Lvz­um­fra­ge: Grü­ne im Os­ten in der Wäh­ler­gunst vorn

CDU kommt bei jun­gen Leu­ten im Os­ten kaum an / AFD punk­tet bei Män­nern

Leipziger Volkszeitung - - ERSTE SEITE - VON ANDRE­AS DEBSKI UND RO­LAND HE­ROLD

LEIP­ZIG. Der Auf­wärts­trend der Grü­nen setzt sich fort: Zum ers­ten Mal liegt die Öko­par­tei in Ost­deutsch­land auf Platz 1. Das geht aus dem ak­tu­el­len Mei­nungs­ba­ro­me­ter der Leip­zi­ger Volks­zei­tung her­vor. Dem­nach gibt fast je­der fünf­te Be­frag­te (19 Pro­zent) auf die Fra­ge, wel­che Par­tei ihm in­halt­lich am nächs­ten stün­de, die Grü­nen an – kei­ne an­de­re Par­tei er­reicht im Os­ten hö­he­re Wer­te. CDU, SPD und Lin­ke fol­gen mit je­weils 16 Pro­zent, da­hin­ter kom­men die AFD auf 14 Pro­zent und die FDP auf 6 Pro­zent. Mit 23 Pro­zent gibt knapp ein Vier­tel der Be­frag­ten an, sich mit kei­ner Par­tei iden­ti­fi­zie­ren zu kön­nen.

Stu­di­en­lei­ter Andre­as Cza­pli­cki macht klar: „Po­li­ti­sche Nä­he ist selbst­ver­ständ­lich nicht iden­tisch mit der Wah­l­ent­schei­dung, wo tak­ti­sche Über­le­gun­gen ei­ne gro­ße Rol­le spie­len kön­nen.“Die Fra­ge nach der po­li­ti­schen Nä­he sei da­her kei­ne Wahl­pro­gno­se. Trotz­dem schla­ge sich die po­li­ti­sche Stim­mung auch hier nie­der, meint Cza­pli­cki. Da Mehr­fach­nen­nun­gen mög­lich wa­ren, liegt die Ge­samt­sum­me al­ler Par­tei­en am En­de über 100 Pro­zent. Für den Stim­mungs­test wa­ren An­fang De­zem­ber bun­des­weit 803 Men­schen re­prä­sen­ta­tiv von den Leip­zi­ger In­sti­tu­ten Uni­q­ma und IM Field im Auf­trag der LVZ be­fragt wor­den.

Aus­ge­wer­tet wur­de zu­sätz­lich spe­zi­ell die Stim­mung in den Bun­des­län­dern Sach­sen, Thü­rin­gen und Bran­den­burg, wo in die­sem Jahr drei Land­tags­wah­len statt­fin­den. Hier ist die Zu­stim­mung für die CDU (15 Pro­zent), die Grü­nen (18 Pro­zent) und vor al­lem für die SPD (11 Pro­zent) noch ge­rin­ger als im Ost-durch­schnitt, wäh­rend die AFD (16 Pro­zent) bes­ser ab­schnei­det. Mit 28 Pro­zent ist der An­teil de­rer, die sich durch kei­ne Par­tei ver­tre­ten füh­len, hö­her. Fast kon­stant bleibt die FDP mit 6 Pro­zent. Da­ne­ben er­gibt das Mei­nungs­ba­ro­me­ter ei­nen in­ter­es­san­ten Ver­gleich: Wäh­rend Lin­ke und AFD ins­be­son­de­re im Os­ten punk­ten kön­nen, liegen in West­deutsch­land CDU/CSU mit ins­ge­samt 30 Pro­zent und Grü­ne mit 24 Pro­zent mit Ab­stand vorn.

Auf­fäl­lig ist, dass sich be­son­ders häu­fig Män­ner als Sym­pa­thi­san­ten der AFD be­zeich­nen, die zu­dem über­durch­schnitt­lich bei den 50- bis 65-Jäh­ri­gen punk­ten kann. Da­ge­gen liegen bei den Jün­ge­ren (18 bis 29 Jah­re) im Os­ten die Grü­nen mit 37 Pro­zent und die SPD so­gar mit 39 Pro­zent vorn, wäh­rend die CDU (9 Pro­zent) in die­ser Al­ters­klas­se deut­lich zu­rück­fällt. In­ter­es­sant auch: Neun von zehn der jün­ge­ren Be­frag­ten ge­ben an, min­des­tens ei­ner Par­tei in­halt­lich na­he­zu­ste­hen – da­mit gibt es über­ra­schend in die­ser Al­ters­grup­pe die größ­te po­li­ti­sche Bin­dung. Un­ter den Bil­dungs­gra­den trifft dies wie­der­um auf Schul­ab­gän­ger der 8. Klas­se zu. Da­ge­gen ist un­ter Aka­de­mi­kern (24 Pro­zent) so­wie Fach­ar­bei­tern und mitt­le­ren Ab­schlüs­sen (28 Pro­zent) die größ­te Par­tei­en­fer­ne fest­zu­stel­len. Nach Ge­schlech­tern be­trach­tet, ha­ben die Grü­nen, die SPD und auch noch die CDU im Os­ten ei­ne hö­he­re An­zie­hungs­kraft auf Frau­en als auf Män­ner. Aus­ge­gli­chen stellt sich die An­hän­ger­schaft der Lin­ken dar: Hier sind so­wohl die Ge­schlech­ter als auch Al­ters­klas­sen an­nä­hernd gleich ver­teilt.

