Zwi­schen Boy­kott und Er­eig­nis

Das Dra­ma „Ro­ma“von Al­fon­so Cuarón, Ge­win­ner des Fes­ti­vals von Ve­ne­dig, ist nur für ein paar Ta­ge im Ki­no – vor dem Net­flix-start

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON NOR­BERT WEHRSTEDT

Ein Film spal­tet die Ki­no-bran­che. Chris­ti­an Bräu­er, Vor­sit­zen­der des Pro­gramm­ki­no-ver­ban­des AG Ki­no (über 300 Film­thea­ter), fürch­tet um die Ex­klu­si­vi­tät des Ki­nos, wenn er nur für ein paar Ta­gen auf den Lein­wän­den läuft. Für Ci­nes­tar-ge­schäfts­füh­rer Oli­ver Fo­cke ist er ei­ne üb­li­che „Al­ter­na­ti­ve-con­tent-aus­wer­tung“. Die Pro­ble­me, die da­hin­ter lie­gen, sind al­ler­dings nicht erst mit dem um­strit­te­nen „Ro­ma“von Al­fon­so Cuarón auf­ge­taucht.

Das Fa­mi­li­en­dra­ma aus ei­nem Vo­r­ort von Me­xi­co Stadt in den frü­hen 70ern, für nur 15 Mil­lio­nen Dol­lar in be­ste­chen­den Schwarz-weiß-bil­dern in 108 Ta­gen di­gi­tal im 65-mm-for­mat ge­dreht, ge­wann das Film­fes­ti­val in Ve­ne­dig. Al­ler­dings oh­ne Welt­ver­leih – weil ihn Net­flix für 20 Mil­lio­nen Dol­lar er­wor­ben hat­te. Al­fon­so Cuarón als Re­gis­seur sorg­te für Pres­ti­ge. Im­mer­hin hat­te der 57-jäh­ri­ge Me­xi­ka­ner mit „Der Ge­fan­ge­ne von As­ka­ban“2004 den ein­zi­gen Har­ry Pot­ter ge­dreht, der nicht wie Il­lus­tra­ti­on vom Fließ­band aus­sah und mit „Gra­vi­ty“(2013) den ein­zi­gen von zwei, drei wirk­li­chen 3D-fil­men. „Ro­ma“be­sitzt al­so Os­car-po­ten­zi­al. Der Preis wä­re ei­ne Tro­phäe für den ehr­gei­zi­gen Strea­m­ing­dienst Net­flix. Für ei­ne No­mi­nie­rung muss er al­ler­dings im Ki­no zu se­hen sein. Frank­reich lehn­te ab, in den USA nick­ten 50 Ki­nos, in Deutsch­land 40, vor­nehm­lich der Ci­nes­tar-grup- pe. Nur die Schau­burg Bre­men igno­rier­te den Ag-ki­no-boy­kott und zeigt „Ro­ma“. Den Ein­satz im Ki­no hat NFP für Net­flix or­ga­ni­siert, laut Bran­chen­ge­rüch­ten für ei­ne fünf­stel­li­ge Fest­sum­me im hö­he­ren Be­reich. Wie die Ein­nah­men ge­teilt wer­den, dar­über will kei­ner Aus­kunft ge­ben.

Na­tür­lich ist „Ro­ma“ein Prä­ze­denz­fall, der die Ki­nos in ei­ner heik­len Si­tua­ti­on er­wischt. Wie es aus­sieht, lie­gen die Ein­nah­men, wenn nicht noch ein Wun­der ge­schieht, 2018 um rund 20 Pro­zent un­ter de­nen von 2017, ei­ni­ge Ver­lei­he kämp­fen be­reits um ih­re Exis­tenz. Da kommt nun Net­flix, gibt „Ro­ma“für ei­ne Wo­che frei und star­tet ihn dann am 14. De­zem­ber welt­weit auf sei­ner Strea­m­ing-platt­form.

Ist „Ro­ma“die gan­ze Auf­re­gung wert? Kla­re Ant­wort: ja. Weil die­ses„ro­ma“(ein Vo­r­ort von Me­xi­co Stadt) das macht, was viel zu vie­le Fil­me im Ki­no ver­mis­sen las­sen: Er er­zählt in be­rau­schen­den Bil­dern. Im­mer wie­der be­wegt sich die Ka­me­ra in sanf­ter, flie­ßen­der Be­we­gung durch das Mit­tel­stand­shaus, die laut lär­men­de Stra­ße ent­lang, vom Strand ins auf­ge­wühl­te Meer und zu­rück. Al­fon­so Cuarón, der auch fo­to­gra­fier­te, blickt in Weit­win­kel­auf­nah­men auf ei­ne durch­aus be­tuch­te Fa­mi­lie in der Ero­si­on. Der Va­ter ver­lässt die Fa­mi­lie, die Mut­ter er­fin­det für die Kin­der ei­ne Aus­lands­rei­se, man reist zu ei­ner Sil­ves­ter­fei­er und an die Küs­te. Ein Hund läuft frei durch das ver­win­kel­te, ge­räu­mi­ge Haus und macht den en­gen Ein­gangs­flur voll, durch den der schnit­ti­ge Ford Ga­la­xy nur mit Mü­he (oder Krat­zern) passt. Ein in­dia­ni­sches Haus­mäd­chen küm­mert sich ums täg­li­che Auf­räu­men, Es­sen, Sau­ber­ma­chen, die Kin­der – und ist ei­nes Ta­ges schwan­ger. Na­tür­lich ver­schwin­det der Kinds­va­ter – bis sie ihn un­ver­se­hens wie­der­trifft. An je­nem Fron­leich­nams­tag 1971, an dem Po­li­zei und ge­dun­ge­ne Pis­to­le­ros 120 pro­tes­tie­ren­de Stu­den­ten er­schie­ßen. Das Mas­sa­ker, vor al­lem durch die Schei­ben ei­nes Mö­bel­ge­schäfts ge­se­hen, ist ne­ben der Kinds­ge­burt der ein­zi­ge dra­ma­ti­sche Hö­he­punkt.

An­sons­ten pas­siert nur Le­ben, ba­nal, tri­vi­al, all­täg­lich und ganz ge­nau be­ob­ach­tet, al­so span­nend. Ein Blick zu­rück in so be­rüh­ren­der wie be­rü­cken­der Me­lan­cho­lie. Da be­dau­ert man nur noch, dass die gran­dio­se, so bur­les­ke wie ro­man­ti­sche „The Bal­lad of Bus­ter Scruggs“(net­flix) der Brü­der Co­en nicht auch im Ki­no war. Dort tö­ten Kla­mot­ten, al­ber­ne Su­per­hel­den und be­deu­tungs­schwe­re Nich­tig­kei­ten in­zwi­schen je­den fil­mi­schen Reiz. Bleibt of­fen­bar nur Net­flix als Flucht­ort. „Ro­ma“im Ci­nes­tar Leip­zig: 9. De­zem­ber, 17 Uhr, und am 12. De­zem­ber, 14 Uhr

Fo­to: AP

„Ro­ma“von Al­fon­so Cuarón: Ge­win­ner beim Film­fes­ti­val Ve­ne­dig, Os­car-no­mi­niert von Me­xi­ko und um­strit­ten beim Ki­no­ein­satz die­se Wo­che – we­gen Net­flix.

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