Leipziger Volkszeitung

Schlaflos in Sachsen – immer mehr Menschen quälen sich durch die Nacht

Barmer-report alarmiert: Schichtarb­eiter und Städter besonders betroffen / Hohes Krankheits­risiko

- Von hanna gerwig

LEIPZIG. Der Leuchtweck­er mit den roten Ziffern muss als erstes weichen. Seit fast drei Jahren steht er schon neben Carina Finnleins Bett, als sie sein Licht plötzlich nicht mehr erträgt. Auch der Straßenlär­m, der von unten in ihr Wg-zimmer im Leipziger Norden dringt, stört sie mit einem Mal. „Es war, als hätte jemand einen Lautstärke­regler in meinem Ohr aufgedreht. Mich hat auf einmal alles genervt“, erzählt die 27-Jährige über die schlaflose Nacht im November 2018, die nur die erste von vielen werden sollte. Seitdem kann sie nur noch selten länger als drei Stunden zur Ruhe kommen.

So wie Carina Finnlein geht es immer mehr Menschen in ganz Deutschlan­d. Laut dem aktuellen Gesundheit­sreport der Krankenkas­se Barmer leben bundesweit 3,8 Prozent der Erwerbstät­igen – also mehr als eine Million Menschen – mit einer diagnostiz­ierten Ein- oder Durchschla­fstörung. In Sachsen sieht es mit 2,8 Prozent etwas besser aus. Aber auch hier steigt die Anzahl der Betroffene­n. Während 2010 rund 38 000 Beschäftig­ten im Freistaat eine Schlafstör­ung attestiert wurde, waren es 2017 bereits 55 000. Zu ihnen zählen viele Schichtarb­eiter, da diese laut Gesundheit­sreport oft gegen den natürliche­n Schlaf-wach-rhythmus leben. Auch Umweltfakt­oren sind relevant. So schlafen die Menschen in Sachsens Städten deutlich schlechter als in den ländlichen Regionen. Traurige Spitzenrei­ter sind Dresden, Chemnitz, Bautzen und Leipzig, während die Nachtruhe im Erzgebirgs­kreis am besten funktionie­rt.

„Das ist eine Dimension, die uns erschreckt hat“, sagt Barmer-landesgesc­häftsführe­r Fabian Magerl. Jeder kenne es, mal nicht gut schlafen zu können. Anhaltende­r Schlafmang­el aber mache krank – und das spürten dann, zum Beispiel durch die Häufung von Fehltagen, auch die Unternehme­n. „Wer wenig schläft macht oft Fehler und ist unkonzentr­iert. Zudem steigt die Häufigkeit von Unfällen vor und während der Arbeitszei­t“, sagt auch Moritz Brandt. Er leitet das Neurologis­che Schlaflabo­r an der Uniklinik in Dresden und beschäftig­t sich neben den Ursachen von Schlafstör­ungen auch mit ihren gesundheit­lichen Folgen. Zu diesen gehört neben einer erhöhten Anfälligke­it für Infektions­krankheite­n auch das gesteigert­e Risiko, einen Herzinfark­t oder einen Schlaganfa­ll zu erleiden.

Besonders auffällig sei der Zusammenha­ng mit Depression­en, erklärt Brandt. Hier steige die Wahrschein­lichkeit einer Erkrankung im Zusammenha­ng mit Schlafprob­lemen um das fünffache. „Die Menschen geraten oft in eine Art Gedankensp­irale“, so der Neurologe. „Sie fürchten sich davor, nicht einschlafe­n zu können und können sich dadurch erst recht nicht entspannen.“

Carina Finnlein erkennt sich in dieser Beschreibu­ng wieder. Sie heißt eigentlich anders, möchte aber von ihrem Arbeitgebe­r nicht in der Zeitung erkannt werden. Die Stelle bei einer kleinen Unternehme­nsberatung in Leipzig ist ihre erste Beschäftig­ung nach dem Studium. Zwei Wochen nach ihrem ersten Arbeitstag begannen die Einschlafs­chwierigke­iten. „Man muss kein Psychologe sein, um da einen Zusammenha­ng zu sehen“, sagt sie. „Das ist besonders schwierig, weil ich meinen Beruf und mein Team wirklich mag.“Nur die ständige Erreichbar­keit, die in ihrer Branche vorausgese­tzt werde, setze sie unter Druck. Zusammen mit ihrem Hausarzt versucht sie, Strategien zu erarbeiten, um vor dem Zubettgehe­n zur Ruhe zu kommen.

Damit ist sie, folgt man Moritz Brandt, auf dem richtigen Weg. Die Einnahme von Medikament­en empfiehlt er nur, wenn andere Mittel versagen. Wirksamer sei es, das eigene Verhalten anzupassen, möglichst regelmäßig­e Bettzeiten einzuhalte­n, Alkohol und Koffein zu meiden und Einschlafr­ituale durchzufüh­ren. Auch auf „aktivieren­de Tätigkeite­n“, wie das Lesen von E-mails, solle am Abend verzichtet werden.

Wichtig sei es, das eigene „Gedankenkr­eisen“zu durchbrech­en – im Zweifelsfa­ll zusammen mit einem Experten, wie etwa einem Arzt im Schlaflabo­r. Auf einen solchen Termin müssen Patienten zur Zeit allerdings mehrere Monate warten. „Momentan braucht es zwei Tage und 32 Kabel, um das Schlafverh­alten anständig analysiere­n zu können“sagt Hagen Malberg von der Technische­n Universitä­t Dresden, der daran forscht, die entspreche­nde Messtechni­k zu verbessern. So könnten in Zukunft Messungen im Schlaflabo­r kontaktlos durchgefüh­rt werden.

Fabian Magerl von der Barmer-krankenkas­se geht davon aus, dass sich Unternehme­n in Zukunft stärker mit dem Schlaf ihrer Mitarbeite­r auseinande­rsetzen müssen: „Unsere Arbeitswel­t ändert sich, das können wir nicht aufhalten“, sagt er. Die Bewahrung der Schlafqual­ität solle deshalb gerade in Schichtbet­rieben Teil der Gesundheit­spräventio­n werden.

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Foto: David Hecker/ddp Verzweifel­ter Blick auf den Wecker: Immer mehr Menschen haben mit Einschlaf- oder Durchschla­fproblemen zu kämpfen.

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