bre­chen. Dies ge­sche­he al­ler­dings sehr sel­ten.

Der 18-jäh­ri­ge Hen­rik Mar­ten woll­te das Bes­te aus der Re­ha ma­chen. Er ex­pe­ri­men­tier­te mit Le­bens­mit­teln, ging viel Schwim­men und abends in den Fit­ness­raum. „Ich woll­te mei­ne Er­näh­rung op­ti­mie­ren und fit­ter wer­den“, er­zählt er. Und er fuhr mit mehr Elan nach Hau­se, denn er hat­te er­kannt: „Ich bin mei­nes Glü­ckes ei­ge­ner Schmied.“ Die Re­ha­bi­li­ta­ti­on in Deutsch­land wird von ei­nem Mo­no­po­lis­ten be­herrscht – der Deut­schen Ren­ten­ver­si­che­rung. Sie be­treibt selbst 22 Kli­ni­ken, die meis­ten an­de­ren sind von ihr durch Be­le­gungs­ver­trä­ge ab­hän­gig. Pa­ti­en­ten kön­nen hier nur ver­trau­en, dass die Qua­li­tät stimmt – Kon­trol­le von au­ßen ist nicht mög­lich und nicht er­wünscht. Man soll­te dis­ku­tie­ren, ob hier mehr Wett­be­werb sinn­voll ist. Die Sicht des Pa­ti­en­ten muss mehr Be­ach­tung fin­den. Für ihn ist vor al­lem wich­tig, dass er ge­sund wird. Die Re­ha ist ne­ben Kran­ken­haus und am­bu­lan­tem Be­reich aber nur ein Glied in der Be­hand­lungs­ket­te. Das Den­ken in die­sen Sek­to­ren ver­hin­dert ei­ne op­ti­ma­le Ver­sor­gung. Die am­bu­lan­te Re­ha muss at­trak­ti­ver wer­den. Mehr als 80 Pro­zent al­ler Re­ha- Maß­nah­men wer­den in Deutsch­land im sta­tio­nä­ren Be­reich er­bracht. Das hat vor al­lem his­to­ri­sche Grün­de. Da­bei ist gar nicht be­wie­sen, ob das bes­ser ist. In vie­len Län­dern wie in den USA so­wie in Skan­di­na­vi­en ist die sta­tio­nä­re Re­ha un­be­kannt. Dort über­neh­men Kran­ken­häu­ser die am­bu­lan­ten Re­ha-the­ra­pi­en. Es gibt im­mer mehr Men­schen mit mehr als ei­ner Er­kran­kung. Es soll­te über­legt wer­den, ob die Spe­zia­li­sie­rung der Re­ha­Kli­ni­ken auf ein­zel­ne In­di­ka­tio­nen noch zeit­ge­mäß ist. Die ger­ia­tri­sche Re­ha ist ein gu­ter An­satz, aber nicht für Pa­ti­en­ten glei­cher­ma­ßen ge­eig­net. ■

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