Der Leip­zi­ger Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler Hen­drik Trä­ger sieht in den ak­tu­ell ho­hen Um­fra­ge­wer­ten der Grü­nen den Lohn für de­ren kla­re Li­nie in den ver­gan­ge­nen Jah­ren. „Die Par­tei hat sich ge­wan­delt und ver­tritt de­zi­diert ih­re in­halt­li­chen Po­si­tio­nen – die man nicht un­be­dingt tei­len muss, die aber Klar­heit schaf­fen. Das ge­lingt den Volks­par­tei­en CDU und SPD nicht mehr“, ana­ly­siert der Par­tei­en­for­scher. Mit Blick auf die Land­tags­wah­len rät Trä­ger den Po­li­ti­kern, deut­lich stär­ker auf die Stim­mun­gen in der Be­völ­ke­rung zu ach­ten: „Bei vie­len Men­schen scheint über Jah­re hin­weg der Ein­druck ent­stan­den zu sein, die Po­li­ti­ker wür­den ih­nen nicht wirk­lich zu­hö­ren und nicht mit ih­nen re­den.“

DRESDEN. Hol­ger Zastrow soll’s noch mal ma­chen: Der säch­si­sche FDP-CHEF wird zum vier­ten Mal Spit­zen­kan­di­dat der Li­be­ra­len für ei­ne Land­tags­wahl. In ei­nem Mit­glie­der­ent­scheid spra­chen sich 63,6 Pro­zent, was 558 Stim­men ent­spricht, für den 49-jäh­ri­gen Dresd­ner aus, wäh­rend sein Her­aus­for­de­rer Tobias Se­gieth aus Chem­nitz auf 23,5 Pro­zent (206 Stim­men) kam. 87 Mit­glie­der ha­ben mit Nein ge­stimmt, 26 ent­hiel­ten sich. An der Brief­wahl, bei der bis En­de De­zem­ber ab­ge­stimmt wer­den konn­te, be­tei­lig­te sich nur et­wa die Hälf­te der rund 1800 Fdp-mit­glie­der in

Sach­sen. Ein Lan­des­par­tei­tag in vier Wo­chen soll den Par­tei­vor­sit­zen­den auch of­fi­zi­ell zum Spit­zen­kan­di­da­ten kü­ren.

Zastrow wer­te­te das Vo­tum als „or­dent­li­ches Er­geb­nis“und zoll­te dem Mit­be­wer­ber Re­spekt: „Er ist noch neu in der Par­tei. Ich hof­fe, dass er sich wei­ter­hin en­ga­giert.“Se­gieth, der erst vor gut ei­nem Jahr in die Par­tei ein­ge­tre­ten ist, wa­ren in dem Zwei­kampf von vorn­her­ein kei­ne Chan­cen ein­ge­räumt wor­den – um­so über­ra­schen­der ist des­halb sein ver­gleichs­wei­se gu­tes Ab­schnei­den. Der Chem­nit­zer hat­te sich für ei­ne stär­ke­re so­zia­le Aus­rich­tung der Li­be­ra­len ein­ge­setzt und die Kon­zen­tra­ti­on als „Au­to­fah­rer­und Wirt­schafts-fdp“kri­ti­siert. Zastrow sieht in Se­gieths Zu­stim­mungs­ra­te ei­nen Denk­zet­tel für sich selbst: „Ich weiß, dass ich po­la­ri­sie­re. Es gibt in der FDP nie­man­den mehr, der un­um­strit­ten ist.“Zugleich ver­wies er auf sein ma­ge­res Er­geb­nis bei der letz­ten Vor­stands­wahl: Mit 53 Pro­zent hat­te es 2017 für den ge­schäfts­füh­ren­den Ge­sell­schaf­ter ei­ner Wer­be- und Eventagen­tur im Macht­kampf mit Ro­bert Ma­lor­ny ge­ra­de so ge­reicht, um Lan­des­vor­sit­zen­der blei­ben zu kön­nen. Zu­vor war Zastrow in Dresden als Be­wer­ber für die Bun­des­tags­wahl ge­schei­tert. „Die Aus­ein­an­der­set­zun­gen wa­ren wich­tig, sind aber bei­ge­legt“, er­klärt Zastrow heu­te, „ich bin trotz der Kri­tik nicht da­von­ge­lau­fen. Und jetzt grei­fen wir ge­mein­sam an.“

Tat­säch­lich ver­spü­ren Sach­sens Li­be­ra­le den Rü­cken­wind, der die Bun­des­par­tei seit ge­rau­mer Zeit trägt und der eng mit dem Na­men Chris­ti­an Lind­ner ver­knüpft ist. Die FDP liegt im Frei­staat kon­stant bei sechs Pro­zent. Bei der Land­tags­wahl 2014 wa­ren die Li­be­ra­len mit 3,8 Pro­zent ge­schei­tert, nach­dem sie fünf Jah­re lang mit der CDU re­giert hat­ten. „Die­se Schar­te wol­len wir aus­wet­zen und das Come­back schaf­fen. In den ver­gan­ge­nen fünf Jah­ren ha­ben wir un­se­re Bo­den­haf­tung zu­rück­ge­won­nen“, gibt Zastrow die Mar­sch­rich­tung vor – und geht noch ei­nen Schritt wei­ter: „Wir wol­len wie­der zwei­stel­lig wer­den und auch re­gie­ren.“Vor zehn Jah­ren hat­te die FDP glatt zehn Pro­zent ge­holt.

Hol­ger Zastrow

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