Wie ein Mixtape, nur mit Sei­ten

Das „Beas­tie Boys Buch“er­zählt, wie al­les war

Leipziger Volkszeitung - - KULTUR - VON MAT­THI­AS HAL­BIG

Him­mel, es ist schon wie­der sechs Jah­re her, dass Adam Yauch tot ist, kaum zu glau­ben wie die Zeit ver­geht. Mit sei­nem Tod en­de­te die lan­ge wil­de Ge­schich­te der Beas­tie Boys, ei­ner der ein­fluss- und er­folg­reichs­ten Hip-hop-bands der Welt. Adam Ho­ro­vitz (ali­as Ad Rock) und Micha­el Dia­mond (ali­as Mi­ke D.) wol­len jetzt noch mal da­ran er­in­nern, wie die New Yor­ker vom Hard­core­punk zum Rap ka­men, wie sie ih­re Schlag­zeu­ge­rin Ka­te Schel­len­bach auf Ge­heiß von Pro­du­zent Rick Ru­bin raus­war­fen, weil „Beas­tie BOYS“eben kein Girl ver­trü­gen und so wei­ter. Der Band ist dick. Die gan­ze Vor- und die gan­ze Haupt­ge­schich­te wer­den aus­ge­brei­tet. Aber nicht im drö­gen „Tag 43 im Stu­dio, al­le sind kom­plett am Bo­den“-stil son­dern in bun­ten, glit­zern­den Text­schnip­seln. Das „Beas­tie Boys Buch“ist wie ein Mixtape, nur mit Sei­ten. Ver­schwom­me­ne, schar­fe, kör­ni­ge Bil­der, ver­peil­te, wil­de, ker­ni­ge Tex­te. Mal ein Co­mic zwi­schen­drin, mal ein paar Lieb­lings­re­zep­te. Ein biss­chen rotz­löf­fe­lig, pun­kig und ein biss­chen al­ters­wei­se.

Ehr­lich und im­mer wie­der selbst­iro­nisch ge­hen die bei­den Über­le­ben­den sich selbst auf den Grund. Und im­mer ist da im Mit­tel­punkt der ei­ne, der fehlt. Der im­mer über­rasch­te, der un­vor­her­seh­bar war und un­er­schro­cken. Der sich für Bud­dhis­mus und Ti­bets Frei­heit in­ter­es­sier­te und da­für ein Mu­sik­fes­ti­val mit Su­per­stars los­trat.

„Yauch war so ein Freund“, sagt der an­de­re Adam der Beas­tie Boys all­ge­mein, um dann zu spe­zi­fi­zie­ren. „Ein Freund, der die Sa­che ins Rol­len bringt, der ei­nen in­spi­riert, nach den Ster­nen zu grei­fen.“Das ist dann auch schon so ziem­lich das ein­zi­ge Pa­thos in die­sem Beas­tie-klotz. Sie ver­mis­sen ih­ren Yauch, den sie im­mer sa­lopp mit dem Nach­na­men an­re­den. Und sie er­zäh­len ih­ren Yauch in An­ek­do­ten, auch wie ihm in In­di­en mal ein Af­fe den Schuh klau­te.

Ho­ro­vitz er­klärt die höchst dif­fi­zi­le Kas­set­ten­kul­tur in den spä­ten 70ern und wie schwer es war die C-60-bän­der in knal­len­gen Ho­sen zu trans­por­tie­ren. Dia­mond er­stellt Yauchs Mixtape, auf dem sich ne­ben Punk und Run DMCS „Su­cker M.C.‘S“auch Bob Mar­ley, Bob Dy­lan und das Wei­ße Al­bum der Beat­les fin­den. Und auf ei­nem aus­klapp­ba­ren Fol­der stellt Ho­ro­vitz das mu­si­ka­li­sche Equip­ment der Beas­tie Boys bis hin zu ei­nem ganz spe­zi­el­len Per­cus­sio­nin­stru­ment vor: „Wenn man auf die Sei­te des aus­ge­trock­ne­ten al­ten Kie­fer­kno­chen (ei­nes Esels) schlägt, rat­tern die Zäh­ne noch ta­ge­lang wei­ter.“

Der Schrift­stel­ler Luc San­te lie­fert mit „Beas­tie Re­vo­lu­ti­on“ein Pan­ora­ma der Mu­sik­stadt New York im Jah­re 1981, so at­mo­sphä­risch, dass man am liebs­ten hin­ein­stei­gen wür­de, um ein paar Mo­na­te mit­zu­le­ben in die­ser ver­we­ge­nen Zeit, als sich der Rap sei­nen Weg bahnt, das Sam­pling frem­der Songs zum Stil­mit­tel wird, Reg­gaeclubs ent­ste­hen, als Rea­gan Prä­si­dent ge­wor­den ist und Aids sei­ne ers­ten Op­fer fin­det.

Und die ge­schass­te Ka­te Schel­len­bach er­zählt mit­ten im Buch in dem Es­say „The Girl in the Band“, wie sie von ih­ren „Brü­dern“ver­ra­ten wur­de und wie die dann um­ge­hend ih­re Punk­wur­zeln ver­rie­ten. Und als man am En­de al­len Spa­ßes und Erns­tes nur noch ein­mal um­blät­tern muss, um den Schluss­kar­ton die­ses Kom­pen­di­ums um­zu­klap­pen, gibt’s noch ei­nen Stadt­plan von New York Ci­ty mit al­len Beas­tie-boy­sor­ten.

Ge­klärt wird im „Beas­tie Boys Buch“auch die Ge­schich­te des letz­ten Beas­tie-boys-al­bums „Hot Sau­ce Com­mi­tee Part Two“von 2011. Mit ir­rem Auf­wand hät­ten die Beas­tie Boys ih­re Sam­ples dies­mal kom­plett selbst er­stellt und sie dann frei er­fun­de­nen Bands und Künst­lern zu­ge­wie­sen. Aber nie­mand ha­be es ge­merkt, denn kei­ner stu­die­re mehr Plat­ten­co­ver, be­klagt Ho­ro­vitz. Und er schließt dar­aus: „Hoch­tra­ben­de Kon­zep­te sind für das Me­di­um Pop­mu­sik ir­re­le­vant.“

Die Fest­plat­te mit dem nie ver­öf­fent­lich­ten „Part One“hät­ten sie üb­ri­gens „auf dem Dach ei­nes Gü­ter­wag­gons ir­gend­wo au­ßer­halb von Mis­sou­la, Mon­ta­na lie­gen“las­sen. Und so bit­tet Ho­ro­vitz an an­de­rer Stel­le den po­ten­zi­el­len Fin­der, er mö­ge sie doch zu­rück­ge­ben. Die Stadt Mis­sou­la exis­tiert, der Rest klingt eher nach Ho­bo-da­sein à la Woo­dy Gu­thrie und könn­te so er­fun­den sein wie die Bands zu den „Sau­ce“-sam­ples.

Was das Le­se­ver­gnü­gen nicht min­dert. Sei­nen Schuh hat Yauch im­mer­hin wie­der­be­kom­men. Der die­bi­sche Af­fe hat ihn ihm schließ­lich an den Kopf ge­wor­fen. Micha­el Dia­mond/ Adam Ho­ro­vitz: Beas­tie Boys Buch. Heyne;

572 Sei­ten,

40 Eu­ro

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