Ro­te Lis­te

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON JÜR­GEN KLEIN­DIENST

E s gießt in Strö­men – kla­res In­diz da­für, dass Weih­nach­ten vor der Tür steht. Der Stern, der die­sen Na­men trägt, bleibt mehr und mehr drau­ßen. Nicht um das Herrn­hu­ter Qua­li­täts­pro­dukt geht es, son­dern um Eu­phor­bia pul­cher­ri­ma, den Strauch mit den ro­ten Blü­ten­blät­tern, von dem 1804 Alex­an­der von Hum­boldt ein Ex­em­plar aus Mit­tel­ame­ri­ka mit­brach­te. Seit den 60ern hat sich der Weih­nachts­stern in deut­schen Wohn­zim­mern aus­ge­brei­tet. Nun ist er be­droht. In den Ge­wächs­häu­sern herrscht Alarm­stim­mung: Nur noch 32 Mil­lio­nen ha­ben Blu­men­händ­ler, Bau- und Su­per­märk­te in der ver­gan­ge­nen Sai­son ver­kauft, ein Rück­gang von 20 Pro­zent in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren.

Fach­leu­te dia­gnos­ti­zie­ren ein Image­pro­blem: Spie­ßig sei er, alt­ba­cken, ein Oma-ge­wächs eben. Das ver­bin­det den Weih­nachts­stern mit der SPD oder der Kir­che, wes­halb das öde Kraut, das im­mer­hin bei Spinn­mil­ben noch gut an­kommt, jetzt zum Trend­ge­wächs auf­ge­motzt wird. Ge­dreh­te Stämm­chen oder Blät­ter in Knall­pink sol­len vor al­lem jun­ge Käu­fer an­lo­cken. Wer­den Weih­nachts­ster­ne al­so wie­der hip? So lan­ge man sie gie­ßen muss, wohl eher nicht.

Doch noch ist der Stern auf der Fens­ter­bank und nicht auf der Ro­ten Lis­te, denn es gibt „Stars for Eu­ro­pe“, die von der EU ge­för­der­te, in 16 Län­dern ope­rie­ren­de Mar­ke­tin­ginitia­ti­ve füh­ren­der eu­ro­päi­scher Weih­nachts­stern­züch­ter. Ver­brei­tet wer­den Ad­vents­kranz- und Weih­nachts­ka­len­de­r­ide­en. Auch ei­ne „Win­ter­hoch­zeit mit Weih­nachts­ster­nen“wird emp­foh­len. „Ster­ne ver­bin­den Eu­ro­pa“, ver­kün­den die Ma­cher. Wo­mit auch das ge­klärt wä­re: Wer Eu­ro­pa will, muss Weih­nachts­ster­ne kau­fen. Für den fran­zö­si­sche Markt wer­den sie jetzt in Gelb ge­züch­tet.

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